Das Neue Christentum: Fluch und/oder Segen?

SONY DSC

Immer wieder werde ich auf den Film „God Loves Uganda“ angesprochen. Im Sinne einer vorsichtigen Kritik, ob wir das Thema „Neues Christentum“ in unserem Dokfilm „Kreuzzug“ nicht etwas zu positiv beurteilen. Deshalb dies:

„God Loves Uganda“ ist ein ausgezeichneter, schrecklicher Film. Er zeigt wohl das Extrem des Negativen, was es zum Thema „Neues Christentum“ und Homophobie zu berichten gibt. Sehr zurecht prangert der Film speziell auch die üble Rolle der US-amerikanischen Missionsunternehmen in Afrika an.
Aber: Wer meint, damit sei das Thema „Neues Christentum“ abserviert, und wir könnten uns getrost wieder wichtigeren Themen als der Religion zuwenden, irrt sich gewaltig.
Die Fundamentalisten-Misson der US-amerikanischen Evangelikalen ist nur eine Aspekt des äusserst vielfältigen, globalen Phänomens des „Neuen Christentums“. Längst haben sich die allermeisten evangelikalen Kirchen im Globalen Süden, von Brasilien über Afrika bis Asien, von der amerikanischen Bewegung emanzipiert. Zahlenmässig senden die US-Kirchen zwar noch immer am meisten evangelikale Missionare aus. Im Verhältnis zur Bevölkerung ist das eifrigste Missionarsland aber – Korea. Auch die grosse afrikanischen und brasilianischen Kirche betreiben eine mächtige und erfolgreiche Mission weltweit.

In unserem Film „Kreuzzug“ haben wir (ich als bekennender Atheist) versucht, die anhaltende Relevanz des Themas Religion in seiner christlichen Version aufzuzeigen. Wir wollten uns nicht nur an seiner Exotik ergötzen und uns über seine Auswüchse empören. Wir haben ganz bewusst nach dem Positiven gesucht, nach einer Erklärung, warum diese Phänomen weltweit explosionsartig wächst.

Die Hotspots, die „Brutstätten“ des Neoprotestantismus sind die Armenviertel und Slums der wuchernden Megacities des Globalen Südens. Dort leben die Menschen, die bisher von der Globalisierung marginalsiert wurden. Inziwschen sind das rund ein Viertel der Menschen unseres Planeten.
Besucht man eine der zahllosen, wie Pilze aus dem Boden schiessenden Kirchen in den Slums in Afrika und trifft die in Zungen redenden „Wiedergeborenen“, ist offensichtlich, was die grosse Stärke des Neuen Christentums ist: Seine zentrale Botschaft:
„Du bist jemand, Du stehst in einem direkten Verhältnis zu Gott“. „Er kümmert sich um Dich, aber Du bist ihm gegenüber auch verantwortlich.“ „Du bist für Dein Leben selbst verantwortlich.“
„Stop blaming others for your fate, start working“, predigt „Bischof“ Dag Heward-Mills in Accra in seiner piekfeinen Kirche jeden Tag. Es ist die alte protestantische Botschaft und mit ihr auch die alte protestantische Arbeitsethik, welche im ausgehenden Mittelalter schon Europa nachhaltig verändert hat, welche die neoprotestantischen Kirchen jetzt im Globalen Süden verbreiten.

Das „Neue Christentum“ bietet „a package of beliefs and practices“, wie es Professor Peter L. Berger, Doyen der amerikanischen Religionssoziologen von der Boston University im Film formuliert, das den Bedürfnissen nach Spiritualität, Gemeinschaft, aber vorallem auch Orientierung im Alltag der bisher von der Globalisierung Marginalisierten entspricht.

Millionen von Menschen – und vorallem Frauen – empfinden das neue Christentum als grossen „Segen“. Sie schöpfen grosse Energie und neue Zuversicht aus diesen Botschaften. Nicht zuletzt erleben sie, dass sich der Glaube lohnt. Ganz praktisch. Ihr Alltag verändert sich positiv, wenn sie sich an die strengen, moralischen Regeln des Neoprotestantismus halten. Eine Frau im Slum Sodom&Gomorrah in Accra/Ghana erzählte uns zum Beispiel, seit sie ihren Mann zur Konversion überreden konnte, trinkt er nicht mehr. Dadurch ist er nicht merh gewaltätig, ihr und andern gegenüber. Das wenige Geld der Familie wird nicht mehr für Alkohol ausgegeben, sondern dient als Schulgeld für die Kinder.

Man muss allerdings blind sein, um nicht auch die negativen Aspekteden zu sehen- den Fluch:
Das neue Christentum ist eine so mächtige, junge Bewegung in einer so instabilen Umgebung – der Missbrauch ist sozusagen systemimmanent. Das neue Christentum ist ein Eldorado für Populisten, Demagogen und Scharlatane.

Die Werte, die weltweit von den den neoprotestantischen Kirchen propagiert werden, sind meist erzkonservativ. Im Zentrum des moralischen Welt- und Gesellschaftsbilds steht die Familie. Und alles, was als bedrohlich für das sehr enge Familienbild empfunden wird, wird abgelehnt oder gar bekämpft: Die Abtreibung, die Homosexualität, usw..
Natürlich empfinden wir „aufgeklärten“ Westler diese Haltung als negativ.

Doch die Bewegung beschränkt sich nicht darauf und vorallem: sie steht nicht still. So vielfältig sie ist, so rasch entwickelt sie sich auch weiter in alle Richtungen – nicht nur geografisch:
„Pentecostalism is shaping the society“, sagt Professorin Maria das Dores von Nationalen Universität in Rio de Janeiro (UFRJ) in unserm Film, „but society is shaping pentecostalism, too.“

Die positive Erkenntnis aus Brasilien:
Das neue Christentum hat grosses Potential zur positiven Veränderungen der Gesellschaft im Globalen Süden („Revolution“, nennen es einige in unserem Film). In Brasilien anerkennen (fast) alle, die wichtige Rolle der Kirchen bei der Befreiung von bisher rund 40 Millionen Menschen aus der schlimmsten Armut. Die Kirchen waren und sind der Kanal, mit dem die Regierung diejenigen Leute erreicht, die bisher für den Staat unerreichbar waren. Die Kirchen setzen die sozialen Programme der Regierung in den Favelas um. Der Neoprotestantismus (und ihr Star die Pfingstbewegung) hat das Potential, eine Integrationsmaschine der bisher von der Globalisierung Marginalisierten zu sein.

Eine der neagtiven Beoabchtungen in Brasilien:
Die neoprotestantische Bewegung hat die Tendenz, die bisher Marginalisierten bloss zu unpolitischen, tumbenKonsumenten/Käufern von Plastikspielzeug, Kosmetikas, Autos, etc.. Die Religion ist bloss „Opium für das Volk“ zu dessen politischer Ruhigstellung (wie es schon Urgrossvater Marx ausgedrückt hat).
Oder wie es Pastor Antonio Costa aus der Favela Jacarezinho in Rio de Janeiro formuliert: „Die Kirchen haben die Wahl: wollen sie die Sklaverei bloss materiell etwas erträglicher machen oder sind sie bereit dazu beizutragen, die Sklaverei zu beenden.“
Pastor Antonio und seine NGO Rio de Paz  ist einer Köpfe der sozialen Proteste/Unruhen in Rio de Janeiro. Seine Plattform/Vehikel aktuell: Die Fussball-WM.

Und die Haupterkenntnis nach vier Jahren Beschäftigung mit dem Thema „Neues Christentum“:
Die Exoten sind wir.

This entry was posted in Afrika, Brasilien, Christentum, Film "Kreuzzug", Fundamentalismus, Globalisierung, Religion. Bookmark the permalink.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.