Fussball WM Brasilien: Wachsende Sorgen um die Sicherheit in Rio.

Rua do Rio Jacarezinho (Bild: Contextlink)

Rua do Rio Jacarezinho (Bild: Contextlink)

75 Tage vor dem WM-Start in Brasilien muss die Armee den „Frieden“ in den Favelas im unmittelbaren Umfeld des Maracana-Stadion in Rio de Janeiro sichern.Seit Tagen versuche ich einen Artikel zur Situation zu schreiben, aber es kommt nichts Gescheites raus. Ich bin ziemlich sprachlos. Trotzdem wenigsten soviel:

Adrian u. UPP Mandela 2013; Bild: Contextlink

Adrian u. UPP Mandela 2013; Bild: Contextlink

Dort, wo wir im November noch unbelästigt für unsern Film „Kreuzzug“ drehen konnten, herrscht heute nach Wochen neuer Gewalt grosse Unsicherheit.
„We feel like in the eye of a hurricane“, sagt mir Antonio Costa, der Kopf der NGO Rio de Paz, welche ihren Sitz in einer der betroffenen Favelas hat, am Telefon. Ein ehemaliger Offizier der Militärpolizei und Medienkolumnist, Milton Correa da Costa, spricht schon fast begeistert von einer „urbanen Kriegsführung“.

Bild O'Globo 30.3.14

Bild: O’Globo 30.3.14

Der Gouverneur von Rio de Janeiro, Sergio Cabral, feiert den Einzug der Armee im „Complexo Mare“ mit seinen 130’000 Einwohnern als einen „historischen Tag“ für die Sicherheit der Bevölkerung und: „Nein, nein, mit der WM hat die Aktion überhaupt nichts zu tun.“ Die brasilianischen Medien zeigen die dazugehörigen PR-Bilder (siehe Bild links).

Die (meist sehr fromme) Bevölkerung betet, der Gouverneur möge Recht behalten, aber die Leute fürchten, das Gegenteil werde eintreffen. Der schöne Plan mit der „Befriedungspolizei“ (Unidades de Polícia Pacificadora; UPP), welche auf Dauer die Sicherheit in den Favelas hätte sichern sollen, scheint gescheitert. Die Reputation der UPP-Polizisten war bisher schon schlecht bei der Bevölkerung, jetzt ist ihre Glaubwürdigkeit wohl definitiv zerstört.

Was geschieht, wenn die Armee wie geplant nach der WM – oder spätestens nach den Präsidentschaftswahlen – wieder abziehen wird? Kehren dann die Drogenbanden zurück und übernehmen wieder die Macht?

Jacqueline, Antonio, Adrian in Mandela 2013 (Bild: Contextlink)

Jacqueline, Antonio, Adrian in Mandela 2013 (Bild: Contextlink)

Viele Einwohner der Favelas interpretieren die Gewaltwelle der letzten Wochen gegen die UPP als Test der Drogenbosse für die Befriedungspolizei. Die wichtigsten „Traficantes“ sitzen zwar im Gefängnis, aber sie haben mit der Anschlagserie seit Anfang Jahr bewiesen, dass sie in den „befriedeten“ Favelas noch immer das Sagen haben. Der brasilianische Geheimdienst hat öffentlich zugegeben, dass die Anschläge aus den Gefängnissen befohlen wurden.
Den Test durch die Drogenbosse hat die Befriedungspolizei definitiv nicht bestanden. Nachdem vier Polizeibeamte erschossen und mehrere provisorische Polizeistationen in den Favelas niedergebrannt worden waren, musste Gouverneur Cabral letzte Woche die Armee zu Hilfe rufen. Staatspräsidentin Dilma Rousseff hat dem Gesuch aus Rio sofort stattgegeben.

Für die WM-Besucher und die FIFA ist das Eingreifen der Armee eine gute Nachricht. Sie werden wohl ungestört vom Internationalen Flughafen quer durch die von der Armee besetzten Favelas ins VIP-Zentrum in der Nähe von Rios Traumstränden und von dort ins Stadion fahren können. Tatsächlich sind zumindest die Bosse der Drogenbanden an den Touristen gar nicht interessiert.
Was für sie zählt, ist, dass sie seit heute davon ausgehen können, dass sie bloss vorübergehen etwas den Kopf einziehen müssen. Nach der WM wird die Armee wieder abziehen und ihnen die Favelas wieder überlassen.

Zugang zur Favela Jacarezinho/Rio 2013 (Bild: Contextlink)

Zugang zur Favela Jacarezinho/Rio 2013 (Bild: Contextlink)

This entry was posted in Brasilien, Dokfilm Projekte, FIFA, Film "Kreuzzug", Fussball, Gewalt, Internationale Politik, Sport, Südamerika. Bookmark the permalink.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.