Schweizer Neutralität aus Sicht Frankreichs

Swiss-President-Micheline-Calmy-Rey

Eben habe ich ein sehr bemerkenswertes Interview des „ECHO der Zeit“ von SRF mit Micheline Calmy-Rey gehört. Zum Verhältnis Schweiz-Frankreich. Mitten in der endlich auch medial geführten Diskussion um die „Neutralität“ der Schweiz waren ihre Aussagen der Wahrnehmung der Schweiz aus Sicht Frankreichs sehr erhellend. Das Wort Neutralität wurde zwar nie gebraucht und der Moderator hat ganz offenbar den sehr spannenden Zusammenhang mit der aktuellen Diskussion, dem sogenannten „Historikerstreit“, nicht gecheckt.

Frankreich sähe die Schweiz als „kleine Schwester“, sagte die Schweizer Ex-Aussenministerin aus Genf zunächst noch vorsichtig. Die Schwester ist ja bekanntlich Teil der Familie. Dann wurde Calmy-Rey expliziter:Sie habe in ihrer Beziehung mit den französischen Staatschefs, insbesondere bei Nicoals Sarkozy, immer wieder eine „Arroganz“ wahrgenommen. Und auch Francois Hollandes freundliche Äusserungen bei seinem aktuellen Besuch in der Schweiz erlebt sie nicht als Teil einer Beziehung auf Augenhöhe, unter echten Partner. Für die Franzosen seien wir ein „Sous-Traitant“, ein Subunternehmer Frankreichs.  Frankreich betrachte uns noch immer als eine Art „Kasse“ in der Tradition der Genfer Bankiers, die jahrhundertelang die französischen Könige finanziert haben. Dass die französischen Könige einen Teil des Geldes wieder an die Schweizer Soldunternehmen für die Schweizer Söldner in Frankreichs Kriegsdiensten bezahlt hat, hat sie nicht erwähnt.

Calmy-Reys Wahrnehmung  der Haltung der Franzosen gegenüber der Schweiz ist historisch begründet und deckt sich mit der Erkenntnis der modernen Historiker, dass Frankreich seit dem Ewigen Frieden 1516 und den wiederholten Soldbündnissen „für gut 300 Jahre faktisch als Schutzmacht und Schiedsrichter zwischen den oft zerstrittenen Kantonen“ funktionierte, wie Thomas Maissen in seinen „Heldengeschichten“ schreibt.

Neutralität bedingt die Akzeptanz einer gewisse Gleichheit. Diese Empfindung haben die Franzosen nie gehabt. Die von der Geschichtsschreibung im 19. Jahrhundert zum Mythos hochstilisierte Neutralität, welche jetzt auch von den Nationalkonservativen lautstark für ihre aktuellen politischen  Interessen bewirtschaftlich wird, ist ,wie die Historiker schon mehrfach dargelegt haben, eine „gewährte Neutralität“, welche die  Mächtigen Europas der Schweiz praktisch verordnet haben, weil sie ihren Interessen diente und nicht etwa ein Verdienst oder gar eine Folge der Wehrhaftigkeit der „Schweiz“.

 

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