Rios Drogenbosse drohen mit Terror

Gasse in der Favela Jacarezinzo, 12.7.2014

Gasse in der Favela Jacarezinzo, 12.7.2014

Das Leben in den Favelas scheint seinen „normalen“ Gang zu nehmen. Die grösseren Gassen von Jacarezinho waren am Samstag, als ich letztmals dort war, voller Leben (siehe Bild oben). Aber die Leute haben Angst. Sie gehen davon aus, dass ein Krieg zwischen den Sicherheitskräften und den Drogenkartellen unmittelbar bevorsteht.

Denn die Bosse der grossen Drogenkartelle Rio de Janeiros, welche vor der WM von den Sicherheitskräften des Staates aus den Favelas im Zentrum der Stadt vertrieben worden waren, haben wiederholt angekündigt, sie würden nach dem Ende der Fussball-Weltmeisterschaft „nach Hause“ zurückkehren: „Depois da Copa do Mundo noix vai voltar pra casa.“

Einer der Kanäle, welche die Drogenbosse benutzen, um ihre Botschaft zu verbreiten, ist selbstverständlich das Internet. Gerne nutzen sie einen in der Szene bekannnten Rapper, der die Botschaft in einer „Acapella Proibidiao“ verbreitet, einer Art Funk-Rap („Machine Gun Voices“), mit dem die kriminellen Aktivitäten der Drogenbanden verherrlicht werden:

Hintergrund: (Der beste Hintergrund, den ich bisher gefunden habe, wurde übrigens auf deutsch geschrieben: Kathrin Zeller: Gespaltene Gesellschaft , Konrad-Adenauer-Stiftung)

In den letzten Jahren waren die allermeisten Favelas von Rio ganz in den Händen der Drogenkartelle. Die Militärpolizei hatte sich darauf beschränkt, punktuell blutige Razzien in den Armenvierteln durchzuführen. Sie hat sich danach aber jeweils wieder zurückgezogen und das Territorium wieder den Drogenkartellen überlassen.

imagesIm Vorfeld der Fussballweltmeisterschaft haben jetzt aber die Armee und die Militärpolizei die Favelas im Zentrum von Rio erobert und die Drogendealer in die Vorstädte verdrängt. Einige der mächtigsten Drogenbosse wurden gar verhaftet und sitzen im Gefängnis. Und diesmal sind die staatlichen Sicherheitskräfte in den Favelas geblieben. Sie haben improvisierte Poilzeiposten in Containern installiert (blauweiss, fast wie die UNO-Container in den Krisengebieten weltweit) und vor allem Polizisten dort stationiert, die ständig im Quartier patroullieren.

Seither hat sich die Situation in den „befriedeten“ Favelas tatsächlich verbessert. Man sieht jetzt keine Jugendlichen mehr, die  Waffen offen tragen. Die Zahl der Morde ist deutlich zurückgegangen.

Adrian u. UPP Mandela 2013

Adrian u. UPP Mandela 2013

Aber der Ruf der Befriedungspolizei UPP (Unidades de Policia Pacificadora) bei der Bevölkerung ist schlecht. Die meist jungen Polizisten sind schlecht ausgebildet und häufig überfordert. Es kommt regelmässig zu gewaltsamen Ãœbergriffen. Das Business machen – unter der Oberfläche – aber nach wie vor die Drogendealer. Die Bosse erteilen ihren Leuten Befehle aus den Gefängnissen. Unmitelbar vor der WM haben sie versucht, der Polizei zu demonstrieren, dass ihre Macht ungebrochen ist: Sie haben eine ganze Reihe von Anschlägen auf die Polizei in den Favelas durchführen lassen.
Die „Szenenkenner“ in den Favelas sind auch überzeugt, es habe für die Dauer der WM einen Deal zwischen der Polizei und den Drogenbossen im Gefängnis gegeben, eine Art Waffenstillstand.

Jetzt aber ist die WM vorbei und die Drogenbosse haben ihre Drohung zurückzukehren mehrfach erneuert. Zum Beispiel in der folgenden Acapella Proibidao. Neu ist dabei, dass sie erstmals von „Terror“ reden: Man werde bald „Tunnel und Brücken sprengen“.

Positiv könnte man die Terrordrohung aus dem Gefängnis  so interpretieren: Offenbar sind sich de Drogenbosse nicht mehr sicher, die Polizei einfach wieder aus den Favelas vertreiben zu können. Die „Szenenkenner“ gehen denn auch davon aus, dass die staalichen Sicherheitskräfte zumindest bis nach den Präsidentschafts-Wahlen im Oktober oder „vielleicht sogar bis zu den Olympischen Spielen 2016“ ausharren wollen.

Ob die Drogenbosse ihre Drohung tatsächlich wahrmachen (können), weiss niemand wirklich. Gerüchte und Drohungen gehören zum Krieg. Die häufigen, selbtherrlichen Ankündigungen drohen aber zum Selbstläufer zu werden. Das Klima ist aufgeheizt, sowohl auf Seiten der häufig blutjungen „Kämpfer“ der Drogendealer, wie auch bei den Polizisten. Längst geht es nicht mehr nur um den lukrativen Drogenmarkt, sondern auch um puren Machismo: Um glaubwürdig zu bleiben, müssen die Drogendealer bald einmal zuschlagen und den wiederholt angekündigten „Krieg“ beginnen.

Rio 2014, zwei Jahre vor den Olympsichen Spielen.

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One Response to Rios Drogenbosse drohen mit Terror

  1. Martina Müller says:

    Ich bin sehr froh um deine ‚alternative‘ Berichterstattung. Die Oberflächlichkeit der Tagespresse ging mir ordentlich auf die Nerven. Deshalb habe ich das Meiste ignoriert. Wie eigentlich könnten Journalisten lernen, die richtigen Fragen zu stellen? Zum Beispiel die Beobachtung des Machismo: Da werden spaltenlang Motive und Hintergründe diskutiert, aber das gekränkte Männlichkeit, Machismo eben, ganz oft die treibende Kraft ist, thematisiert kaum jemand. Nimm Putin, die Isis im Irak, die Mafia, Netanjahu. Könnte man das Motiv ‚Machismo‘ ausschalten, wäre wohl in den meisten Fällen vernünftig zu reden. Ich träume immernoch davon, dass Frauen, Schwestern und Mütter ihre Buben in den Senkel stellen, statt sie zu bewundern, zu bemuttern und zu decken.
    Gruss, Martina

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