Nach der Fussball-WM 2014 ist vor den Olympischen Spielen 2016

Start Kampagne Rio2016 von Rio de Paz; Jacarezinho 12.7.2014

Start Kampagne Rio2016 von Rio de Paz; Jacarezinho 12.7.2014

Der Präsident der NGO Rio de Paz, Antonio Costa, zieht eine sehr kritische Bilanz der Fussballweltmeisterschaft in Brasilien und kündigt neue Proteste im Hinblick auf die Olympischen Spiele 2016 in Rio an. (Das Interview ist auch auf SRF Kultur Online publiziert worden.)

Gasse in der Favela Jacarezinzo, 12.7.2014

Gasse in der Favela Jacarezinzo, 12.7.2014

Vier Wochen lang hat Brasilien versucht, seine immensen sozialen Probleme zu verdrängen. Doch jetzt kehrt für Millionen von Brasilianern die trostlose Realität zurück. Schlimmer noch: „Die Fussballweltmeisterschaft habe die Unzufriedenheit der Bevölkerung mit der Regierung noch verstärkt“, sagt Antonio Costa.

Die Nichtregierungsorganisation (NGO) Rio de Paz engagiert sich im Kampf gegen die soziale Ungerechtigkeit in Brasilien. Sie hat ihren Sitz mitten in einer der grössten Favelas von Rio de Janeiro, in Jacarezinho, in unmittelbarer Nähe zum Maracana-Stadion, wo am Sonntag das Finale der Fussball-WM ausgetragen wird.

Wie andere NGOs auch hat Rio de Paz die Plattform der Fussballweltmeisterschaft zu nutzen versucht, um weltweit auf die grossen sozialen Probleme Brasiliens aufmerksam zu machen. Die Bilder der optisch attraktiven Protestaktionen von Rio de Paz wurden weltweit von den Medien zur Illustration von Berichten über Brasilien verwendet.

Interview:
Antonio Costa, wie ist ihre Bilanz zum Ende der WM?

Die Bilanz ist negativ. Die FIFA und einige Geschäftsleute haben Milliardengewinne auf Kosten der Bevölkerung gemacht. Die brasilianische Regierung hat entgegen ihrem Versprechen Milliarden an Steuergeldern in den Anlass investiert. Geld, das fehlt, um die minimalen Bedürfnisse der Bevölkerung zum Beispiel nach anständigen Schulen oder Spitälern zu befriedigen. Die arme Bevölkerung hatte nicht einmal die Möglichkeit, die Spiele im Stadion zu sehen. Sie hat den Organisatoren einzig als pittoreske Kulisse gedient.

Aber immerhin haben Millionen von Brasilianern 4 Wochen mitgefiebert.

Die allermeisten Brasilianer sind grosse Fussballfans. Aber sie können gut zwischen der Begeisterung für die Nationalmannschaft und der Kritik an der FIFA und der brasilianischen Regierung unterscheiden. Die Fussballweltmeisterschaft war der Moment zu feiern und zu verdrängen. Aber die Leute sind nicht blind für das viele Unrecht, welches in Zusammenhang mit der Fussballweltmeisterschaft geschehen ist. Und die Fussballweltmeisterschaft hat die Unzufriedenheit der Bevölkerung mit der Regierung weiter verstärkt.
Es wird neue Proteste geben.

Das Ausbleiben der angekündigten Grossdemos hat FIFA-Präsident Blatter zur höhnische Frage veranlasst: „Wo ist sie denn geblieben, die soziale Unzufriedenheit.“

Die Bemerkung macht uns sprachlos und trägt zum katastrophalen Image der FIFA in der Bevölkerung bei. Während auf der schillernden Oberfläche Brasiliens jetzt vier Wochen lang das FIFA-Fest inszeniert wurde, ging unter der Oberfläche – zum Beispiel hier in Rio – der Krieg in den Favelas zwischen den Drogenkartellen und der Polizei weiter. Allein in den vergangenen sieben Jahren hat dieser Stadtkrieg 45’000 Menschen das Leben gekostet. Millionen wurden ausgegeben, um die VIPs der FIFA-Sponsoren und die Fussballfans aus aller Welt zu beschützen, während der Staat unfähig oder nicht willens ist, die Sicherheit der Bevölkerung zu gewährleisten.

In zwei Jahren finden in Rio die Olympischen Spiele statt. Welche Lehren muss die Brasilianische Regierung aus der Fussball-Weltmeisterschaft 2014 ziehen?

Zunächst sollte sie das politische Bewusstsein der Bevölkerung nicht unterschätzen. Wir sind keine Idioten. Die Bevölkerung wird es nicht einfach hinnehmen, dass erneut öffentliche Gelder verschwendet werden. Wir verlangen maximale Transparenz, wofür die Steuergelder ausgegeben werden. Wir wollen sicher sein, dass diesmal auch die Bevölkerung von dem internationalen Grossereignis profitieren kann.

Und die Lehren für das Olympische Komitee?

Das Olympische Komitee muss sich bewusst sein, dass ihm das gleiche passieren kann wie jetzt der FIFA: das Image der Olympischen Bewegung wird schwer beschädigt werden, wenn das IOC seine soziale Verantwortung im Gastland Brasilien nicht wahrnimmt. Speziell die arme Bevölkerung muss miteinbezogen werden. Sie muss nicht nur an den Spielen teilnehmen können, sie muss auch mittel- und langfristig ganz direkt davon profitieren, dass die Olympischen Spiele 2016 in Brasilien stattgefunden haben werden. Wir erwarten, dass das IOC Druck auf die brasilianische Regierung ausübt,  damit sich die Situation der Millionen von Favelabewohnern in Rio nachhaltig  verbessert.
Wir werden schon morgen wieder auf die Strasse gehen, um diesen Forderungen Nachdruck zu verleihen. Für uns heisst es: „Nach der Fussball-WM ist vor den Olympischen Spielen“.

Buben in Jacarezinho; 12.7.2014

Buben in Jacarezinho; 12.7.2014

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