Zum Nationalfeiertag 2014: Friedrich Engels zur Schweiz 1847

Friedrich Engels in jungen Jahren

Friedrich Engels in jungen Jahren

Aus aktuellem Anlass wiedermal der Text von Friedrich Engels über die Schweiz 1847 zu Beginn des Sonderbundkriegs. Zunächst ist der Artikel einfach amüsant, wunderbar polemisch. Das Lachen bleibt einem aber schon bald im Hals stecken; in zu vielen Bereichen trifft Engels Polemik die aktuelle Realität der Schweiz:

Friedrich Engels

Der Schweizer Bürgerkrieg

[„Deutsche-Brüsseler-Zeitung“ Nr. 91 vom 14. November 1847]

Endlich also wird dem unaufhörlichen Großprahlen von der „Wiege der Freiheit“, von den „Enkeln Tells und Winkelrieds“, von den tapferen Siegern von Sempach und Murten ein Ende gemacht werden! Endlich also hat es sich herausgestellt, daß die Wiege der Freiheit nichts anders ist als das Zentrum der Barbarei und die Pflanzschule der Jesuiten, daß die Enkel Tells und Winkelrieds durch keine andern Gründe zur Raison zu bringen sind als durch Kanonenkugeln, daß die Tapferkeit von Sempach und Murten nichts anders war als die Verzweiflung brutaler und bigotter Bergstämme, die sich störrisch gegen die Zivilisation und den Fortschritt stemmen!

Es ist ein wahres Glück, daß die europäische Demokratie endlich diesen urschweizerischen, sittenreinen und reaktionären Ballast los wird. Solange die Demokraten sich noch auf die Tugend, das Glück und die patriarchalische Einfalt dieser Alpenhirten beriefen, solange hatten sie selbst noch einen reaktionären Schein. Jetzt, wo sie den Kampf der zivilisierten, industriellen, modern-demokratischen Schweiz gegen die rohe, christlich-germanische Demokratie der viehzuchttreibenden Urkantone unterstützen, jetzt vertreten sie überall den Fortschritt, jetzt hört auch der letzte reaktionäre Schimmer auf, jetzt zeigen sie, daß sie die Bedeutung der Demokratie im 19. Jahrhundert verstehen lernen.

Es gibt zwei Gegenden in Europa, in denen sich die alte christlich-germanische Barbarei in ihrer ursprünglichsten Gestalt, beinahe bis aufs Eichelfressen, erhalten hat, Norwegen und die Hochalpen, namentlich die Urschweiz. Sowohl Norwegen wie die Urschweiz liefern noch unverfälschte Exemplare jener Menschenrasse, welche einst im Teutoburger Wald die Römer auf gut westfälisch mit Knüppeln und Dreschflegeln totschlug. Sowohl Norwegen wie die Urschweiz sind demokratisch organisiert. Aber es gibt verschiedenerlei Demokratien, und es ist sehr nötig, daß die Demokraten der zivilisierten Länder endlich die Verantwortlichkeit für die norwegische und urschweizerische Demokratie ablehnen.

Die demokratische Bewegung erstrebt in allen zivilisierten Ländern in letzter Instanz die politische Herrschaft des Proletariats. Sie setzt also voraus, daß ein Proletariat existiert; daß eine herrschende Bourgeoisie existiert; daß eine Industrie existiert, die das Proletariat erzeugt, die die Bourgeoisie zur Herrschaft gebracht hat.

Von dem allen finden wir nichts, weder in Norwegen noch in der Urschweiz. Wir finden in Norwegen das vielberühmte Bauernregiment (bonde regimente), in der Urschweiz eine Anzahl roher Hirten, die trotz ihrer demokratischen Verfassung von ein paar reichen Grundbesitzern, Abyberg usw., patriarchalisch regiert werden. Bourgeoisie existiert in Norwegen nur ausnahmsweise, in der Urschweiz gar nicht. Proletariat ist so gut wie gar nicht vorhanden.

Die Demokratie der zivilisierten Länder, die moderne Demokratie, hat also mit der norwegischen und urschweizerischen Demokratie durchaus nichts gemein. Sie will nicht den norwegischen und urschweizerischen Zustand herbeiführen, sondern einen himmelweit verschiedenen. Doch gehen wir näher ein auf diese urgermanische Demokratie, und halten wir uns dabei an die Urschweiz, die uns hier zunächst angeht.

Wo ist der deutsche Spießbürger, der nicht begeistert ist für Wilhelm Tell, den Vaterlandsbefreier, wo der Schulmeister, der nicht Morgarten, Sempach und Murten neben Marathon, Platää und Salamis feiert, wo die hysterische alte Jungfer, die nicht für die derben Waden und strammen Schenkel der sittenreinen Alpenjünglinge schwärmt? Von Ägidius Tschudi bis auf Johannes von Müller, von Florian bis auf Schiller ist die Herrlichkeit der urschweizerischen Tapferkeit, Freiheit, Tüchtigkeit und Kraft in Versen und in Prosa ohne Ende gepriesen worden. Die Kanonen und Stutzer der zwölf Kantone liefern jetzt den Kommentar zu diesen begeisterten Lobgesängen.

Die Urschweizer haben sich zweimal in der Geschichte bemerklich gemacht. Das erste Mal, als sie sich von der österreichischen Tyrannei glorreich befreiten, das zweite Mal in diesem Augenblick, wo sie mit Gott für Jesuiten und Vaterland in den Kampf ziehen.

Die glorreiche Befreiung aus den Krallen des österreichischen Adlers verträgt schon sehr schlecht, daß man sie bei Licht besieht. Das Haus Österreich war ein einziges Mal in seiner ganzen Karriere progressiv; es war im Anfang seiner Laufbahn, als es sich mit den Spießbürgern der Städte gegen  den Adel alliierte und eine deutsche Monarchie zu gründen suchte. Es war progressiv in höchst spießbürgerlicher Weise, aber einerlei, es war progressiv. Und wer stemmte sich ihm am entschiedensten entgegen? Die Urschweizer. Der Kampf der Urschweizer gegen Österreich, der glorreiche Eid auf dem Grütli, der heldenmütige Schuß Tells, der ewig denkwürdige Sieg von Morgarten, alles das war der Kampf störrischer Hirten gegen den Andrang der geschichtlichen Entwicklung, der Kampf der hartnäckigen, stabilen Lokalinteressen gegen die Interessen der ganzen Nation, der Kampf der Roheit gegen die Bildung, der Barbarei gegen die Zivilisation. Sie haben gegen die damalige Zivilisation gesiegt, zur Strafe sind sie von der ganzen weiteren Zivilisation ausgeschlossen worden.

Damit nicht genug, wurden diese biderben, widerspenstigen Sennhirten bald noch ganz anders gezüchtigt. Sie entgingen der Herrschaft des österreichischen Adels, um unter das Joch der Züricher, Luzerner, Berner und Baseler Spießbürger zu geraten. Diese Spießbürger hatten gemerkt, daß die Urschweizer ebenso stark und ebenso dumm waren wie ihre Ochsen. Sie ließen sich in die Eidgenossenschaft aufnehmen, und von nun an blieben sie ruhig zu Hause hinter der Zahlbank sitzen, während die hartköpfigen Sennhirten alle ihre Streitigkeiten mit dem Adel und den Fürsten ausfochten. So bei Sempach, Granson, Murten und Nancy. Dabei ließ man den Leuten das Recht, ihre innern Angelegenheiten nach Belieben einzurichten, und so blieben sie in der glücklichsten Unwissenheit über die Weise, in der sie von ihren lieben Eidgenossen exploitiert wurden.

Seitdem hat man wenig mehr von ihnen gehört. Sie beschäftigten sich in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit mit Kühemelken, Käsemachen, Keuschheit und Jodeln. Von Zeit zu Zeit hielten sie Volksversammlungen, worin sie sich in Hornmänner, Klauenmänner und andre bestialische Klassen spalteten und nie ohne eine herzliche, christlich-germanische Prügelei auseinandergingen. Sie waren arm, aber rein von Sitten, dumm, aber fromm und wohlgefällig vor dem Herrn, brutal, aber breit von Schultern und hatten wenig Gehirn, aber viel Wade. Von Zeit zu Zeit wurden ihrer zuviel, und dann ging die junge Mannschaft „reislaufen“, d.h. ließ sich in fremde Kriegsdienste anwerben, wo sie mit der unverbrüchlichsten Treue an ihrer Fahne hielt, mochte kommen, was da wollte. Man kann den Schweizern nur nachsagen, daß sie sich mit der größten Gewissenhaftigkeit für ihren Sold haben totschlagen lassen.

Der größte Stolz dieser vierschrötigen Urschweizer war von jeher, daß sie nie von den Gebräuchen ihrer Vorfahren auch nur um ein Haarbreit gewichen sind, daß sie die einfältige, keusche, biderbe und tugendsame Sitte  ihrer Väter im Strome der Jahrhunderte unverfälscht bewahrt haben. Und das ist wahr, jeder Versuch der Zivilisation ist an den granitnen Wänden ihrer Felsen und ihrer Schädel ohnmächtig abgeprallt. Seit dem Tage, wo der erste Ahne Winkelrieds seine Kuh mit den unumgänglichen idyllischen Schellen am Halse auf die jungfräulichen Triften des Vierwaldstätter Sees trieb, bis zu dem jetzigen Augenblick, wo der letzte Nachkomme Winkelrieds seine Büchse vom Pfaffen einsegnen läßt, sind alle Häuser auf dieselbe Weise gebaut, alle Kühe auf dieselbe Weise gemolken, alle Zöpfe auf dieselbe Weise geflochten, alle Käse auf dieselbe Weise verfertigt, alle Kinder auf dieselbe Weise gemacht worden. Hier auf den Bergen existiert das Paradies, hier ist man noch nicht bis zum Sündenfall gekommen. Und wenn einmal ein solch unschuldiger Alpensohn in die große Welt hinausgerät und sich einen Augenblick hinreißen läßt von den Verführungen der großen Städte, von den geschminkten Reizen einer verderbten Zivilisation, von den Lastern der sündhaften Länder, die keine Berge haben und wo Korn gedeiht – die Unschuld wurzelt so tief in ihm, daß er nie ganz untergehen kann. Ein Ton schlägt an sein Ohr, nur zwei jener Noten des Kuhreigens, die wie Hundegeheul klingen, und sofort stürzt er weinend und zerknirscht auf die Knie, sofort reißt er sich los aus den Armen der Verführung und ruht nicht, bis er zu den Füßen seines greisen Vaters liegt. „Vater, ich habe gesündigt vor meinen Urgebirgen und vor Dir, ich bin nicht wert, daß ich Dein Sohn genannt werde!“

Zwei Invasionen sind in der neueren Zeit gegen diese Sitteneinfalt und Urkraft versucht worden. Die erste war die der Franzosen 1798. Aber diese Franzosen, die sonst überall doch etwas Zivilisation verbreitet haben, scheiterten an den Urschweizern. Keine Spur ihrer Anwesenheit ist geblieben, kein Jota haben sie von den alten Sitten und Tugenden beseitigen können. Die zweite Invasion kam ungefähr zwanzig Jahre später und trug wenigstens einige Früchte. Das war die Invasion der englischen Reisenden, der Londoner Lords und Squires <Gutsherren> und der zahllosen Lichterzieher, Seifensieder, Gewürzkrämer und Knochenhändler, die ihnen folgten. Diese Invasion hat es wenigstens dahin gebracht, daß die alte Gastfreundschaft ein Ende nahm und die ehrlichen Bewohner der Sennhütten, die früher kaum wußten, was Geld sei, sich in die habgierigsten und spitzbübischsten Preller verwandelten, die es irgendwo gibt. Aber dieser Fortschritt greift durchaus die alten, einfältigen Sitten nicht an. Diese eben nicht sehr reinliche Prellerei vertrug sich aufs vortrefflichste mit den patriarchalischen Tugenden der Keuschheit, Tüchtigkeit, Biederkeit und Treue. Nicht einmal ihre Frömmigkeit litt darunter; der  Pfaff absolvierte sie mit besonderem Vergnügen von allen Betrügereien, die an einem britischen Ketzer verübt worden waren.

Jetzt aber scheint diese Sittenreinheit aber doch einmal in Grund und Boden umgerührt werden zu sollen. Hoffentlich werden die Exekutionstruppen ihr möglichstes tun, um aller Biederkeit, Urkraft und Einfalt den Garaus zu machen. Dann aber jammert, ihr Spießbürger! Dann wird es keine armen, aber zufriednen Hirten mehr geben, deren ungetrübte Sorglosigkeit ihr euch für den Sonntag wünschen könnt, nachdem ihr sechs Tage der Woche an Zichorienkaffee und Tee von Schlehenblättern euren Schnitt gemacht habt! Dann weinet, ihr Schulmeister, denn mit der Hoffnung auf ein neues Sempach-Marathon und andre klassische Großtaten ist’s aus! Dann klaget, hysterische Jungfrauen über dreißig Jahren, denn es wird vorbei sein mit jenen sechszölligen Waden, deren Bild eure einsamen Träume versüßt, vorbei mit der Antinousschönheit der kräftigen „Schweizerbuan“, vorbei mit jenen festen Schenkeln und strammen Hosen, die euch so unwiderstehlich nach den Alpen hinziehen! Dann seufzet, sanfte und bleichsüchtige Pensionatsknospen, die ihr euch auch schon aus Schillers Werken für die keusche und doch so wirksame Liebe der behenden Gemsenjäger begeistert habt, denn dann ist es aus mit euren zarten Illusionen, dann bleibt euch nichts, als Henrik Steffens zu lesen und für die frostigen Norweger zu schwärmen!

Doch lassen wir das. Diese Urschweizer müssen mit noch ganz andern Waffen bekämpft werden als mit bloßem Spott. Die Demokratie hat sich noch wegen ganz andrer Dinge als wegen ihrer patriarchalischen Tugenden mit ihnen ins reine zu setzen.

  • Wer verteidigte am 14. Juli 1789 die Bastille gegen das anstürmende Volk, wer schoß hinter sichern Mauern die Arbeiter der Faubourg St-Antoine <Arbeitervorstadt von Paris> mit Kartätschen und Flintenkugeln nieder? – Urschweizer aus dem Sonderbund, Enkel Tells, Stauffachers und Winkelrieds.
  • Wer verteidigte am 10. August 1792 den Verräter Ludwig XVI. im Louvre und den Tuilerien gegen den gerechten Zorn des Volks? – Urschweizer aus dem Sonderbund.
  • Wer unterdrückte, mit Hülfe Nelsons, die neapolitanische Revolution von 1798? – Urschweizer aus dem Sonderbund.
  • Wer stellte, mit Hülfe der Österreicher, 1823 in Neapel die absolute Monarchie wieder her? – Urschweizer aus dem Sonderbund.
  • Wer kämpfte bis auf den letzten Augenblick, am 29. Juli 1830, abermals für einen verräterischen König und schoß abermals von den Fenstern und Kolonnaden des Louvre die Pariser Arbeiter nieder? – Urschweizer aus dem Sonderbund.
  • Wer unterdrückte, mit einer weltberüchtigten Brutalität und abermals im Verein mit den Österreichern, die Insurrektion in der Romagna 1830 und 1831? – Urschweizer aus dem Sonderbund.

Kurz, wer hielt bis zu diesem Augenblick die Italiener nieder, daß sie sich beugen mußten unter die erdrückende Herrschaft ihrer Aristokraten, Fürsten und Pfaffen, wer war in Italien die rechte Hand Österreichs, wer machte es noch zur Stunde dem Bluthund Ferdinand von Neapel möglich, sein knirschendes Volk im Zaume zu halten, wer spielte noch heute den Henker bei den massenweisen Füsilladen, die er vollziehen läßt? Immer wieder Urschweizer aus dem Sonderbund, immer wieder Enkel Tells, Stauffachers und Winkelrieds!

Mit einem Worte: wo und wann nur immer in Frankreich eine revolutionäre Bewegung ausbrach, die direkt oder indirekt der Demokratie Vorschub leistete, da waren es immer urschweizerische Mietsoldaten, die mit der größten Hartnäckigkeit und bis zum letzten Augenblick dagegen fochten. Und namentlich in Italien waren diese schweizerischen Söldlinge fortwährend die getreuesten Knechte und Handlanger Österreichs. Gerechte Strafe für die glorreiche Befreiung der Schweiz aus den Krallen des Doppeladlers!

Man glaube nicht, daß diese Söldlinge der Auswurf ihres Landes seien und von ihren Landsleuten desavouiert würden. Haben die Luzerner doch vor ihren Toren durch den isländischen frommen Pinsel Thorvaldsen einen großen Löwen aus dem Felsen hauen lassen, der, an einer Pfeilwunde verblutend, das bourbonische Lilienschild mit seiner bis zum Tode getreuen Pfote deckt – und zwar zum Gedächtnis der am 10. August 1792 im Louvre gefallenen Schweizer! So ehrt der Sonderbund die käufliche Treue seiner Söhne. Er lebt vom Menschenhandel und feiert ihn.

Und mit dieser Art Demokratie sollten die englischen, die französischen, die deutschen Demokraten irgend etwas gemein haben?

Schon die Bourgeoisie arbeitet durch ihre Industrie, ihren Handel, ihre politischen Institutionen darauf hin, überall die kleinen, abgeschlossenen, nur für sich lebenden Lokalitäten aus ihrer Vereinzelung herauszureißen, sie miteinander in Verbindung zu bringen, ihre Interessen miteinander zu verschmelzen, ihren lokalen Gesichtskreis zu erweitern, ihre lokalen Gebräuche, Trachten und Anschauungsweisen zu vernichten und aus den vielen bisher voneinander unabhängigen Lokalitäten und Provinzen eine große Nation mit gemeinsamen Interessen, Sitten und Anschauungen zu bilden. Schon die Bourgeoisie zentralisiert bedeutend. Das Proletariat, weit entfernt davon, hierdurch benachteiligt zu sein, wird vielmehr erst durch diese Zentralisation in den Stand gesetzt, sich zu vereinigen, sich als Klasse zu fühlen, sich in der Demokratie eine angemessene politische Anschauungsweise anzueignen und endlich die Bourgeoisie zu besiegen. Das demokratische Proletariat hat nicht nur die Zentralisation, wie sie durch die Bourgeoisie begonnen ist, nötig, sondern es wird sie sogar noch viel weiter durchführen müssen. Während der kurzen Zeit, in der das Proletariat in der französischen Revolution am Staatsruder saß, während der Herrschaft der Bergpartei, hat es die Zentralisation mit allen Mitteln, mit Kartätschen und der Guillotine durchgesetzt. Das demokratische Proletariat, wenn es jetzt wieder zur Herrschaft kommt, wird nicht nur jedes Land für sich, sondern sogar alle zivilisierten Länder zusammen so bald wie möglich zentralisieren müssen.

Die Urschweiz dagegen hat nie etwas andres getan, als sich gegen die Zentralisation angestemmt. Sie hat mit einer wirklich tierischen Hartnäckigkeit auf ihrer Absonderung von der ganzen übrigen Welt, auf ihren lokalen Sitten, Trachten, Vorurteilen, auf ihrer ganzen Lokalborniertheit und Abgeschlossenheit bestanden. Sie ist bei ihrer ursprünglichen Barbarei mitten in Europa stehengeblieben, während alle andern Nationen, selbst die übrigen Schweizer, fortgeschritten sind. Mit dem ganzen Starrsinn roher Urgermanen besteht sie auf der Kantonalsouveränität, d.h. auf dem Recht, in Ewigkeit nach Belieben dumm, bigott, brutal, borniert, widersinnig und käuflich zu sein, mögen ihre Nachbarn darunter leiden oder nicht. Sowie ihr eigner tierischer Zustand zur Sprache kömmt, erkennen sie keine Majorität, keine Übereinkunft, keine Verpflichtung mehr an. Aber im neunzehnten Jahrhundert ist es nicht mehr möglich, daß zwei Teile eines und desselben Landes so ohne allen gegenseitigen Verkehr und Einfluß nebeneinander existieren. Die radikalen Kantone wirken auf den Sonderbund, der Sonderbund wirkte auf die radikalen Kantone, in denen hier und da ebenfalls noch höchst rohe Elemente existieren. Die radikalen Kantone sind also dabei interessiert, daß der Sonderbund seine Bigotterie, seine Borniertheit und seinen Starrsinn fahren lasse, und wenn der Sonderbund nicht will, so muß sein Eigensinn mit Gewalt gebrochen werden. Und das geschieht in diesem Augenblick.

Der Bürgerkrieg, der jetzt ausgebrochen ist, wird also der Sache der Demokratie nur förderlich sein. Wenn auch selbst in den radikalen Kantonen noch viel urgermanische Roheit steckt, wenn auch in ihnen hinter der Demokratie bald ein Bauern-, bald ein Bourgeoisregiment, bald ein Gemisch von beiden sich versteckt, wenn auch selbst die zivilisiertesten Kantone noch hinter der Entwicklung der europäischen Zivilisation stehen und nur hier und da wirklich moderne Elemente langsam empordämmern, so tut das dem  Sonderbund keinen Vorschub. Es ist nötig, dringend nötig, daß diese letzte Zuflucht des brutalen Urgermanismus, der Barbarei, der Bigotterie, der patriarchalischen Einfalt und Sittenreinheit, der Stabilität und der den Meistbietenden zu Gebote stehenden Treue bis in den Tod endlich einmal zerstört werde. Je energischer die Tagsatzung zu Werke geht, je gewaltsamer sie dies alte Pfaffennest umrütteln wird, desto mehr Anspruch auf die Unterstützung aller entschiedenen Demokraten wird sie haben, desto mehr wird sie beweisen, daß sie ihre Stellung versteht. Aber freilich, die fünf Großmächte sind da, und die Radikalen haben selbst Furcht.

Für den Sonderbund aber ist es bezeichnend, daß die echten Söhne Wilhelm Teils das Haus Österreich, den Erbfeind der Schweiz, um Hülfe anflehen müssen, jetzt, wo Österreich schmutziger, niederträchtiger, gemeiner und gehässiger ist als je. Das ist auch noch ein Stück Strafe für die glorreiche Befreiung der Schweiz aus den Krallen des Doppeladlers und die vielen Großprahlereien deswegen. Und damit das Maß der Strafe recht übervoll werde, muß dies Österreich selbst so in der Klemme sein, daß es den Söhnen Tells nicht einmal helfen kann!

F. Engels

 

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