Neues Brasilienspiel, mehr Gerüchte, mehr Angst

Antonio Costa, Rio de Paz; Demo 6.7.2014 Copacabana Rio de Janeiro

Antonio Costa, Rio de Paz; Demo 6.7.2014 Copacabana Rio de Janeiro

Morgen findet ein neues Brasilienspiel statt: Halbfinale Brasilien – Deutschland. Erneut brodelt die Gerüchteküche. Wieder malen einige „Szenenkenner“ in den Favelas ein düsteres Bild. Wieder erwarten sie gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen der Befriedungspolizei (UPP – Unidade de Policia Pacificadore) und den Drogenkartellen, falls Brasilien verlieren sollte. Neu sogar, wenn Brasilien gewinnt.
Für uns heisst das wohl erneut: Kein Public Viewing in der Favela. Auch kein privates Barbecue bei unsern Freunden.

Derweil hat der Ruf der FIFA in breiten Teilen der Bevölkerung weiter gelitten. Nach dem Einsturz der WM-Brücke in Belo Horizonte letzte Woche, jetzt der Ticketskandal.
Spannender Nebenaspekt dazu: Es ist das grösste Medienhaus Brasiliens, O’Globo, welches den WM-Ticketskandal vorantreibt. Offenbar hat die brasilianische Staatsanwaltschaft O’Globo, mit seinen vielfältigen Publikationskanälen ausgewählt, um die Skandal und die Verwicklungen von Fussballstars und FIFA-Grössen Stück für Stück publik zu machen.
O’Globo hat bisher kaum ein schlechtes Wort über die FIFA publiziert. Dass dies jetzt geschieht, ist ein klares Indiz dafür, wie die Stimmung im Lande ist.

DSC03740

Demo Rio de Paz, 6.7.2014; Copacabana Rio de Janeiro

Ich habe einen ganzen langen Tag am Rande der kleinen Anti-FIFA-Demo der NGO Rio de Paz an der Copacabana verbracht und viele Leute die Botschaft der Demo „Regierung, Businessleute und FIFA: Wir sind nicht blind“ diskutieren gehört und habe mit vielen gesprochen:
Die Reputation der FIFA ist katastrophal schlecht. Auch viele der Fans finden es nicht okay, dass  die FIFA und das mit ihr verbandelte Business Milliardenprofite macht und nur eine symbolische kleine Summe davon in vereinzelten PR-Projekte in Brasilien steckt. Sie finden es nicht okay, dass die brasilianische Regierung ihr Versprechen, keine Steuergelder in die WM zu investieren, gebrochen hat und Milliarden für Sicherheit, Fussballinfrastruktur und Hospitality ausgegeben hat, welches für die dringend nötigen Investitionen in die minimalen Bedürfnis  der Menschen in den Armenvierteln fehlt (z.B. Schulen oder Spitäler).

Ja, fast alle fiebern mit, aber nein, blind sind sie nicht, die Brasilianer. Sie sehen die Ungerechtigkeit.  Antonio Costa, der Präsident von Rio de Paz bringt es auf den Punkt: „Die Fussball-WM in Brasilien ist ein moralisches Problem.“
Nur: wen kümmert das wirklich?

DSC03663

Junge Aktivisten von Rio de Paz; Copacabana Rio de Janeiro, 6. Juli 2014

This entry was posted in Brasilien, FIFA, Fussball, Gewalt. Bookmark the permalink.

3 Responses to Neues Brasilienspiel, mehr Gerüchte, mehr Angst

  1. Ralph Schulz says:

    Ich frage mich, was nach dem 1:7 wohl los war in der Favela. Schlimmer konnte es wohl kaum kommen. Brasilien grandios gescheitert. Und danach gleich nochmal gegen die Niederländer. Zurück bleibt ein sportlicher und finanzieller Trümmerhaufen.

    • admin says:

      Es gab keine Ausschreitungen, wie von Einigen befürchtet. Zunächst war da blankes Entsetzen, in das sich aber rasch Hohn gemischt hat. Einige schimpfen auf die verwöhnten Stars, andere über die Regierung. Dann aber rasch – Gleichgültigkeit. Die Jugendlichen haben ihr Feuerwerkszeug dann doch noch gezündet.

  2. Ralph Schulz says:

    Und nun ist alles vorbei. Das ganz grosse Sommerfest ist vorüber. FIFA-Beamte und Fussballmannschaften sind abgereist. Die Welt schaut wieder woanders hin. Von Ungerechtigkeit oder Moral habe ich übrigens nichts mehr gelesen oder gesehen in deutschen oder Schweizer Medien. Man sieht sich 2018 in Russland.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.