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Grenzen

Jemand, der nicht im unmittelbaren Grenzraum lebt, kann sich nur schwer vorstellen, was diese Grenzschliessung für uns bedeutet, die wir praktisch auf der Grenze leben.

Tag 3 der Grenzschliessung zu Deutschland.
Jemand, der nicht im unmittelbaren Grenzraum lebt, kann sich nur schwer vorstellen, was diese Grenzschliessung für uns bedeutet, die wir praktisch auf der Grenze leben.

Ich lebe seit bald 40 Jahren in Bettingen, einer der drei Gemeinden des Kantons Basel-Stadt. Das Dorf liegt jenseits des Rheins in den ersten (oder letzten) Ausläufern des Schwarzwalds und ist bis auf einen ganz schmalen Ausgang zur Schweiz, zu Riehen/Basel, “umzingelt von der deutschen Grenze.
Während Jahrhunderten gab es hier keine Grenze, jedenfalls keine nationalstaatliche. Die Bettinger Bauern hatten früher häufig Land jenseits der heutigen Grenze und es gibt noch heute (vereinzelt) verwandtschaftliche Beziehungen aus der Zeit, als man “die Frauen drüben in Grenzach holte”, wie meine Schwiegermutter gern erzählte.

Für die (heute deutschen) Bauern im benachbarten Wiesental und dem Markgräflerland war Basel Jahrhunderte lang der Ort, wo sie hingingen, um ihre Waren zu verkaufen. Der grösste badische Dichter und Schriftsteller, Johann Peter Hebel, dessen “Kalendergeschichten” bis vor kurzer Zeit auch noch in den meisten Schweizer “Schul- und Lesebüchern” zu finden waren, hat seine Jugend in Basel verbracht; seine aus dem (badischen) Wiesental stammenden Eltern waren Bedienstete in einem Basler Herrenhaus.
Noch heute gibt es (wenige alte) Leute in Lörrach oder Weil am Rhein, die sagen “ich gehe in die Stadt”, wenn sie nach Basel gehen.

Bei uns in Bettingen nimmt man die Grenze nur jeweils am “Banntag” wahr, wenn wir gemeinsam einen Spaziergang auf den Wegen machen, welche häufig entlang der Grenzsteine führen.

Ich verbringe einen guten Teil meiner Freizeit “in Badischen”. An einem freien Tag gehe ich gerne die 5 Kilometer zu Fuss über die “grüne Grenze” zum Marktplatz in Lörrach, der georgraphisch näher liegt als der Marktplatz in Basel, um im “Wilden Mann” ein Bier zu trinken und mit den Einheimischen zu plaudern. Viele der Leute dort reden noch ein mehr oder weniger traditionelles Alemannisch. Deutsche von weiter weg glauben häufig, diese alemannisch redenden Lörracher wären Schweizer – was diese im Übrigen nicht wirklich schätzen.

Und ja, auch Johann Peter Hebel, hat im Wilde Maa verkehrt.

Diese unmittelbare Nachbarschaft ist mein “natürlicher” Lebensraum. Jetzt plötzlich ist er höchstens noch illegal für mich zugänglich. Das fühlt sich irgendwie amputiert an. Ich kann jetzt nachvollziehen, wie das für die Bettinger vor 80 Jahren war, als die Grenze letzmals zu war: im zweiten Weltkrieg, für gut 5 Jahre.

Das kleine Video unten, das ich mit meinem Iphone aufgenommen habe, gibt eine kleinen Eindruck von der Situation bei uns gleich am Rand des Dorfs: oberhalb bei St. Chrischona mit dem grossen Sendeturm und unterhalb im Bereich des Hornfelsen, den ich häufig besuche, weil er einen tollen Blick über die Stadt (Basel) bietet und ich den Ort als eine Art räumlichen Mittelpunkt meiner Welt/Heimat empfinde. Erst vorgestern als diese Aufnahmen entstanden sind, ist mir überhaupt zum ersten Mal bewusst geworden, dass der Hornfelsen schon jenseits der Grenze liegt. Es war vorgestern plötzlich ganz anders, von dort, aus dem Ausland, auf Basel zu schauen.

Und nein: ich hatte kein schlechtes Gewissen, die Grenze illegal überschritten zu haben.

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