Kriegstagebuch Irak. Wer will das schon wissen?

„Das ist ja entsetzlich, was da passiert ist.“ Oder: „Das ist ja Wahnsinn, was da zum Vorschein kommt.“ Die wenigen Leute, die sich in meiner Bekanntschaft überhaupt mit den von Wikileaks verbreiteten  „War Logs“ („Kriegstagebücher aus dem Irak“) beschäftigen, sind schockiert.

Und ich kann mich nur wundern über ihr Erstaunt-Sein. Offenbar haben die Medienkonsumenten ausserhalb des Iraks tatsächlich geglaubt, das, was sie täglich über die Fernsehkanäle der Mainstream-Sender zu sehen bekamen, sei die ganze Wahrheit.

Vielleicht ist die wirkliche Erklärung für ihr Erstaunen aber eine ganz andere: Man will die ganze Wahrheit gar nicht wissen. Man ist froh im Glauben gelassen zu werden, dass Krieg nicht einfach nur schmutzig sein kann. Die Normalität des Krieges, jedes Krieges, wie sie uns jetzt dank Wikileaks vor Augen geführt wird, will niemand wirklich sehen. Wie könnte man sonst ruhig bleiben, nach dem Tagesschaubericht aus dem Sofa aufstehen, ein neues Bier im Kühlschrank holen oder einfach zu „Dr. House“ oder „TVtotal“ weiterzappen.

Einige reagieren ablehnend auf die Wikileaks-Enthüllungen: „Was bringt das jetzt noch?“ Oder: „Es befriedigt doch höchstens noch die Sensationslust einiger Freaks.“

Auch einzelne Medien in der Schweiz gaben sich kurzfristig schockiert. Aber schon zwei Tage später geht man zum Beispiel bei der Sonntagszeitung  davon aus, dass sich ihre Leserschaft für das schwierige Thema nicht mehr interessiert. Die Sonntagszeitung begnügt sich mit einem einspaltigen Miniartikel, sogar ohne Bild.

Wie erwartet fiel die Reaktion der offiziellen Politik in den USA aus: Geheucheltes Entsetzen und/oder der Versuch, die Ãœberbringer der schlechten Nachricht zu verunglimpfen oder zu beschimpfen.

Dabei müssen sich die Verantwortlichen für die Katastrophe nicht wirklich Sorgen machen. Sie können den Sturm, den Wikileaks momentan zumindest in den USA verursacht, einfach aussitzen. Die meisten Menschen im Norden reagieren wie die meisten meiner Bekannten: Kurzes Entsetzen … dann: Schulterzucken.

Vielleicht haben sie ja sogar recht. Wenn man die Menschen dieser Welt zwingen würde, die „Warlogs“ stundenlang und immer wieder anzusehen – würde sich etwas ändern? Würden nächste Kriege verhindert?

Nachhaltiger werden die Kriegstagebücher im Nahen Osten wirken. Sie werden den „Hass auf den Westen“ weiter verstärken und der weiteren anti-westlichen Radikalisierung der Gesellschaft Vorschub leisten.

Im Westen/Norden bleiben die „Enthüllungen“ dessen, was wir eigentlich schon wussten aus allen anderen Kriegen zuvor, wohl tatsächlich etwas für „Freaks“. Und diese Freaks wissen, dass das, was diese Enthüllungen aus dem Irak zeigen, auch Alltag ist in den Kriegen, die aktuell stattfinden und in all den Kriegen, die noch kommen werden.

Immerhin markieren die Wikileaks-Tagebücher zumindest in der Kriegsberichterstattung einen Meilenstein. Eine umfangreiche, detaillierte Berichterstattung auch im Bild über einen Krieg aus der Sicht der Soldaten, unzensuriert.

Und noch etwas: Wikileaks hat die „Warlogs“ einer Handvoll ausgewählter Medienhäuser schon vor der offizielle Veröffentlichung zugänglich gemacht. Diese haben den Vorlauf genutzt, um sie auf ihren Internetseiten teils vorbildich aufzubereiten. State-of-the-Art Online-Info. Ein leuchtendes Beispiel von Qualitätsjournalismus Online, den kein Printorgan bieten kann:

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