Blatters Ungeheuerlichkeit oder Der FIFA-Boss spielt mit dem Feuer

Zitat J. Blatter Folha 0714

Zitat Josef. Blatter, FIFA in Zeitung „Folha“ 0714

„Wo ist sie denn geblieben, die soziale Unzufriedenheit? Wo sind denn jetzt die grossen Proteste?“ höhnte FIFA-Boss Sepp Blatter gestern in Rio de Janeiro. Zumindest wird er heute so von „Folha“, der grössten Tageszeitung Brasiliens, zitiert. „Wenn er das tatsächlich gesagt hat,“ empört sich Antonio Costa von der NGO Rio de Paz, „dann könnte er ernste Schwierigkeiten bekommen.“

Tatsächlich ist die Aussage Blatters, der im Luxushotel an der Copacabana residiert, eine Frechheit.

Der Ort des Geschehens am 30. Juni 2014: Favela Nueva Mexico, Rio de Janeiro

Stadt-Krieg in Rio de Janeiro, 30.6.2014

Er könnte zu Fuss einige Schritte auf der Hinterseite seines Hotels rausgehen und die sozialen Probleme in den Favelas gleich hinter der FIFA-Zentrale an der Copacabana sehen und erleben. Unter der schönen Fassade der WM, dauert der Krieg („urban war“) in den Favelas die ganze Zeit über an.
Die NGO Rio de Paz hat Sepp Blatter persönlich eingeladen, eine der Favelas in unmittelbarer Nähe zum Maracana-Stadion zu besuchen. Die PR-Leute der FIFA haben den Rio de Paz Präsidenten über Wochen mit freundlichen Worten hingehalten. Anders als das holländische Nationalteam, hat der FIFA-Boss aber „keine Zeit gefunden“, eine Favela zu besuchen.
Aber ein Urteil hat er sich erlaubt: „Wo ist sie denn geblieben, die soziale Unzufriedenheit.“

Dass es in und um die Favelas hier in Rio, abgesehen von den paar Toten, relativ ruhig geblieben ist, verdankt die FIFA vorallem der brasilianischen Regierung auf Zentral- und Provinzebene.

Favelas in Rio de Janeiro

Favelas in Rio de Janeiro

Sie hat die von den Drogenkartellen kontrollierten Favelas im Bereich der Fussball-WM zunächst durch die Armee besetzen und anschliessend von der „Befriedungspolizei“ (UPP- Unidades de Policia Pacificadora) bewachen lassen. Zuletzt geschah das kurz vor der WM noch mit den Favelas, welche am Weg von Flugplatz bis zum Stadtzentrum, dem MaracanStadion und den Vorzeigestränden Copacabana und Ipanema liegen.
Viele wichtige Bosse der Drogenkartelle sitzen hinter Gittern, was aber noch lange nicht heisst, dass sie in den Favelas nicht immer noch die Fäden ziehen. Noch kurz vor der WM haben sie den Sicherheitskräften mit ein paar gezielten Attacken auf die UPP ihre Macht demonstriert.
Die „Szenenkenner“ in den Favelas sind überzeugt, es habe vor der WM einen Deal gegeben zwischen den staatlichen Sicherheitsbehörden und den Drogenbossen im Gefängnis. Eine Angebot des Staates an die Drogenbosse: „Wenn ihre stillhaltet für die Dauer der WM, könnt ihr ruhig schlafen. wenn ihr eure Kettenhunde schon während der WM loslasst, machen wir euch persönlich das Leben hier im Gefängnis zur Hölle.“

In der Favela Jacarezinho, Rio de Janeiro

In der Favela Jacarezinho, Rio de Janeiro

Wie die Bewohner der Favelas, sind auch die Drogenbosse grosse Fussballfans, Brasilienfans. Die Leute von Rio de Paz in der Favela Jacarezinho, einige von ihnen selbst lange Jahre im Drogengeschäft, haben fast panische Angst davor, dass das brasilianische Team morgen Freitag im Viertelfinale gegen die Kolumbier verlieren wird. „Dann“, sagen sie, „wird es richtig gefährlich. Sie fürchten, der Frust der Fans, Kriminelle und andere, werde sich entladen und sich verbinden mit dem seit Monaten aufgestauten Gewaltpotential des Kriegs der Drogenbanden untereinander und gegen die Polizei.

Befriedungs-Polizei Favela Mandela, Rio de Janeiro

Befriedungs-Polizei Favela Mandela, Rio de Janeiro

Die Polizeieinheiten in den Favelas sind viel zu schwach, um grössere Aktionen der Drogenbanden zu widerstehen. Viele Favelabewohner reden mit grosser Verachtung von der Polizei. Es hat zahlreiche Übergriffe der Polizisten gegenüber der Bevölkerung gegeben und Favelabewohner sagen, die Polizei habe inzwischen einen Teil des lukrativen Drogenhandels selbst übernommen.
Ob die Drogenbosse in den Gefängnissen nach einer Niederlage Brasiliens ihr Leute draussen noch an der Leine halten können oder wollen, sei mehr als fraglich, betonen Szenenkenner, welche auch „Ohren in den Gefängnissen“ haben.
„Hilf uns Gott, dass Brasilien nicht verliert“ sagen sie oder „Möge er uns zumindest helfen, dass wir nicht Recht behalten.“

Wenn es aber passiert nach einer Niederlage Brasiliens am Freitag oder im Halbfinale nächste Woche, wird FIFA- Boss Blatter eine Teil der Verantwortung für die Katastrophe übernehmen müssen. Sein blödsinniges „Wo ist sie denn, die soziale Unzufriedenheit“, ist für Viele hier eine Provokation.

Sepp Blatter und Dilma Rousseff, WM 2014

Sepp Blatter und Dilma Rousseff, WM 2014

Und als Provokation war Blatters Äusserung gestern wohl auch gedacht. Allerdings nicht für die Menschen in den Favelas, sondern für die brasilianische Regierung. Blatter hat sie zwar in die Watte eines Lobs gepackt, bisher sei „alles optimal gelaufen“. Aber der Giftpfeil gegen die Regierung ist für viele Brasilianer spürbar. Dass das Verhältnis zwischen der Regierung und der FIFA schlecht ist, ist hier in Brasilien ein offenes Geheimnis. Der Regierung um Präsidentin Dilma Rousseff ist wohl schon im Verlaufe der Vorbeitungen für die WM bewusst geworden, auf was sie sich das eingelassen hat und was sie im Bewerbungsprozess alles blind unterschrieben hat.
Das die brasilianische Staatsanwaltschaft in diesen Tagen einen grossen Ticketbetrugsskandals auffliegen liess, in den die FIFA offenbar direkt verwickelt ist, interpretieren viele Brasilianer als Racheakt der Regierung an der FIFA. Offenbar hat sie Tausende von Telefonen der FIFA abhören lassen – und jetzt die Bombe platzen lassen. Zu einer Beruhigung der gefährlich-aggressiven Stimmung in Teilen der Bevölkerung gegen die FIFA trägt diese Bösartigkeit der Regierung nicht bei. Und die fahrlässige Aussage Blatters – offenbar eine spontane Reaktion des beleidigten FIFA-Bosses – ist dazu geeignet, das Feuer weiter anzufachen.

Bleibt noch Blatters Zusatz „Wo sind sie denn jetzt, die grossen Proteste“, dem er wohl im Stillen noch „mit denen ihr uns gedroht habt“, beigefügt hat:

Tatsächlich ist es bisher nicht, wie von Vielen erwartet, grosse Demos gegen die FIFA gegeben. Die Chaoten vom Schwarzen Block haben zu Beginn der WM in Sao Paulo zwar versucht, den Funken mit ersten Protestaktionen zu zünden. Aber er ist nicht übergesprungen.

Anti-FIFA Demo Rio de Paz Juni 2014

Anti-FIFA Demo Rio de Paz Juni 2014

Die meisten Organisationen und losen Gruppen, die für Grossdemos genau vor einem Jahr gesorgt haben, mögen den Schwarzen Block nicht. Sie haben, wie zum Beispiel Rio de Paz, schon früh erklärt, sie wollten die WM nicht blockieren. Sie haben dazu aufgerufen, den Fussballfans aus aller Welt die Gastlichkeit Brasiliens zu demonstrieren und insbesondere keine gewalttätigen Auseinandersetzungen mit der Polizei zu provozieren.
Kleinere, friedliche Demos gab es viele. Rio de Paz hat mehrere durchgeführt, auch wenn die von den mitfeiernden Medien höchstens am Rande mal erwähnt wurden.
Vorallem fiebern die meisten Brasilianer mit ihrer Mannschaft und haben keine Lust, jetzt auf die Strasse zu gehen – jedenfalls solange nicht, wie Brasilien noch im Rennen ist.

Redet in der Schweiz eigentlich irgendjemand über Blatters Ungeheuerlichkeit?

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