Heinrich Zschokke oder Ein neuer Narrativ für die Schweiz.

Heinrich Zschokke (1771 – 1848)

Vor zwei Wochen ist Werner Orts umfangreiche Zschokke-Biographie erschienen. Ein faszinierendes, wichtiges Porträt. Der aus dem deutschen Magdeburg stammende „Volksaufklärer“ – und Propagandachef der Helvetischen Republik,  Heinrich Zschokke, ist für mich schon länger einer der wahren „Helden“ der Schweizer Geschichte. Er hat in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts den bis heute geltenden Narrativ der Schweiz entwickelt und mit einer state-of-the-art Kommunikationsstrategie wahrlich nachhaltig in die Köpfe der Schweizerinnen und Schweizer gepflanzt. Seine Schweizer Geschichte „glauben“ bis heute die allermeisten Schweizerinnen und Schweizer – und viele Ausländer. Das von Zschokke geprägte „Nationalbewusstsein“ leitet bis heute sehr viele Entscheide der Schweiz und seiner Bevölkerung.

Zschokkes beschwörenden Worte an das Schweizervolk zu Beginn des 19. Jahrhunderts sind, so pathetisch und altmodisch sie heute für unsere Ohren klingen mögen, sind irgendwie immer noch aktuell: „… damit in jeder Hütte die höchste Liebe zum Vaterlande wieder mehr erwache, und jeder Genosse der freien Schweizerfamilie für künftige Tage der Gefahr und Noth zu neuen heldenmüthigen Thaten sich gestärkt fühle, auch einsehen lerne aus den Begebenheiten der Vergangenheit, was dem Vaterlande nützlich und ehrenvoll, und was ihm verderblich wurde, und daß nur die Tugenden guter Bürger ihm heilsam werden können“. (zitiert nach Werner Orts Vortrag 2007 zu H. Zschokke)

Auch heute braucht die Schweiz eine Identität basierend auf den Lehren aus der Vergangenheit, Werte („Tugenden“), um „für künftige Tage der Gefahr und Noth“ gewappnet zu sein.

Aber: Für jeden einigermassen nüchtern Denkenden ist es logisch, dass das aus den aktuellen Bedürfnissen der damaligen Zeit konstruierte Narrativ für die heutigen Bedürfnisse nicht mehr wirklich passen kann.
Das alte Geschichtsbild, welches unser Nationalbewusstsein vor fast 200 Jahren geprägt hat, hat ausgedient. Schlimmer noch: seine Hauptbotschaften haben eine Identität, eine Mentalität geschaffen, welche heute die Handlungsfähigkeit der modernen Schweiz im internationalen Umfeld, in welchem wir immerhin rund die Hälfte unseres Bruttosozialprodukts erwirtschaften, behindern und damit unsere Souveränität, unsere Selbstbestimmung untergraben.

Wir brauchen dringend einen neuen Narrativ. Ich wette, Heinrich Zschokke sähe das heute auch so. Thomas Maissen hat das Phänomen des wesentlich von Zschokke (und Ägidius Tschudi) erfundenen Narrativs untersucht und beschrieben. Und Maissen hat mit seiner „Geschichte der Schweiz“ auch einen sehr wichtigen Beitrag zur Entwicklung eines neuen Narrativs geleistet.

Dieser muss aber weiterentwickelt und vorallem in die Köpfe der Schweizerinnen und Schweizer und spezielle in die Köpfe der Entscheidträger und Multiplikatoren in der Schweiz eingepflanzt werden, damit wir aus der politischen Sackgasse des heute nur noch schädlichen Reduitdenkens herausfinden.

Ich habe hier auf Contextlink – beeinflusst von Maissens Publikationen – schon mehrfach versucht, die Stossrichtung eines für die aktuellen Herausforderungen nützlichen Narrativs der Schweiz zu skizzieren:  Es müsste eine Geschichte der städtischen Schweiz sein, nicht mehr des ländlich-alpinen Raums. Das Réduit hat ausgedient. Es muss nicht nur raus aus den Schulbüchern, sondern auch raus aus den Köpfen.

Dabei geht es nicht darum, die Schweizer Geschichte neu zu erfinden. Die Ereignisse sind dieselben (und das Reduit z.B. ein historische Faktum), die Forschung ist umfang- und detailreich. Was es braucht ist eine neue Gewichtigung. Die einzelnen Elemente der Geschichte des Schweizer Raums müssten neue zusammengefügt und mit einem neuen Blick/Filter betrachtet und interpretiert werden.

Die Anpassungsfähigkeit, der Pragmatismus oder gar Opportunismus der relevanten Akteure in ihrer Zeit müsste herausgearbeitet und hervorgeboben werden. Ihre Fähigkeit sich mit den Mächtigen in ihrem Umfeld immer wieder aufs Neue zu arrangieren, ständig neue Allianzen zu schmieden, komplexe Zusammenhänge zu verstehen, Entwicklungen früh zu erkennen, Einfluss zu nehmen, für die wichtigsten Player nützlich zu sein, sie zu beraten oder gar zu beeinflussen – oder ihnen zumindest nicht zu Nahe zu treten.

Eine neue Geschichte braucht aber auch neue Helden und Legenden, Vorbilder, an denen wir uns orientieren können; neue Leitfiguren, die den Werten entsprechen, welche die künftige Schweiz braucht: Brilliante, aber bodenstädnige Köpfe, die langfristig denken können, Neues entwickeln und wagen, es in die Praxis umzusetzen. Typen wie Heinrich Zschokke eben. Er ist so ein „Held“, wie wir sie heute brauchen, Nicht zuletzt, weil er fähig war, ein Narrativ für die Schweiz zu erfinden und erfolgreich zu propagieren, welches den Bedürfnissen der damaligen Schweiz perfekt gedient hat und damit einen entscheidenden Beitrag zur Identitätsbidlung der Schweiz als „Sonderfall“ und „Erfolgsmodell“ geleistet hat.

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