Fethullah Gülen: Der türkische Wolf im Schafspelz?

„Wohlwollen und Argwohn“. Auf diese Formel reduziert das ZDF heute den klaren Sieg des türkischen Ministerpräsidenten Recep Erdogan und seiner Regierungspartei AKP in der Volksabstimmung zur Verfassungsreform vom Wochenende. Von einer „lautlosen Revolution“ und von einer weiteren Annäherung an Europa ist – wohlwollend – die Rede.

Aber gleichzeitig bleibt eben auch der Argwohn. Man traut Erdogan und der AKP weiterhin nicht so richtig über den Weg. Verbirgt sich hinter der modernen Fassade nicht heimlich die Agenda der Islamisierung? Dieses Misstrauen existiert nicht nur im Westen, sondern auch in der Türkei. Dort sind es nicht zuletzt immer wieder Frauen, die besorgt warnen:

„Ja, es ist eine Revolution“, sagt zum Beispiel Canan Güllü, die Vorsitzende des säkularistischen Frauenverbandes TKDF: „Es ist eine Revolution gegen die Republik, hin zur Diktatur.“ Und: „Ich habe Angst, dass die Demokratie abgeschafft wird.“

Das Misstrauen hat einen Namen: Gülen. Wer nicht weiss, wer das ist, braucht sich nicht zu grämen. Er/sie ist nicht allein:

Der führende Intellektuelle der Welt

2008 haben das  US-amerikanische Politmagazin „Foreign Policy“ und die britische Zeitschrift „Prospect“ gemeinsam ihre Leser aufgefordert, per Online-Abstimmung den „zur Zeit führenden Intellektuellen der Welt“ zu bestimmen. Gewonnen hat Fethullah Gülen. Selbst der Herausgeber von „Prospect“, David Goodhart, musste zugeben, noch nie von Gülen gehört zu haben.

Die Leser der renommierten Politmagazine offenbar schon. Ein Blick auf die Kommentare zur Rangliste zeigte, dass insbesondere besonders viele türkische und türkisch-stämmige Intellektuelle an der Abstimmung teilgenommen hatten. Mobilisiert wurden sie wohl nicht zuletzt durch einen Artikel über die Abstimmung auf der Frontseite der türkischen Tageszeitung „Zaman“ (Print und Online). Sie gehört zum Imperium des Fethullah Gülen.

„Gut“ oder „böse“?

Fethullah Gülen ist ein türkischer Iman, der in Pensylvania in den USA lebt. Der heute 69-jährige Prediger neigt dem Mystizismus und dem Sufismus der Nurculuk-Bewegung zu, die sich als religiöse Reformbewegung sieht, die moderne Technologie und Islam miteinander verbinden will. Insgesamt vertritt Gülen einen eher konservativen Islam, der sich aber deutlich vom Fundamentalismus des Saudiarabischen Wahabismus abgrenzt.
Es gilt als unbestritten, dass seine Bewegung ganz wesentlich für den Erfolg von Ministerpräsident Erdogan und seiner (sogenannt islamistischen) AKP mitverantwortlich ist: „Gülens Gefolgsleute sind die intellektuellen Vordenker der AKP“, schreibt zum Beispiel die deutsch-türkische Soziologin Necla Kelek in der FAZ. (Widerspruch findet sich hier).

Für die US-Agentur Stratfor, von der man sagt, sie stehe dem amerikanische Geheimdienst nahe, ist die Gülen-Bewegung DER Schlüsselfaktor für die „Geostrategie der Türkei“, respektive für die geostrategische Einordnung der Türkei  an der Seite der „Guten“ oder der „Bösen“ (Stratfor Special Report: Islam, Secularism and the Battle for Turkey’s Future“). Aber auch Stratfor ist offenbar nicht sicher, wie die Gülenbewegung einzuordnen ist. Nützlich oder gefährlich? Insgesamt scheint mir Stratfor nicht negativ, aber höchst alarmiert.

Eine türkische Weltbewegung

Fethullah Gülen soll  heute etwa 1,5 Millionen Anhänger haben, weltweit. Meist sind es gut ausgebildete, gut positionierte Intellektuelle.
Die „Fethullah Gülen Bewegung“ hat kein eigentliches organisatorisches Zentrum. Sie ist weltweit aktiv in über 100 Ländern: Von Russland über Deutschland bis in die USA, aber auch im „Süden“, in Südamerika, Afrika und Asien, betreibt sie Schulen, Universitäten, Fernsehsender, Zeitungen, eine Bank, Versicherungen, einen Unternehmerverband und Gewerkschaften.

Der ursprünglich aus dem Raum Erzurum in Ostanatolien stammende Gülen hat bisher offenbar alles richtig gemacht. Schon früh hat er erkannt, dass er bei der Bildung ansetzen muss, wenn seine Bewegung nachhaltig Wirkung erzielen soll. Gülen soll heute weltweit über 1000 Privatschulen betreiben. Auch in der Schweiz gibt es Gülen-Schulen.

Bildung als Strategie zur Machtübernahme?

Die Gülen Schulen sind in der Türkei die besten Ausbildungsstätten. Seit 30 Jahren schicken nicht zuletzt die Eliten ihre Kinder in diese Schulen, auch wenn sie selbst säkularistisch eingestellt sind. Der inhaltliche Schwerpunkt der Schulen liegt denn auch keineswegs auf der Religion. Im Zentrum stehen Sprachen, Mathematik und Wissenschaft. Ziel der Gülen-Bewegung ist es gemäss Stratfor, „eine Generation von gut-ausgebildeten Türken zu schaffen, welche der Gülen-Tradition verpflichtet ist und über die technischen Kenntnisse (und via die AKP über die politischen Beziehungen) verfügt, um hohe Positionen in den strategisch entscheidenden Sektoren der Wirtschaft, der Regierung und in der Armee zu besetzen.“

Fethullahci, wie sich Gülens Anhänger nennen, „haben inzwischen Positionen bis in die höchsten türkischen Regierungskreise“, schreibt Necla Kelek. Und Stratfor konstatiert nüchtern: „Die Gülen-Bewegung ist heute schlicht in allen türkischen Machtzentren präsent.“ Die Regierungspartei AKP und die Gülen-Bewegung haben eine „symbiotische Beziehung“: „Die Gülen-Bewegung sorgt für die soziale Basis der AKP, die AKP bietet der Gülen-Bewegung dagegen die politische Plattform um ihre Agenda voranzutreiben.“

Es sollen denn auch Gülen-Anhänger innerhalb der Armeeführung gewesen sein, die den zur Gülen-Bewegung gehörenden Medien die Informationen zugespielt haben, die in den letzten Jahren und Monaten die türkischen Militärs immer weiter desavouiert und damit die AKP gestärkt haben – bis hin zum „Sieg“ im Verfassungsreferendum vom vergangenen Wochenende. Die Kontrolle wichtiger Medien in der Türkei gilt als zweiter strategisch entscheidender Faktor für den Einfluss der Gülen-Bewegung

Stratfor verdächtigt Gülen, eine ähnliche Infiltrationsstrategie auch im Ausland zu betreiben. Bereits schickten die Eliten in zahlreichen Ländern des Südens ihre Kinder auf die ausgezeichneten Gülen-Schulen, wo sie neben englisch auch türkisch lernen. Diese türkophilen Eliten sollen der Türkei künftig weltweiten Einfluss sichern.

Gülen selbst hat dafür gesorgt, das man ihn und seine Bewegung einer doppelten Agenda bezichtig. Als er 1999 in den USA weilte, zeigte das (damals noch säkularistische) türkische Fernsehen eine Rede Gülens, in der er sagte: „Ihr müsst euch in die Artherien des Systems hineinbegeben, ohne dass es jemand bemerkt, bis ihr die zentralen Positionen der Macht erreicht.“ Gülen hat die Publikation als manipuliert bezeichnet. Die dazugehörigen Anklagen der Staatsanwaltschaft sind inzwischen fallengelassen. Doch Gülen ist in den USA geblieben.

Ist die Gülen-Bewegung eine Alternative zum religiösen Extremismus?
Fethullah Gülen profiliert sich als toleranter Brückenbauer zwischen den Religionen.
Er engagiert sich in der „Welt-Ethos“-Bewegung des katholischen Schweizer Theologen Hans Küng, und trifft den Papst.

Die US-amerikanische Religionssoziologin Helen Rose Ebaugh sieht in der Bewegung des umstrittenen türkischen Predigers eine Chance für den Westen – und eine „ernsthafte alternative zum religiösen Extremismus“.
Und Muhamet Cetin von der Gülen-nahen Zeitung Zaman schreibt: „Wer ihn einzig und allein als ‚religiösen Führer‘ bezeichnet, und nicht auch als produktiven Autor, sozialen Impulsgeber, Verfechter des interreligiösen Dialogs, um Versöhnung bemühten interkulturellen Meinungsmacher, Aktivisten, friedfertigen und fortschrittlichen Mentor der Zivilgesellschaft und als authentischen islamischen Gelehrten, der tut Gülen und seinem Publikum Unrecht.“

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