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Dick Marty und der Kosovo

Die Hauptaussage der Geschichte, welche die albanische Tageszeitung “Dita” heute erzählt, lautet: Der Bericht zuhanden des Europarates 2010, in dem Dick Marty die UCK-Führung um Hashim Thaci beschuldigte, serbischen Gefangenen “im gelben Haus” in Albanien Organe entnommen und auf dem internationalen Organmarkt verkauft zu haben, wurde nicht von Marty selbst geschrieben, sondern vom serbischen Geheimdienst.

Dies ist eine Geschichte, welche ich gerne von Schweizer Journalisten nachrecherchiert sehen würde. Wenn nur ein Teil davon wahr ist, scheint sie mir äusserst brisant: Es geht um die Rolle von Dick Marty im Rahmen der Aufarbeitung der jüngeren Geschichte des Kosovo und insbesondere seinen Bericht “Inhuman treatment of people and illicit trafficking in human organs in Kosovo” (Organhandel) von 2010 zuhanden des Europarats. Brisant nicht zuletzt, weil Dick Marty seine grosses Renommee zurzeit der Konzernverantwortungsinitiative zur Verfügung stellt, als deren wichtigster Exponent er auftritt und über die wir in der Schweiz am 29. November abstimmen werden.

Ist nur ein Teil der Geschichte wahr, welche zurzeit in den albanisch-sprachigen Medien und insbesondere in den Social Media aufbrandet, ist das nicht nur ein kapitaler Schaden für den Ruf des ehemaligen Tessiner Staatsanwalts, Ständerats und Europaratsabegordneten, sondern nicht zuletzt auch für die Konzernverantwortungsinitiative – sie könnte gar Abstimmungs-entscheidend sein.

Dick Marty war gestern die Frontstory der albanische Tageszeitung “Dita”:
Exklusiv: Drei Männer am Bahnhof Zürich… Wie das “Gelbe Haus” erfunden wurde, wer die Akte an Dick Marty übergab, wo das Treffen stattfand, was in dem Umschlag war, der nie geöffnet wurde.

Die Geschichte ist in den albanisch-sprachigen Medien nicht ganz neu. So hat unter anderem Bardhyl Mahmuti, der in Lausanne lebende, ehemalige Repräsentant der Befreiungsbewegung UCK in der Schweiz, in seinem Buch “Blood Libel” 2015 darüber geschrieben und seither mehrfach auf seinem Facebook-Account. Aber in der Schweiz hat das heikle Thema bisher noch niemand angefasst, auch weil es sehr schwer ist, Wahrheit und Propaganda aller involvierten Seiten auseinanderzuhalten oder gar zu durchschauen.

Die Hauptaussage der Geschichte, wie sie die Tageszeitung “Dita” heute erzählt, lautet: Der Bericht zuhanden des Europarates 2010, in dem Dick Marty die UCK-Führung um Hashim Thaci beschuldigte, serbischen Gefangenen “im gelben Haus” in Albanien Organe entnommen und auf dem internationalen Organmarkt verkauft zu haben, wurde nicht von Marty selbst geschrieben, sondern vom serbischen Geheimdienst.

Ziel der Serben: Die Diskreditierung der UCK und ihrer Führung und dadurch die Verhinderung einer beiten Anerkennung eines unabhängigen Staates Kosovo durch die internationale Gemeinschaft.

“Hauptzeuge” der Zeitung “Dita” ist Milan Protic, damals Botschafter Serbiens in der Schweiz. In seinem Buch “Zemlja Viljelma Tel” (“Im Land von Wilhelm Tell”) hat er im Detail beschrieben, wie er Dick Mart zunächst im Mai 2009 im Ständerat in Bern traf und anschliessend mit zwei Geheimdienstoffizieren im Bahnhof Zürich.
“We would wait for Dick Marty in a room at the Zurich train station.”  Zwei Dossiers seien dem Ständerat übergeben worden: Eines, schön verpackt, sei umfangreich gewesen, das andere dünner. “Dann ging der Senator”
Ex-Botschafter Protic hat 2018 in einem Interview eines serbischen Privatfernsehsender seine Aussage wiederholt.

Bardhyl Mahmuti hat – ohne die Details vom Bahnhof Zürich – dieselben Anschuldigung gegenüber Dick Marty erhoben und ihn mehrfach aufgefordert, sich einer Diskussion mit ihm zu stellen. Schliesslich habe ihm Dick Marti geschrieben, er (Mahmuti) sei offenischtlich nur an der Propaganda gelegen. Er (Dick Marty) wolle dieses Spiel aber nicht mitmachen. Er (Mahmuti) soll ihn, bitte, nicht mehr kontaktieren.

Gemäss einer ganzen Artikelserie hat das Magazins Cafe Babel hatte es 2010 von Anfang an kritische Stimmen im Europarat zu Martys Rapport gegeben. “Der marty-Bericht, der den Europaabgeordneten hinter verschlossenen Türen im Januar 2011 präsentiert wurde, wurde in Brüssel sehr schlecht aufgenommen. … Dick Marty wird als ‘Lügner’ bezeichnet, und einige empörte Parlamentarier verlassen den Raum, indem sie die Tür zuschlagen.”

Zu den Protestierenden gehörte auch der französische Abgeordnete Arnaud Danjean, der während dem Krieg 1999 – 2000 beim französischen Geheimdienst zuständig für den Kosovo war: “Von all denen, die 1999 vor Ort (im Kosovo) waren, glaubte niemand diese Geschichte vom Organhandel.”

Der Marty-Bericht wurde schliesslich aber doch (deutlich) angenommen und der Rat verabschiedete eine Resolution, welche die albanischen und kosovarischen Behörden aufforderte, die Anschuldigungen zu untersuchen. Dies geschah aber erst als die interantionale Gemeinschaft das kosovarische Parlament zwang, einen Sondergerichtshof mit Sitz in Den Haag (NL) einzurichten. Diese Gericht hat nun Anklage gegen Hashim Thaci (Präsident des Kosovo seit 2016) und drei weitere Topkader der UCK erhoben.

Allerdings – und das ist äusserst aufälig und für Dick Marty möglicherweise unangenehm – in der Anklageschrift wird der Organhandel nicht einmal mehr erwähnt. Der damaligen obersten Führungsriege der UCK um Hashim Thaci wird vorgeworfen, für die Ermordung von über 100 Menschen verantwortlich gewesen zu sein. Am 5. November musste Präsident Thaci von seinem Amt zurücktreten. Er stellte sich der EULEX (Rechtstaatlichkeitsmission der EU im Kosovo), wurde verhaftet und noch am gleichen Tag in das Gefängnis des Sondergerichts in Den Haag überstellt.

Viele Kosovaren haben die Verhaftung Thacis als “zweite Befreiung” empfunden. Die erste Befreiung war der Abzug der serbischen Truppen aus dem Kosovo, respektive der Einmarsch der NATO-Truppen am 12. Juni 1999. Sie hoffen auf baldige Neuwahlen, welche gemäss Verfassung im Verlauf der nächsten 6 Monate stattfinden müssten und mit grosser Wahrscheinlichkeit einen deutlichen Sieg der opposoitionellen, linksliberal-nationalistischen Bewegung “Vetevendosje”. Dies verbinden sie mit der Hoffnung auf einen wirklichen Neustart für den Kosovo. Doch das letzte Wort ist noch nicht gesprochen.

Seit der Verhaftung Hashim Thacis sind die Medien daran, die Geschichte der UCK und der Machenschaften der Kommandanten um Thaci neu zu erzählen. Zeugen von damals wagen es jetzt vermehrt, öffentlich von ihren Erfahrungen zu berichten.

In der Schweiz wäre es auch an der Zeit, die äusserst spannende Geschichte der Rolle der Schweiz in der Geschichte des jungen Kosovo gründlich aufzuarbeiten. Ein wichtiges Kapitel müsste dabei auch die Rolle der Statsanwälte Carla Del Ponte und Dick Marty sein. Was stimmt wirklich an all den (schlechten) Geschichten, die in den albanisch-sprachigen Medien und in der grossen Diaspora der Kosovaren in der Schweiz über die Schweizer Staatsanwälte erzählt wird?
Interessiert das überhaupt jemand dafür? Wagt es ein Schweizer Medium, diese Thema anzugehen?

Autor: Andrea Müller, Contextlink

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