Fussball-WM Brasilien: Die Zivilgesellschaft als erster Sieger

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Unmittelbar vor Beginn stehen erste Gewinner und Verlierer der Fussball-WM in Brasilien fest: Der grösste Profiteur der Fussball-WM wird auch 2014 wieder die FIFA sein. Das ist schon länger bekannt.

Der grösste Verlierer scheint heute auch schon klar: Das offizielle Brasilien. Statt weltweiter Positiv-PR macht das Land seit Monaten Negativ-Schlagzeilen: Nicht-fertige Infrastruktur, Demos/Proteste, Streiks. Statt von Traumstränden, Karneval und viel nackter Haut ist weltweit die Rede von sozialer Ungerechtigkeit, Korruption und Dilettantismus.

Und dies ist ein Sieg für die NGOs und alle die Organisationen der brasilianischen Zivilgesellschaft, welche die Proteste organisieren. Sie haben es geschafft, die Plattform der WM zu nutzen und die soziale Ungerechtigkeit in der siebtgrössten Volkswirtschaft der Welt anzuprangern.Inzwischen weiss wohl bald jeder Medienkonsument in Europa, Asien und Nordamerika, dass Brasilien Probleme hat. Vorallem aber, scheint die Bevölkerung in Brasilien selbst aufgerüttelt. Das ist ein grosser Erfolg für die NGOs – z.B. Rio de Paz, welche die eindrücklichsten Bilder produziert, die weltweit zur Illustration von Artikeln wie diesem hier dienen.
Aber, um die Metapher weiter zu stressen: Es ist erst ein Sieg in der Vorrunde. Jetzt kommt die Hauptrunde.

Entscheidend ist, was jetzt geschieht. Führt die momentane Aufmerksamkeit, die vermehrte Kenntnis der Probleme auch zu einer Veränderung in Brasilien? Oder gelingt es dem Establishment, die momentane Aufregung auszusitzen. Wie stark ist die Zivilgesellschaft der neuen Mittelklasse Brasiliens wirklich? Ist sie fähig, nicht nur spektakuläre Proteste zu organisieren, sondern auch nachhaltige Wirkung zu erzielen?

Ich glaube, da ist eine riesige Chance. Denn Brasilien kann nach der Fussball-WM nicht einfach zum Alltag übergehen. In zwei Jahren finden (wahrscheinlich? vielleicht?) die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro statt. Die welt-öffentliche Plattform bleibt.
Die Zivilgesellschaft muss sie weiter nutzen. Aber es wird nicht reichen, weiter in die Glut zu blasen um das Eisen am Glühen zu halten. Das Eisen muss jetzt auch geschmiedet werden.

Brasiliens Machthaber haben die Chance, bis in zwei Jahren der Welt (und Brasilien) zu zeigen, dass sie die Lektionen der Fussball-WM gelernt haben.

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PS:
Im Übrigen bin ich der Meinung, dass auch das offizielle Brasilien vom neuen Brasilienbild profitiert, welches die NGOs international geschaffen haben. Viele Leute ausserhalb notieren positiv, dass es ein Brasilien jenseits der Touristen-Clichés gibt. Ein Land mit Problemen, ja, aber auch ein Land im Aufbruch. Mit einer starken Zivilgesellschaft basierend auf einem neuen, rasch wachsenden Mittelstand. Diese neue Mitte der brasilianischen Gesellschaft lässt sich nicht mit einigen Konsumhappen abspeisen, sondern verlangt echte Perspektiven, kann mitreden und will mitbestimmen. Da gibt es ein riesiges Potential an jungen, gebildeten Menschen, auf dem sich ein nicht nur wirtschaftlich starkes Brasilien aufbauen lässt.

Padrao Povo Civilizado

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