Prof. Maissen: Gemeindeautonomie als neuer Narrativ für die Schweiz

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Prof. Thomas Maissen

Ein echter Leuchtturm: Professor Thomas Maissen in den NZZ Standpunkten zum Schweizer Jubiläumsjahr 2015 (Morgarten 1315, Eroberung Aargau 1415: Marignano 1515; Wienerkongress  1815). In geraffter Form hat die Sendung die wichtigsten Einordnungen Maissens zusammengefasst und – als Highlight:  Thomas Maissen hat einen Vorschlag für einen neuen, ergänzenden Narrativ der Schweizer Geschichte gemacht: Die Entwicklung und Bewahrung der Kleinteiligkeit, der Gemeinde- und Kantonsautonomie der Schweiz.


Wer Maissens „Geschichte der Schweiz“ und vielleicht auch noch einige andere seiner Publikationen gelesen hat, hat in der Sendung zwar keine neuen Thesen gehört, aber hübsche Zuspitzungen, die ich so formuliert, noch nicht wahrgenommen habe:

1. Das Eidgenossenschaft war ein Eliteprojekt, ein Projekt der herrschenden Elite.
2. Sie war ein Bündnis um zu herrschen, um die Herrschaft zu sichern und auszubauen.

Das sind schon einmal sehr schöne Antithesen zur Erzählung der Nationalkonservativen, die wir dieses Jahr wohl bis zum Ãœberdruss hören werden, „das Volk“  habe seine Freiheit gegenüber der fremden Obrigkeit verteidigt. Die Eidgenossenschaft sei ein Defensivbündnis zur Verteidigung der Unabhängigkeit und der Freiheit gewesen.

Nett anzusehen in der Aufzeichnung der Sendung vom 4. Januar 2014, wie die vermeintlich aufgeklärten Senior-Journalisten Markus Spillmann (Chefredaktor NZZ) und Marco Färber (ex Chefredaktor Radio DRS) immer noch irritiert auf die eigentlich nicht so neuen Einsichten Maissens reagierten – was Maissen sichtlich amüsiert hat.

Maissen hilft: Was will/könnte man eigentlich verteidigen, wenn man 2015 an Marignano erinnert oder Morgarten? Über den nationalkonservativen Erzählung hinaus?

Warum nicht die Rolle der Gemeinden und Kantone im Raum der heutigen Schweiz?
Warum nicht über das „urschweizerische“ Verständnis von kommunaler Autonomie, von kantonaler Autonomie nachdenken?

Als die befragenden Journalisten noch immer nicht begreifen wollen, welch spannenden Ball ihr „Gast“ da gespielt hat und weiter auf der Thematik der „Zerstörung der Mythen“ weiter plaudern wollen, insistiert Maissen erneut eher amüsiert (bei 27.40 in der Aufzeichnung): „Ich habe ihnen doch grade schön serviert, dass man auch die Autonomie der Kantone und Gemeinden als ein Element der langen Kontinuität der Schweizer Geschichte herausheben könnte.“ Vielleicht wäre es (nicht zuletzt in der Zeit der Globalisierung) ein Ziel, mit einem andern Narrativ dazu beizutragen, dass die für unsere Land so typische Kleinteiligkeit, die so essentielle Autonomie der Gemeinden und Kantone erhalten bleibt und auch künftig weitergelebt werden kann.

Es gehe ihm gar nicht darum, betont Maissen, die gängige Erzählung der Wehrhaftigkeit der „Schweiz“ und der Bewahrung der Freiheit für ungültig zu erklären. Er wünsche sich bloss, diese Erzählung zu erweitern. Zum Beispiel mit dem Thema der starke Vernetzung der vielfältigen alten Eidgenossenschaft mit ihrem Umfeld. Sicher hat Maissen dabei auch an die Hauptthese von André Holensteins wichtigem neuen Buch „Mitten in Europa“ gedacht: Die Geschichte der Schweiz nicht nur als eine Geschichte ihrer Abgrenzung, sondern eben auch ihrer Verflechtung.

Das Jubiläumsjahr 2015 ist lanciert. Gut zu sehen, dass doch einige bereit sind, die Deutungshoheit der Schweizer Geschichte nicht allein den Nationalkonservativen mit ihren kurzfristigen politischen Interessen zu überlassen.

Ich versuche, die öffentliche Debatte dazu, in einem Flipboard-Magazin „Marignano2015“ zu dokumentieren.

 

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