Schönes Fest, liebe Fussballfans. (Up-Date)

DSC03313
„Fröhliche Stimmung, ein tolles Fussballfest“, berichten die Heerscharen von Reportern aus Brasilien. Tatsächlich, am ersten Tag meines Aufenthalts in Rio de Janeiro habe ich diese wunderbare Fassade gesehen.: An der Copacabana, beim Fanfest der FIFA wird gefeiert. Wen kümmert’s, dass unter der medial weltweit multiplizierten, schönen Fassade der tägliche Krieg in der Stadt weitergeht?

Mich holt die Realität bereits am Morgen des zweiten Tages wieder ein:

Ich bin mit Antonio Costa, dem Präsidenten der NGO Rio de Paz und evangelikaler Pastor im Auto unterwegs zum Zentrum. Der Verkehr stockt, steht. Vor uns beginnen die Autos umzudrehen. Die Leute am Strassenrand erzählen, die Polizei habe die Strasse gesperrt, es habe eine Polizeiaktion in der Favela „Novo Mexico“ vor uns gegeben.
Antonio packt der Jagdtrieb. Er parkt das Auto am Strassenrand. Zu Fuss passieren wir ein paar hundert Meter weiter die Polizeisperre und erreichen den ersten Tatort an der Strasse oberhalb der Favela. Inmitten einer grossen Zahl schwer bewaffneter Polizisten und vielen Anwohnern sind Aufräumarbeiten im Gang.
Wir treffen einen Reporter des lokalen Fernsehsenders SBT, den Antonio gut kennt. Eduardo, so heisst der Reporter in der hellblauen schusssicheren Weste, erzählt, was geschehen ist:

Die Polizei hat in der Favela am frühen Morgen zwei Jugendliche erschossen. Wütende Bewohner von Novo Mexico haben darauf den Verkehr auf der Hauptstrasse, die an der Siedlung vorbei führt, gestoppt und mehrere Busse angezündet. Dann hat die Polizei hat von der Strasse aus gezielt in die Favela hinein geschossen und vier Bewohner verletzt.

Zusammen mit Eduardo gehen wir zu Fuss in die Favela hinein. Ãœberall stehen die Menschen gruppenweise herum. Es herrscht eine aggressive Stimmung. Antonio redet mit den Leuten. Das Wort „Pastor“ wirkt hier Wunder und einige kennen auch die Arbeit von Rio de Paz. Schnell haben die Leute uns akzeptiert. Nur fotografieren sollen wir nicht.

Ein Bruder eines der Toten führt uns durch die kleine Favela zum eigentlich Tatort:
Am hölzerner Eingangstor zu einem bescheidenen Haus die groben Profile von Polizeistiefeln. Die Polizisten haben offenbar das Tor eingetreten. Gleich neben dem Tor zwei trocknende Blutlachen. Blut an der Wand, vereinzelte Knochensplitter.

Aufgebracht erzählt uns eine Gruppe junger Männer am Tatort ihre Version der Geschichte:
Es hätte schon vor einer Woche begonnen. Die Polizisten hätten von der Schule etwas oberhalb auf die Leute in der Strasse geschossen. Ein junger Mann sei gestorben.
Und heute morgen seien sie wieder gekommen, seien in den Hof des Hauses eingedrungen und hätte zunächst viel Schnaps getrunken. Dann hätten sie die beiden Jugendlichen, 15- und 16-jährig, niedergeschossen. Sie hätten die Schwerverletzten ins Polizeiauto geworfen und seien weggefahren. Von Folter war noch die Rede. Schliesslich hätten die Polizisten die beiden Jugendlichen tot im Spital abgeliefert.

Wir fotografieren. Antonio wird die Bilder an die Medien schicken und auf seiner Facebook-Seite veröffentlichen. Der Tatort ist ungesichert. Keine Polizei weit und breit. „Die haben Angst“, sagt einer der Jungen verächtlich. Eine Spurensicherung gibt es hier nicht. Die Polizei scheint nicht wirklich interessiert zu sein, den tatsächlichen Tathergang aufzuklären.

Wir verlassen den Tatort. Antonio redet mit andern Anwohnern. Sie bestätigen die Geschichte im Wesentlich, aber vieles bleibt unklar, ungereimt.
Alle Leute, auch ein Gruppe von Frauen vor der kleinen evangelikalen Kirche, sind wütend. Einige junge Männer schwören Rache.
Es geht das Gerücht, die Polizei werde im Lauf des Tages die Favela besetzen. Es werde einen Krieg mit dem Commando Vermelho, der mächtigen Drogenbande „Rotes Kommando“ geben. Dies ist ihr Territorium. „Hier herrscht Krieg“, sagt Eduardo der Reporter, „guerra urbana“, Stadtkrieg.

Antonio überlegt, kurzfristig eine Demo zu organisieren, welche die Polizeigewalt anprangert. Solche Demos hat Rio de Paz schon öfter gemacht. Er erkundigt sich bei den jungen Leuten, ob sie bereit wären, mitzumachen. „Klar“.

Zurück im Auto ist Antonio während der halbstündigen Fahrt ins Zentrum sehr still, nachdenklich. Ich ahne, was er studiert: Soll er wirklich eine Demo organisieren? Die geschilderte Geschichte ist wirr. Stimmt die einseitige Schuldzuweisung an die Polizei? Und vorallem: Der Tatort liegt sehr nahe an seinem privaten Wohnort. Die Polizisten, die er mit einer Demo öffentlich an den Pranger stellen würde, sind auch zuständig für seinen privaten Lebensraum. Er – und seine Familie – könnte in „Schwierigkeiten“ geraten. Und auch seine Arbeit in den Favelas im Zentrum Rios könnte in Mitleidenschaft gezogen werden.

Wir fahren ins Hauptquartier von Antonios NGO Rio de Paz, mitten in der Favela Jacarezinho, in unmittelbarer Nähe des Fussballtempels Maracana. Antonio berät sich ausführlich mit Marcos, seinem Vertrauten und Bürochef in Jacarezinho. Er ist ein ehemaliger Drogendealer und kennt sich aus. Ich zeige ihm meine Fotos vom Tatort. Marcos bestätigt unsere Skepsis. Die Bilder deuten auf eine Hinrichtung hin, sagt er. Für ihn sieht es nach einem Racheakt der Polizisten aus. Da müsse zuvor etwas vorgefallen sein.
Dies könne Teil des anhaltenden Kriegs der Polizei mit dem Commando Vermelho sein, aber auch eine persönliche Sache zwischen den Favela-Bewohnern und der lokalen Polizei oder beides gleichzeitig.
Antonio fällt keinen expliziten Entscheid, aber es ist klar: es wird keine Demo geben.

Es folgt eine längere Besprechung Antonios mit seinen Mitarbeitern. Sie planen ein neues Projekt: Familienpatenschaften. Ich verstehe bloss die Hälfte.

Am späten Nachmittag gehen wir zusammen mit den engsten Mitarbeitern Antonios Essen und schauen uns dabei das Spiel Deutschland-Algerien an. Lockere Stimmung, Anekdoten aus dem nicht ganz unschuldigen, früheren Leben der Mitarbeiter.

Auf dem Rückweg setzen wir einen der Männer am grossen Eisentor am Eingang des Hauptgefängnis von Rios ab. Er verbüsst noch immer eine Freiheitsstrafe. Seit einiger Zeit ist er Freigänger. Tagsüber arbeitet er für Rio de Paz, die Nacht muss er im Gefängnis verbringen.

Wir fahren zurück nach Hause. Heute habe ich keine Lust auf das Fanfest an der Copacabana.

PS:
Kurz vor Mitternacht veröffentlich Antonio seinen Artikel auf seiner Facebook-Seite und fügt die aktuellen Zahlen an:
45’000 Tote in Rio, seit 2007.

Vorsätzliche Tötung – 37 758.
K̦rperverletzung mit Todesfolge Р299
Diebstahl (Raub mit Todesfolge) – 1 219.
Tote aufgrund von Polizei-Intervention – 5 869.
Im Dienst gețtete Polizisten Р128
Im Polizeidienst gețtete Zivilisten Р35
TOTAL: 45 308.

Up-Date 1.7.:
Die lokalen Medien berichten, die beiden getöteten Jugendlichen seien in den Mord an einem Polizisten verwickelt. Marcos‘ Einschätzung gestern war als richtig.

This entry was posted in Brasilien, Fans, FIFA, Fussball, Gewalt, Krieg, Menschenrechte, Südamerika. Bookmark the permalink.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.