Der Iran ist zurück

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Noch ist das Nuklearabkommen mit dem Iran nicht in trockenen Tüchern. Noch besteht die Gefahr, dass die US-amerikanischen Konservativen aus innenpolitischen Egoismen das historische Abkommen zumindest verzögern. Aber der Prozess ist unumkehrbar:

Der Iran ist zurück im internationalen „Geschäft“.
Es ist schlicht nicht möglich, einen historisch und demographisch so gewichtigen Player wie die „Perser“ auf Dauer zu marginalisieren – vorallem, wenn man ihn braucht, wie aktuell im Kampf gegen den Islamischen Staat (IS) oder wenn man schmerzlich hat erleben müssen, dass sein Ausschluss mehr Probleme schafft, als löst.

Der Prozess der Rückkehr des Iran wird auch nicht erst gestartet, wenn/falls die Sanktionen ab kommendem Sommer tatsächlich schrittweise aufgehoben werden. Es geht auch nicht in erster Linie um die Frage der „Atommacht“ Iran. Das ist pure Propaganda, eine Art Gesichtswahrung der Amerikaner und selbst die Israelis wissen das. Präsident Netanyahu macht bloss noch etwas Innenpolitik, wenn er aktuell Zeter und Mordio heult. Denn wenn es tatsächlich eine reale Bedrohung durch iranische Atomwaffen in Zukunft gäbe, hätte er längst unilateral handeln und militärisch gegen die Atomanlagen vorgehen müssen, wie George Friedman von Stratford schreibt. Israel muss laut heulend heute zur Kenntnis nehmen, dass es wohl bald nur noch eine Fussnote in der Geschichte sein wird, und dass die Welt nicht mehr bereit ist, übergeordnete geostrategische Interessen, den kurzfristigen innenpolitischen Interessen Israels (und der Israel-Lobby in den USA) unterzuordnen.

Iran ist längst aktiver Player
Die Rückkehr Irans als aktiver Player in Nahost ist schon längst unumkehrbare Realität unabhängig vom „Atomabkommen“. Der historische Moment war der Abzug der amerikanischen Truppen aus dem Irak vor gut einem Jahr. Es war schon damals klar, dass der Iran damit aus seiner Isolierung befreit war und via den mehrheitlich schiitischen Irak seine Einflusssphäre weit in den Westen des (aus unserer Sicht) „Nahen Ostens“ bis zur saudischen Grenze und wohl gar bis zum Mittelmeer (via Syrien und Libanon) ausdehnen würde.

Die Perser sind historisch ein grosser Player in der Region und sie sind es auch heute wieder: die Basis ist ein grosser Binnenmarkt und einer für die Region hohe staatlich/gesellschaftliche Entwicklung mit einer leistungsstarken Wirtschaft, viel (auch wissenschaftlichem) technischem Knowhow und vorallem einer grossen, gebildeten Mittelschicht, inkl. die Frauen.

Ob sich die Mullahs nach der Öffnung des Irans noch lange an der Macht halten werden, darf bezweifelt werden. Sie gehören zu den wenigen Profiteuren der Notsituation der Isolation.

Geostrategische Veränderung
Die unumkehrbare Rückkehr des Iran wird nicht nur die politische Situation im Nahen Osten gründlich verändern, sondern auch die Geostrategie insgesamt, nicht zuletzt auch in Richtung Asien: ganz unmittelbar wird der Player Iran die Situation in Afghanistan, mit seinen zahlreichen persisch sprechenden Stämmen verändern, aber damit auch in Pakistan und im ganzen, stark muslimische geprägte indische Subkontinent.

Neuordnung des Nahen Ostens
Zunächst aber liegt der Fokus auf die Neuordnung des „Nahen Ostens“ zwischen dem Iran und dem Mittelmeer und damit in unmittelbarer Nachbarschaft zu Europa.

Der Krieg in Syrien, aber auch die bei uns wenig beachtete Krise in Bahrein letztes Jahr, und nicht zuletzt der Krieg gegen den „Islamischen Staat“ sind schon Teil der neuen Entwicklung mit dem Iran als aktivem Player.

Klar scheint, dass die Rückkehr des Iran zunächst zu weiteren „Turbulenzen“ führen wird. Die Neuordnung des Nahen Ostens wird sehr schmerzhaft sein. Es wird viele Verlierer geben und das sind zunächst immer die „normalen“ Menschen.

Jemen als Role Model
Der jüngste Konflikt im Nahen Osten, der Krieg im Jemen, könnte dabei eine Art „Template“ sein, wie die anstehenden Auseinandersetzung um die Neuordnung des Nahen Ostens verlaufen wird. Einmal mehr wird die Religion vorgeschoben, um den ewigen Kampf um Macht und Einflusssphären zu rechtfertigen.

Pseudo-Glaubenskrieg Sunniten vs. Schiiten
PR-mässig wird die Neuordnung des Nahen Ostens als „schon lange anstehenden“ Ausmarchung zwischen den islamischen Glaubensrichtungen Sunnismus und Schiismus verkauft werden. Der Iran als Vor- und Schutzmacht der Schiiten und Saudiarabien als Interessenvertreter der grossen Mehrheit im Islam, der Sunniten.

So werden jetzt im Jemen die Huthistämme, welche die den Saudis genehme bisherige Regierung Jemens vertrieben haben, zu vom Iran instrumentalisierte Schiiten umfunktioniert. Dies erlaubt es Saudiarabien, eine „arabische“ (sunnitische)Koalition zu schmieden, welche die Interessen des Saudiclans in deren „Hinterhof“ sichern helfen sollen. Der Jemen wird zu einer gesamtsunnitischen Sache hochstilisiert, die Einmischung der „arabischen Koalition“ als Kampf gegen den drohenden shiitischen Hegemonismus. Dass dies absurd ist, wissen im Nahen Osten eigentlich alle. Der Westen und seine Medien übernehmen die SaudiPR aber fast dankbar. Die Realität ist zu komplex und interessiert hier niemanden wirklich:

Die Huthis sind Zaidis. Allgemein werden sie den Shiiten zugeordnete, manchmal auch Fünferschiiten genannt. Allerdings gelten sich als eine eigenständige Glaubensrichtung im Islam, auch von ihrer Glaubenslehre „irgendwie zwischen den Shiiten und den Sunniten stehen.
Wichtigster militärischer Verbündeter der Huthis sind die sunnitischen Clans von Expräsident Ali Abdullah Saleh, der bis 2012 mit Unterstützung der Saudis 2010 das Land regiert hatte und dann in der Folge von anhaltenden gewaltsamen Protesten zurücktreten musste.

Dass den Persern die Entwicklung im Jemen passt, ist naheliegend, aber ihre direkte Involvierung in den Konflikt ist, wenn überhaupt, marginal. (siehe u.a. Wikileaks)

Militärische Eigenverantwortung
Dafür macht der Jemenkonflikt andere spannende neue Entwicklungen manifest: Im alten Nahen Osten haben zunächst die Europäer und seit einigen Jahrzehnten die Amerikaner die Kriege geführt, nicht zuletzt zur Wahrung der Interessen der Saudis, respektive um sich deren Öl zu sichern.

Jetzt und in Zukunft müssen die Saudis und ihre sunnitisch-arabischen Partner diese Kriege selbst führen. Im Kampf gegen den IS in Syrien und im Irak beschränken sich die Amerikaner darauf, ein paar Bomben aus der Luft abzuwerfen. Die Drecksarbeit am Boden machen die Kurden und – die Iraner.
Im Jemen bleiben sogar die amerikanischen Flugzeuge am Boden.

Die Türken
Und noch ein sehr wichtiges Element wird im Jemen sichtbar, welches im Westen bisher kaum wahrgenommen wird: Bei der Neuordnung des Nahen Ostens geht es nicht nur um einen Kampf um die Einflusssphären Saudiarabiens und des Iran. Da ist noch ein dritter (alter) Player: die Türkei. Die Türkei ist nicht nur das Land mit der grössten sunnitischen Bevölkerung in Nahost, sie ist auch eine moderne Wirtschaftsmacht, die zusehends unverhohlen ihre historische Rolle als dominierende Macht in Nahost betont, das osmanische Reich, welches von Bosnien in Europa bis nach Ãgypten und nach Nordafrika gereicht hat.

Auf einmal sieht die Türkei sich genötigt, sich im Jemenkonflikt einzumischen. Zunächst nur mit „logistic and intelligence“, keine Flugzeuge oder gar Bodentruppen. Aber das Signal ist überdeutlich. Dazu passt auch, dass Präsident Erdogan neuerdings gegen den Iran giftet.

Konkurrenzdreieck Iran-Türkei- Saudiarabien
Das dürfte das neue Powerdreieck – oder besser wohl Konkurrenzdreieck – sein, welches die Zukunft des Nahen Ostens bestimmen wird: Türkei, Iran und Saudiarabien. Wobei auf die Länge wohl Saudiarabien und seine Verbündeten am persischen Golf schauen müssen, dass sie nicht selbst unter die Räder kommen. Eine befristete pragmatische Allianz zwischen den beiden grossen Kulturnationen Iran und Türkei auf Kosten der einseitig von ihrer Ölmacht abhängigen Golfstaaten scheint nicht unlogisch.

Folgen für „den Westen“
Und was hat das Alles für den Westen zu bedeuten?
Zunächst einmal dürfte das eine nicht ganz ungünstige Entwicklung sein: Die neuen und alten Mächte im Nahen Osten werden sich jetzt im Wesentlichen selbst um ihre Problem kümmern müssen. Kurzfristig ist das der IS und der islamische Fundamentalismus. Und dann die Neuordnung der Region insgesamt.

Der Westen muss zumindest mit „Kollateralschäden“ rechnen. Die weiter wachsende islamische Bevölkerung im Westen wird weiterhin aktiv an der Entwicklung in ihrer ehemaligen Heimat teilnehmen.

Wir werden im Westen lernen, dass uns die Rückkehr des Iran in der Nahost-Politik eher nützen als Schaden wird. Wir sollten schon länger begriffen haben, dass die einseitige Abstützung auf die Saudis und ihre Verbündeten sehr ungesund war: mehr als einmal haben wir erfahren müssen, wie abhängig wir vom Goodwill der Saudis und ihrer Ölpolitik sind. Wir mussten gar die Augen schliessen vor ihrer aggressiven Verbreitung des Wahabbismus. Unser Verbündeter, das Saudische Königshaus, ist ganz zentral für die Entstehung der grössten physischen Bedrohung des Westens der letzten Jahre verantwortlich: des islamischen Fundamentalismus und dessen terroristischer Exzesse. Sowohl die Taliban, wie die Al-Qaida, wie jetzt der IS berufen sich auf den Wahabbismus.

Die USA werden sich bald zufrieden zurücklehnen können. Künftige amerikanische Regierungen werden keine Geschichten mehr erfinden müssen, warum man junge Amerikaner zum Sterben in die Region schicken muss. Mit der schwindenden Abhängigkeit vom Öl aus dem arabischen Raum ist der Nahe Osten für Amerika nicht mehr so wichtig. Der Abgang aus der Region ist zwar unrÜhmlich, aber jetzt kann sich die USA definitiv dem neuen, für die Zukunft relevanten Fokus Asien/China zuwenden.

Für die Europäer ist es nicht ganz so einfach. Auch wenn wir es nicht wahr haben wollen: Der Nahe Osten ist unsere unmittelbare Nachbarschaft, die Muslimische Welt liegt am Nord- und Westrand des „Mare Nostrum“, des Mittelmeers. In Europa werden immer mehr Menschen aus diesem Gebiet leben; eine Region, die in den nächsten Jahren und Jahrzehnten nicht zur Ruhe kommen wird; ein Unruhegebiet in Neuordnung, in dem die Religion weiterhin als politisches Vehikel missbraucht werden wird; eine Religion, die zusehends auch als Teil Europas und seiner Kultur verstanden werden muss.

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