Anti-Griechenland Propaganda oder Eine Art Selbstversuch.

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Mit der Griechenlandkrise habe ich mich bis vor Kurzem wenig beschäftigt. Das heisst, ich habe wie die meisten Info-Konsumenten (inklusive mein berufliches und privates Umfeld) meist nur die Schlagzeilen der deutschsprachigen Mainstreammedien (inkl. Schweiz) wahrgenommen: die Titel und, wenn der attraktiv war, noch den Lead.
Ich habe glaub‘ keinen Artikel wirklich fertig gelesen und habe keine alternativen Quellen im Netz gesucht oder gar Hintergründe zur Thematik studiert.

Rückblickend könnte ich das als eine Art unbeabsichtigten „Selbstversuch“ bezeichnen. Ich staune, wie unkritisch ich zunehmend die Meinung der Mainstreammedien angenommen habe und für einmal auch wohlig mit meinem Umfeld einig war: „Die Griechen haben über ihre Verhältnisse gelebt. Nur Recht, wenn sie jetzt büssen müssen.“ Und vorallem: „Die neue linke Regierung in Athen, die Tsipras und Varoufakis, sind exzentrische Populisten, „frächi Sieche“, die in den Senkel gestellt gehören.“

Es hat einen medienkritischen Spiegel-Artikel gebraucht, um mich aus der Stammtischecke zu holen: „Merkels Propagandamaschine“.
Dann habe ich zu recherchieren begonnen.
Ich habe in meinem Flipboardmagazin „Contextlink“ (im Kasten rechts oben in diesem Blog) eine Anzahl von Artikeln gesammelt, welche wohl klar machen,  warum ich meine Meinung inzwischen zu 180 Grad geändert habe. Philipp Löpfe bringt es in seinem Kommentar gestern in watson.ch auf den Punkt:

„Die EU wird deutsch und deutlich – und die Griechen werden geopfert.“ - „An Griechenland soll jetzt ein Exempel statuiert werden, Tsipras und Varoufakis sollen zum Teufel gejagt werden. Doch letztlich geht es nur um eines: Eine gescheiterte Austeritätspolitik zu vertuschen.“

Natürlich ist das auch eine boulevardeske Verkürzung. Die Wahrheit ist wie immer viel komplexer. Aber darum geht es in diem Blog-Post gar nicht.
Löpfes Kommentar ist auch eine Bestätigung für meinen Eindruck, dass der Wind auch in unsern Medien gedreht hat. (Up-Date: heute auch der Tagi: „Die gefährlichste Idee Europas“). Wie lange es wohl gehen wird, bis wir vermehrt Artikel in den Mainstreammedien lesen, die vom Griechenland- auf ein Deutschland-Bashing umschwenken? Auch dazu habe ich ein Flipboard-Magazin eingerichtet: „Deutschland beobachten“.

Mein unbeabsichtigter Selbstversuch ist die erschreckende Bestätigung dessen, was ich eigentlich schon gewusst habe:
Wer nur die Mainstreammedien liest, kann sich der geballten Propaganda nicht entziehen. Ein Stakkato von „Geschichten“, attraktiv aufbereitet und in boulevardesken, giftigen Metaphern beschrieben („Metaphern können töten“), bestätigt mir jeden Tag auf’s Neue, meine (falsche) vorgefasste Meinung. Weil mein Umfeld auch nur dieselben Meinungen liest (und am TV sieht), bestätigen wir uns bei unsern Gesprächen am Mittagstisch gegenseitig in „unserer“ Meinung.

Zwar gab und gibt es in den deutschsprachigen Medien Artikel, die sich kritisch mit der endlos multiplizierten Anti-Griechenland Position auseinandersetzten – und keineswegs nur schwärmerische Linke, die hofften, mit Tsipras und Varoufakis endlich wieder einmal echte Lichtgestalten zu finden, die es wagten, gegen den neoliberalen Glauben und die „Gesetzmässigkeiten“ des Marktes aufzubegehren. Aber in der geballten Ladung der deutschen Propaganda, hatten diese andern Positionen keine Chance, wirklich wahrgenommen zu werden.

Und noch eine üble Erkenntnis: das Problem an diese Propaganda ist nicht in erster Linie, dass wir unkritischen „Info“-Konsumenten uns ein falsches Urteil bilden. Viel gravierender ist, dass sich die wirklichen Entscheidträger dieser zur Volksmeinung hochgeputschten Propaganda nicht entziehen können. Wie könnten sie es wagen, dem „Volkswillen“ zu widersprechen und Entscheide fällen, die aufgrund der künstlich geschaffen pseudo-Faktenlage nicht erklärt verkauft werden können.“

 

 

 

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