Hintergrund: Türkei Gülen-Bewegung

Fethullah Gülen

Wer sich beruflich oder privat für die Türkei interessiert und speziell für den aktuellen „Machtkampf“ zwischen der Regierungspartei AKP um Regierungschef Recep Erdogan und der Bewegung des islamischen Vordenkers Fethullah Gülen, sollte diesen Hintergrund von Günter Seufert in der Publikation der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) lesen. Er bietet nicht nur eine fundierten und wie mir scheint unideologischen Einblick in die Hintergründe der aktuellen Auseinandersetzung in der Türkei, sondern er zeigt auch, warum diese Entwicklung in der Türkei auch für uns sehr wichtig ist. Mehr noch: Sie dürfte weltweit bedeutend sein, denn im Grunde geht es hier um ein Thema, das die Welt in den kommenden Jahrzehnten prägen wird: das Verhältnis von Religion und Staat, von Säkularismus und Religion und generell von Religion und Moderne.

Ich erlaube mir, hier Seuferts einleitende „Problemstellung und Schlussfolgerungen“ seiner SWP-Publikation „Ãœberdehnt sich die Bewegung von Fethullah Gülen? Eine türkische Religionsgemeinde als nationaler und internationaler Akteur“ zu kopieren. Den ganzen Aufsatz gibt es hier.

Wohl keine islamische Bewegung wird in Deutschland so gegensätzlich beurteilt wie die, die sich auf den türkischen Prediger Fethullah Gülen beruft. Gleichzeitig gilt die Gülen-Bewegung, wie in anderen west-europäischen Ländern, so auch in Deutschland, als die am schnellsten wachsende Strömung unter Bürgern mit türkischen Wurzeln. Circa 300 Vereine, die Gülen nahestehen, betreiben hier 24 staatlich anerkannte Privatschulen und etwa 150 außerschulische Nachhilfeeinrichtungen. Offiziell gibt es in keiner dieser Einrichtungen islamische Unterweisung. Die Absolventen dieser Schulen bilden eine neue, in sozial-moralischer Hinsicht konservative Bildungselite, die mit großem Engagement an der Gründung weiterer Schulen arbeitet und dafür den Kontakt zur Politik, zur Verwaltung und zur Öffentlichkeit sucht.
In der Türkei bilden die Anhänger Gülens heute die größte Gruppe des nichtstaatlich organisierten Islam. Auch in der Türkei könnte die Einschätzung der Bewegung nicht gegensätzlicher ausfallen. Säkularisten und kurdische Nationalisten unterstellen ihr eine totalitäre Orientierung, die auf einer Mixtur aus konservativem Islam und ethnisch-türkischem Nationalismus gründen, und beschuldigen sie der Unterwanderung der staatlichen Bürokratie, besonders der Polizei und der Justiz. Fethullah Gülen selbst lebt seit 1999 in den Vereinigten Staaten, was für manche in der Türkei hinreichend Beleg dafür ist, dass er und seine Anhänger US-amerikanische Interessen vertreten. Einige Liberale hingegen meinen, der wichtigste Charakterzug der Bewegung sei, dass sie aus der Mitte der türkischen Gesellschaft komme und gleichzeitig eine modernistische Strömung im Islam repräsentiere, die die Religion mit dem privatwirtschaftlichen Wirtschaftssystem und dem Parlamentarismus versöhne.

Warum fällt es sowohl der türkischen als auch der deutschen Öffentlichkeit so schwer, zu einer ausgewogeneren Einschätzung der Bewegung zu gelangen? Wie ist der religiöse Charakter einer Bewegung einzuschätzen, die sich auf einen Prediger beruft, aber in der Öffentlichkeit nicht als religiöser Akteur auftritt? Wie sind die religiöse und politische Ausrichtung einer Bewegung zu deuten und zu bewerten, deren Idol sich sowohl orthodox als auch reformistisch äußert und sowohl türkisch-nationalistische als auch internationalistische Positionen vertritt? Was hält eine Bewegung zusammen, die selbst vorgibt, nichts weiter zu sein als eine Reihe unabhängiger Schulträger, Medienholdings, Firmen und Wirtschaftsverbände, die sich alle von den Lehren Gülens angesprochen und motiviert fühlen? Und was tragen die Anhänger Gülens selbst dazu bei, dass ihnen immer wieder großes Misstrauen entgegenschlägt? 

Zum einen setzen sich Gülens Anhänger aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen zusammen, die teilweise konträren Handlungszwängen unterliegen. 

Da ist zum einen eine Erziehungs- und Bildungsbewegung, die sich zum Ziel gesetzt hat, einen sittlichen, religiös gebundenen und gleichzeitig nach modernen Standards gebildeten Menschen zu schaffen. Die mehr als 140 Auslandschulen der Bewegung gelten vielen in der Türkei als Botschafter des Landes und Vermittler türkischer Kultur, weshalb die Bildungsbewegung nicht nur sunnitisch-muslimische, sondern auch stark türkisch-nationale Züge trägt. Daneben existiert eine nicht bekannte Zahl kultureller Zentren, die sich dem inter-religiösen Dialog verschrieben haben. Dieser Arm der Bewegung tritt vor allem in den Ländern Europas und in den USA in den Vordergrund und trägt dort maßgeblich zu ihrem positiven Image bei. Die Finanzierung all dieser Aktivitäten obliegt türkischen Unternehmern, oft anatolischer Herkunft, die sich in der Türkei unter dem Namen TUSKON eine Dachorganisation gegeben haben. TUSKON vermeidet es, eindeutige politische Positionen zu beziehen, zeichnet in seinen Stellungnahmen ein konfliktfreies Bild von der türkischen Gesellschaft und hält sich aus der tagespolitischen Auseinandersetzung heraus. Ganz anders werden im Hinblick auf ihr politisches Engagement die Seilschaften in der Bürokratie der Türkei, insbesondere in der Polizei und der Justiz bewertet, die den vierten Akteursstrang der Bewegung bilden. 

Zum zweiten hängt die Beurteilung der Gülen-Bewegung wesentlich vom politischen Kontext des jeweiligen Betrachters ab sowie von den Normen, denen er sich verbunden fühlt. So werden türkisch-nationale Orientierungen in der Türkei selbst in der Regel eher positiver bewertet als in den europäischen Aufnahmeländern türkischer Migranten. Umgekehrt werden die politischen Positionen Fethullah Gülens wie seine Überzeugung, Islam und Demokratie seien vereinbar, in der Türkei weniger anerkennendes Erstaunen hervorrufen als zum Beispiel in den USA. Denn für die muslimische Mehrheitsgesellschaft der Türkei, die seit neunzig Jahren in einer säkularen politischen Ordnung lebt, spiegelt diese Position Gülens schlicht ihren Alltag wider. In der US-amerikanischen Öffentlichkeit hingegen macht ein solcher Standpunkt den Prediger schnell zu einem Modernisierer des Islam. 

In der Türkei liegt die zentrale Bedeutung der Bewegung vorrangig darin, zur Herausbildung einer in moralischer Hinsicht konservativen Gegenelite beigetragen zu haben, die maßgeblichen Anteil daran hat, die auf Europa orientierte, aber auch autoritäre Elite der säkularen Republik abzulösen. Dieser Prozess vollzieht sich einerseits über Bildungsarbeit unter den konservativen Schichten. Ein anderer Schauplatz aber sind die türkische Bürokratie und Justiz, wo es erbarmungslose Grabenkämpfe gibt. In den USA hat sich die Bewegung als dialogbereite muslimische Alternative zum Islamismus etabliert, was ihr das Wohlwollen einflussreicher politischer Kreise einbrachte. In Deutschland und anderen europäischen Aufnahmeländern von Migranten aus der Türkei ist die Bewegung die einzige türkisch-muslimische Organisation, die sich nicht primär auf eine Politik der Anerkennung des Islam konzentriert. Wie andernorts beschäftigt sie sich auch in Deutschland weder mit Moscheebau noch mit der Einführung islamischen Religionsunterrichts, sondern setzt auf die Vermittlung säkularen Wissens, das eine muslimische Bildungselite hervorbringen soll. Diese Säkularisierung des Handelns geht jedoch mit einer starken Verinnerlichung religiöser Normen und Werte einher. Der Selbstauftrag der Gülen-Bewegung ist insofern mit dem der »Inneren Mission« in Deutschland vergleichbar, jener karitativ-christlichen Vereine und Initiativen in der Zeit der Industrialisierung, deren soziales Engagement sich aus religiösem Bewusstsein speiste und gleichzeitig auf die Stärkung der religiösen Identität gerichtet war. 

Welche dieser beiden Dynamiken der Gülen-Bewegung wird in Deutschland die Oberhand behalten, und wie sollten Staat und Gesellschaft der Bundesrepublik auf die Aktivitäten der Bewegung reagieren?

 

 

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