Der globale Süden emanzipiert sich vom Norden

Das Bild zeigt den südafrikanischen Staatpräsidenten Jacob Zuma beim rituellen Hochzeitstanz der Zulus mit seiner 5. Frau Thobeka Madiba am 4. Januar 2010.  Ich zeige das Foto keineswegs um Zuma (oder Afrika) irgendwie lächerlich zu machen. Im Gegenteil: Es ist ein Sinnbild des neuen Selbstvertrauens des Südens, der Emanzipation des Südens vom Norden und dessen „universellen“ Regeln. Es ist auch eine Botschaft an „die Weissen“ – nicht nur in Südafrika: „Jetzt gelten unsere Regeln.“

Diese Woche weilte Zuma mit einer 300-köpfigen Wirtschaftsdelegation in China. China ist inziwschen Südafrikas wichtigster Handelspartner, wichtiger als die USA oder Europa. In einer Rede an der Renmin Universität in Peking hat der südafrikanische Staatspräsident die Botschaft des Hochzeitstanzes in politischen Worten ausgedrückt. Noch vorsichtig, diplomatisch, aber klar verständlich:

Früher hätten die Ökonomen aus dem Norden den Entwicklungsländern gesagt, „sie sollten sich mehr wie die entwickelten Länder benehmen. Wenn sie sich nicht verwestlichen, könnten sie Wachstum und ökonomische Entwicklung vergessen.“

Doch die Zeiten haben sich gründlich verändert. Es sei eine „unbestreitbare Tatsache“, rief Zuma den Studenten in Peking zu, dass sich „die wirtschaftliche Macht vom Norden in den Süden verschiebt und von West nach Ost.“ Wie „dramatisch“ diese Machtverschiebung sei, habe zuletzt die Finanzkrise gezeigt.

Und dann kam der entscheidende Satz:
„Heute fragen wir, was wir von anderen (nicht-westlichen) politischen Systemen und Kulturen lernen können. Zum Beispiel: Ist die politische Disziplin in China ein Rezept für wirtschaftlichen Erfolg?“

Das ist eine wirklich dramatische Veränderung, vielleicht noch wichtiger als die Verschiebung der wirtschaftichen Macht in den Süden: Der Süden beginnt, sich selbstbewusst am Süden zu orientieren. Nicht mehr der Westen/Norden ist das Vorbild – und damit auch nicht mehr dessen „universellen“ Werte und „überlegene“ Kultur wie Demokratie, Menschenrechte oder „freie“ Marktwirtschaft – sondern „andere politische Systeme oder Kulturen.“ Zum Beispiel China.

„Vielleicht ist es das“, schreibt Slavoj Zizek in „Auf verlorenem Posten“, „was uns am heutigen China beunruhigt: der Verdacht, dass der dortige autoritäre Kapitalismus nicht bloss ein Ãœberbleibsel unserer Vergangenheit ist, …., sondern ein Zeichen der Zukunft. Was, wenn sich die ‚Vereinigung der asiatischen Peitsche und der europäischen Börse‘ als wirtschaftlich effizienter erweist als unser liberaler Kapitalismus? Was, wenn sie darauf hinweist, dass die Demokratie, wie wir sie verstehen, nicht länger eine Bedingung und ein Antrieb für die wirtschaftliche Entwicklung ist, sondern ein Hindernis?“

China ist nicht das einzige südliche Modell, an dem sich der Süden orientieren kann. Häufig genannt wird – das ebenfalls autoritäre – Singapur. Aber insbesondere gilt auch das noch stark „westliche“ Brasilien als grosses Vorbild, nicht zuletzt auch in Afrika. Auch Südafrika selbst könnte/müsste zu einem Vorbild für die Dritte Welt werden.

Der Süden hat ein grosses Bedürfnis nach neuen Vorbildern aus dem Süden, zur Abgrenzung vom Westen/Norden. Nicht nur Jean Ziegler stellt fest, dass die Länder des Südens ihre Einordnung in die westliche Welt als Demütigung („Das verwundete Gedächtnis“) erlebt haben und einen regelrechten „Hass auf den Westen“ empfinden.
Somit ist jedes nicht-westliche Vorbild zuerst einmal ein interessantes Vorbild.
Brasiliens Lula da Silva ist auch deshalb ein „Held des Südens“, weil er wagt, offen anti-amerikanische Positionen zu vertreten. Chinas wachsende Popularität im Süden hat wohl auch viel mit seiner Rolle als „Gegenmacht zum Westen“ zu tun.

So vielfältig die politischen Systeme im Süden noch sind und hoffentlich auch noch länger unterschiedlich bleiben werden, der Westen/Norden sieht sich einer wachsende Solidarität unter den Ländern des Südens gegenüber. Zuma in Peking: „Angesichts der gegebenen dramatischen Verschiebung in der Weltordnung und der globalen Machtverschiebung ist es keine Ãœberraschung, dass die aufstrebenden Mächte (des Südens), die vielen gemeinsamen Herausforderungen gegenüberstehen, häufig gleiche Ansichten in wichtigen globalen Themen vertreten und entsprechend auch eigene Gremien etabliert haben.“

So richtig offensichtlich ist die neue Solidarität des Südens jüngst in der Klimadebatte geworden: Die „Dritte Welt“ liess den Gipfel von Kopenhagen platzen. Sie war nicht bereit, die Vorgaben des Nordens zu erfüllen. Der Süden hat damit der Welt – und sich selbst – seine neue Macht demonstriert: Er kann sich gegenüber dem Norden durchsetzen.

Das ist (noch?) keine absolute Umkehr der Hegemonie mit einer neuen Dominanz des Südens, aber der südafrikansiche Präsident Jacob Zuma hat in Peking den Tarif des Südens durchgegeben:
„Es ist objektive Realität, dass die wichtigsten Themen der Weltpolitik, wie die Reform der UNO, der Welthandelsorganisation (WTO), der Klimawandel, die globale Finanzpolitik in Verbindung mit der G20, die Wiederausbalancierung der Weltwirtschaft und die Lösung der Finanzkrise, nicht ohne das Einverständnis der Entwicklungsländer gelöst werden können.“


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