Religion ist Teil unserer Zukunft

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Die Säkularismus-Theorie war eine Wunschvorstellung von uns Säkularisten. Ihre grundlegenden Annahme, die Moderne bewirke notwendigerweise einen Rückgang von Religion, ist offensichtlich falsch. Die Welt ist in den letzten Jahren nicht weniger religiös geworden. Im Gegenteil: Wir waren und sind Zeuge  eines mächtigen Aufschwungs leidenschaftlicher Religiosität in fast allen grossen Glaubenstraditionen. Insbesondere  der evangelikale Protestantismus in seiner dynamischsten Form, der Pfingstbewegung, und der Islam haben eine schon fast explosionsartige Entwicklung genommen.

Die grosse Ausnahme von dieser  dieser „lärmigen Szene“, wie sie Professor Peter L. Berger, der Doyen der amerikanischen Religionssoziologie, nennt, ist Europa.

Ein Disclaimer: Fast alles, was ich zu dem Thema denke und schreibe, ist zweitens beeinflusst von meinen Erfahrungen bei den Arbeiten an unserem Dok-Film „Kreuzzug“ der im nächsten Frühjahr fertig sein wird, und erstens und vorallem von Peter L. Berger von der Boston University.  Ich gebe hier im Wesentlichen das wieder, was ich aus seinen Publikationen und in persönlichen Gesprächen, die ich im vergangenen Herbst in Boston mit ihm führen durfte, gelernt habe. Selbstverständliche interpretiere ich auch Einiges eigenständig. Ich lese ja nicht nur Berger. Ich hoffe aber, Professor Berger stehen bei der Lektüre dieses Textes nicht allzusehr die (nicht mehr vorhandenen) Haare zu Berge.

Eurobarometer 2005

Eurobarometer 2005

Europa als Ausnahme
Tatsächlich scheint sich Europa weiter zu säkularisieren, so wie es das „eurozentrische“ Säkularisierungs-Paradigma für die gesamte globalisierte Welt prognostiziert hatte : Immer mehr Menschen wenden sich von den Kirchen ab und sagen in offiziellen Umfragen, sie glauben nicht an Gott. Ob dies aber auch heisst, dass Europa deswegen weniger religiös ist, hängt nicht zuletzt davon ab, wie man Religiosität definiert. Dies ist aber ein anders Thema, auf das ich hier nicht weiter eingehen will.
Allerdings spricht einiges dafür, dass sich Europa der Wieder-Religiosifizierung (der Ausdruck ist meine Erfindung) auf die Länge auch nicht entziehen kann: Schon heute sind wir Europäer mit der Frage der Religion konfrontiert – ob wir gläubig sind oder nicht.

kaka_IBelong2JesusDie Zustrom von Menschen aus dem Süden, welche fast alle tiefreligiös in einem nicht-säkulären Sinn sind, wird dafür sorgen, dass Europa allein aufgrund der Demographie  wieder religiöser wird. Wir werden wieder vermehrt mit Menschen Tür an Tür leben, für die Religion nicht einfach Privatsache ist. Das wird dazu führen, dass auch säkuläre Europäer sich wieder stärker mit ihrer christlich-religiösen Kultur auseinandersetzen werden (Stichwort „Leitkultur“). Gut möglich, dass sich eine wachsende Zahl auch wieder  öffentlich zu ihrem Glauben bekennen werden.

Moderne ist sowohl säkulär als auch religiös
Das heisst aber nicht, dass die globale Moderne bald wieder ausschliesslich religiös sein wird.  Die Zukunft wird nicht entweder säkulär sein oder religiös, sondern beides gleichzeitig. „Es geht nicht um ein Entweder-Oder“, sagt Professor Berger in Interview für den Dokfilm „Kreuzzug“, „sondern um ein Und-Auch.“  Die Religion, die Religiosität, ist Teil der Moderne. Darüber sind sich heute praktisch alle Wissenschaftler einig:

Die Moderne führt nicht notwendigerweise zum Säkularismus, sondern zum Pluralismus – zur Koexistenz unterschiedlicher Weltsichten und konkurrierenden Wertsystemen in der Gesellschaft – auch innerhalb eines begrenzten Raums, z.B. in der Schweiz.

SONY DSCWir Westler müssen uns damit abfinden, dass es – wie der jüdische Soziologe Shmuel Eisenstadt schon vor einiger Zeit deutlich gemacht hat – nicht nur eine Moderne geben wird, und schon gar nicht ausschliesslich unsere, westlich-„aufgeklärte“, sondern viele, vielfältige Modernen („multiple modernities“).  Dies kann uns eingefleischten Säkularisten durchaus auch beruhigen: Es kann also sehr wohl auch eine säkuläre Moderne geben, aber eben gleichzeitig auch eine religiöse und/oder eine islamische und eine asiatische und und ….

Die Theorie von der generellen Unvereinbarkeit von Religion und Moderne ist eine kurzsichtige eurozentrische Perspektive, wie das der Schweizer Religionswissenschaftler Oliver Wäckerlig in seiner Analyse „Die moderne Anti-Moderne“ in „Zukunft Religion Schweiz“ in Ãœbereinstimmung mit vielen andern Wissenschaftlern schreibt.  In ihrer Eindimensionalität und  imperialistischen Arroganz war und ist die Säkularismustheorie  eine Sackgasse. Sie erlaubt uns nicht, gültige Rückschlüsse für die Bewältigung der Modern zu ziehen. Drum ist es gut, dass sie „obsolet“ ist. Wir brauchen ein neues Paradigma.

Wir brauchen eine neues Paradigma
Professor Berger, der in den 70er-Jahren einer der Vordenker des inzwischen falsifizierten Paradigmas des Säkularismus war, macht einen Vorschlag: Das Paradigma der zwei Pluralismen; „The Two Pluralisms. A New Paradigm on Modernity and Religion“.
Seine Ideen zu diesem neuen Paradigma hat er erstmals an einer Veranstaltung im Rahmen des Programms „Religion und Moderne“ der Universität Münster (Deutschland) im Mai 2012 dargelegt. Seither hat er gemäss seinen eigenen Angaben „verschiedene Gelegenheiten in den USA und Europa genutzt, um die Diskussion darüber weiter zu tragen“.
Eben hat er ein Buch dazu fertiggestellt, das aber noch nicht veröffentlicht ist. Und er hofft, an einer internationalen Tagung nächstes Jahr („Warum nicht in Europa?“) das neue Paradigma zur Diskussion zu stellen und weiterzuentwickeln. Im Rahmen unseres Gesprächs im Oktober 2013 in Boston hat er das neue Paradigma so zusammengefasst:

Das neue Paradigma soll also dazu beitragen, das Verhältnis von Religion und Moderne besser zu verstehen. Neben dem ersten Pluralismus, dem Zusammenleben verschiedener religiöser Traditionen und Institutionen, geht es dem Soziologen Peter Berger nicht zuletzt um den zweiten Pluralismus im persönlichen Denken und Sein der „modernen Menschen: der Gleichzeitigkeit eines säkulären und eines religiösen „Diskurses“ in der Gesellschaft und in der Denkweise jedes Einzelnen.

Politische Brisanz
Für fast alle Regionen der Welt und für einige Staaten ganz speziell ist die Thematik brisant, weil hoch-aktuell: Die Türkei ist mitten im Versuch, ein Modell für eine islamische Moderne zu leben. Die afrikanischen Staaten südlich der Sahara müssen rasch einen Weg finden, wie sie den Bedürfnissen der aufstrebenden, christlich-frommen Mittelklasse entsprechen können, während gleichzeitig der militante Islam seine Ansprüche manifestiert. Brasilien versucht, einen säkulären Weg zu finden zwischen der neuen protestantischen Realität und der katholischen Tradition. Indien muss sein Verhältnis zum politischen Hinduismus (der  Hindutva) klären; China sein Verhältnis zur Religion überhaupt (speziell zum sich rasch ausbreitenden christlichen Protestantismus). Israel muss definieren, was es wirklich heisst, ein jüdischer Staat zu sein. Usw..

Und auch die Schweiz tut gut daran, ihr religiös liberales Klima zu erhalten. Es gilt, Bedingungen zu erhalten oder zu schaffen, welche zum Beispiel einen Secondo türkischer Abstammung nicht zwingen, wählen zu müssen, ob er ein Muslim oder ein Schweizer sein will.

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