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Dekarbonisierung Schweiz – später.

Buch Nordmann

Die Dekarbonisierung der Schweiz ist zwar noch möglich, aber mit dem Atomausstieg ist sie in weite Ferne gerückt.

Das Buch des Jahres ist für mich Roger Nordmanns “Sonne für den Klimaschutz – Ein Solarplan für die Schweiz.”
Es ist die neue Bibel der (linken) Energiepolitik der Schweiz, an der wir uns in den nächsten Jahren orientieren werden.

Mit seinem Buch rückt Nordmann, Fraktionschef der Sozialdemokraten im Bundesparlament und Präsident von Swissolar , richtigerweise endlich die Dekarbonisierung ins Zentrum der Schweizer Energiepolitik und macht damit auch eine zentrale Schwäche der Energiestrategie2050 deutlich, welche wir ja erst 2017 an der Urne abgesegnet haben: Sie ist keine Strategie zur Dekarbonisierung, sondern bloss zum Ausstieg aus der Kernenergie.

Politisch vorsichtig nennt Nordmann die Energiestrategie2050 zwar “ein erfreulicher erster Schritt”, aber seine Bilanz ist deutlich: “Der von der Energiestrategie2050 vorgesehene Zubau (an erneuerbarer Energie; ndlr) von 11,4 TWh (ohne Wasserkraft) kann die heutige Atomstromproduktion nicht ersetzen und schon gar keine Dekarbonisierung ermöglichen.”

Oberstes energie- und klimapolitisches Ziel müsse es aber sein, “eine möglichst vollständige Dekarbonisierung unserer Energiewirtschaft” zu erreichen.
Dass dieses Ziel nur über eine “Abkehr von kohlestoffhaltigen Energieträgern” erreicht werden kann, ist inzwischen eine Binsenwahrheit und offizielle, internationale Klimapolitik seit Paris 2015.

Die Schweiz wäre dabei eigentlich in einer konfortablen Ausgangssituation: die inländische Stromproduktion ist heute und schon länger dank Wasser- und Atomkraft praktisch CO2-frei

Doch die elektrische Energie, der Strom, macht bisher nur rund ein Viertel des gesamten Energieverbrauchs in der Schweiz aus. Der Löwenanteil unserer Energie stammt aus fossilen Energieträgern (Öl/Benzin, Erdgas) und wird in den Bereichen Verkehr und Gebäude verbraucht.
Die Lösung heisst Elektrifizierung. Dazu braucht es aber grosse, neue Mengen an Strom. “Für die Dekarbonisierung von Verkehr und Gebäuden dürfte der Strombedarf um etwa 20 bis 25 Terawattstunden ansteigen”, rechnet Nordmann vor.

Das Energiegesetz zur Umsetzung der Energiestrategie2050 verlangt aber bloss, dass bis 2035 11,4 Terwattstunden aus erneuerbaren Energien (ohne Wasserkraft) zur Verfügung stehen müssen. Allein für die Dekarbonisierung von Verkehr und Gebäuden wäre aber doppelt soviel CO2-freie Energie nötig.

Doch die 11,4 Terwatt sollen gemäss der Energiestrategie gar nicht für den Ersatz von fossiler Energie verwendet werden – sondern für den Ersatz des CO2-freien Atomstroms. 11,4 Terwatt entsprechen allerdings nicht einmal der Hälfte der 25 Terawatt des wegfallenden Atomstroms.

Schon nächstes Jahr wird die Schweiz wegen dem Wegfall des Stroms aus dem AKW Mühleberg jährlich mehr als eine Million Tonnen CO2 mehr in die Umwelt pusten – weil sie fast 3 Terawatt dreckigen Strom aus dem Ausland importieren muss – und mit der geplanten, schrittweisen Schliessung der verbleibenden vier Atomreaktoren wird sich diese Bilanz noch dramatisch verschlechtern.

Defacto ist die Schweizer Energiestrategie in ihrer heutigen Form eine Karbonisierungs-, nicht eine Dekarbonisierungs-Strategie – und klimapolitisch ein Schritt in die falsche Richtung.

Roger Nordmann kommt das Verdienst zu, mit seinem Buch auch in seinen links-grünen Kreisen klar zu machen, dass die Energiestrategie2050 zur Dekarbonisierung der Schweiz nicht reicht. Wir müssen nicht bloss, wie man uns hat glauben lassen, die 25 Terawattstunden Strom aus Atomkraftwerken ersetzen, sondern eben zusätzlich auch noch einmal soviel neuen, sauberen Strom für die Dekarbonisierung der Energie aus fossilen Quellen in den Bereichen Verkehr und Gebäude bereitstellen.

Die Dekarbonisierung der Schweiz wäre auch ohne Atomausstieg eine Herkulesaufgabe gewesen, so aber ist sie doppelt schwierig.

Nordmann hält die Dekarbonisierung aber immer noch für machbar. Die Lösung heisst für ihn “Photovoltaik”, Solarstrom. Er ist sich sicher, dass “die Photovoltaik in der Lage ist, den Hauptteil der Stromversorgungslücke aufzufangen – auch unter Berücksichtigung des Stromverbrauchs für die Dekarbonisierung”.
In seinem “Solarplan für die Schweiz” empfiehlt Nordmann “einen Zubau der Photovoltaikleistung um 50 GW … Dies entspricht dem 25-fachen der Ende 2017 installierten Photovoltaikleistung.

Nordmann ist nicht naiv. Er weiss um die technischen und vorallem politischen Probleme zur Umsetzung seines ergeizigen Plans. Auch der Problematik drohender Versorgungsengpässe insbesondere im Winter ist er sich bewusst: Es sei “unsicher, ob die EU langfristig genug Strom produziert, dass wir unseren Bedarf durch Importe decken können”.
Er fordert deshalb nichts weniger als “die Deckung des gesamten Strombedarfs im mehrjährigen Mittel durch eigene Stromproduktion … unter Gewährleistung der Versorgungssicherheit im Winter”.

“Zur Kompensation des Defizits im Winter” zieht Nordmann deshalb eine inländische Produktion von Strom aus (fossilem) Erdgas in Betracht. Solche Gaskombikraftwerke sah ursprünglich auch die Energiestrategie2050 vor. Heute scheint man beim Bund aber nicht mehr viel davon zu halten.
Für die ElCom, die unabhängige staatliche Regulierungsbehörde im Elektrizitätsbereich, ist sie aber die einzige realistische Lösung, um eine allzugrosse Abhängigkeit von dreckigen Importen aus dem Ausland zu verhindern.

“Wenn wir importieren”, erläutert ElCom-Präsident Carlo Schmid im NZZ-Interview, “erhalten wir einen Mix mit sehr viel Kohlestrom. Strom aus Gas produziert halb so viel CO2 wie Strom aus Kohle. Es ist schlauer, in der Schweiz GuD (Gas- und Dampf-Kombikraftwerk, ndlr) aufzustellen, als aus Polen Kohlestrom zu importieren. Gaskraftwerke müssen enttabuisiert werden, denn wir müssen uns wahrscheinlich auf sie als Aushilfe abstützen. Sogar der SP-Energieexperte Roger Nordmann hat die Scheuklappen abgelegt und gesagt, dass GuD notwendig werden können.

Dürfen wir hoffen, dass jetzt die Zeit der Pragmatiker auch in der Schweiz anbricht?

Zurzeit sind wir immerhin unterwegs zu einer Minderung des Schadens, der durch den verfrühten Atomausstieg angerichtet wird: In der Energiestrategie2050 ist man offiziell noch von einer Laufzeit der Schweizer Kernkraftwerke von 50 Jahren ausgegangen. Fast unbeachtet von der medialen Öffentlichkeit ist das Bundesamt für Energie jetzt davon abgerückt. Und auch in pragmatisch-linken Kreisen geht man heute von einer neuen Laufzeit der Atomkraftwerke von 60 Jahren aus.

Die Forderung der Anti-AKW-Lobby einer vorzeitigen Schliessung der zurzeit noch laufenden Schweizer AKW scheint im bestenfall ein Anachronismus.

Wer die Dringlichkeit der Dekarbonisierung verstanden hat, wer sie nicht bloss als Propagandavehikel für kurzfristige Eigeninteressen ansieht, müsste wohl eher eine Politik verfolgen, die es den Besitzern der Schweizer AKW (und das sind im wesentlichen die Kantone) ermöglicht, ihre Anlagen so lange wie sicherheitstechnisch möglich weiter zu betreiben, so dass uns dieser CO2-freie Strom noch so lange wie möglich zur Verfügung stehen wird.

Die Verlängerung der Laufzeit der AKW wird uns allerdings bloss etwas mehr Zeit zur Bereitstellung von erneuerbaren Energien geben. Das Problem ist damit nicht gelöst.

Die Photovoltaik verfügt als einzige der aktuell zur Verfügung stehenden erneuerbaren Energien wenigstens theoretisch über das nötige Potential, die benötigten Energiemengen zu liefern, wie Nordmann in seinem “Solarplan für die Schweiz” überzeugend argumentiert. Sie “muss deshalb sofort massiv verstärkt werden” und “bei einem solchen Volumen (an zu installierender Photvoltaik, ndlr) reichen kleine Schritte nicht mehr.”

Doch auch wenn ein grosses Wunder geschieht, wenn die technischen Probleme bei der Speicherung der Solarenergie bald gelöst werden und alle Seiten bereit sind, von ihren festgefahren Meinungen abzurücken, ist leider davon ausgehen, dass wir zumindest vorübergehend eine Karbonisierung der Schweiz in Kauf nehmen müsssen. Die Dekarbonisierung der Schweiz ist zwar noch möglich, aber mit dem Atomausstieg ist sie in weite Ferne gerückt.


One Comment

  1. D. Keller D. Keller

    Keine Angst vor Gaskraftwerken , denn sie tragen zu einer massiven Dekarbonisierung des Energieverbrauchs in der Schweiz bei.
    Es kommt darauf an, wie man diesen Gasstrom nutzt.

    Gebäudeheizung: Gaskombikraftwerk Wirkungsgrad 60%-5% Übertragungsverluste=57%. Wärmepumpe macht daraus 171% (COP 3). Im Vergleich zu einer Gasheizung mit Wirkungsgrad 95% sparen wir somit fast die Hälfte CO2/fossile Energie mit Gaskombikraftwerken ein.

    Verkehr: Gaskombikraftwerk Wirkungsgrad 60%-5% Übertragung-Ladeverlust 10%-Antriebsstrang Verlust 15%=43.6% die am Rad eines E-Autos/LKW ankommen. Bei einem Verbrenner kommen nur ca. 15% an. Somit sparen wir ca. 2/3 CO2/fossile Energie ein.

    Nochmals: Gaskraftwerke dekarbonisieren somit die Energie in der Schweiz.

    Bleibt noch der (Teil-) Ersatz der heutigen Kernenergie (Strom für Wirtschaft und Haushalte). Hier brauchts wohl einen gut schweizerischen Kompromiss aus PV, Staumauererhöhung, Speicher, (minimalem) Import und Gaskraftwerken.
    Pragmatisch wäre jetzt: ein Gaskombikraftwerk mit 2 Blöcken (à 500 MW) zu planen, und einen Block in den nächsten 3-4 Jahren zu bauen.
    Wenn die Linke (SP, GLP, ohne Grüne) mitmacht gut, ansonsten müssen die Bürgerlichen das Heft in die Hand nehmen.
    Alles weitere rollende Planung, da sich die Technologie in allen Bereichen laufend entwickelt und genau beobachtet werden muss.

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