Die (grossen) Wirtschaftsunternehmen am Pranger

„Das Business“, der Kapitalismus, die neoliberale Marktwirtschaft und ihre Exponenten stehen am Pranger. Nicht nur in der Schweiz. Abstimmungsresultate wie die 67,9% Zustimmung zur Abzocker-Initiative am vergangenen 3. März sind Ausdruck einer tiefgreifenden Verunsicherung, eines immer weiter wachsenden Misstrauens breiter Teile der Schweizer Bevölkerung gegenüber dem Big Business und dem Wirtschaftsestablishment.

Schuld daran sind „zu einem guten Teil die Wirtschaftsunternehmen“. Das sagt nicht etwa ein neidischer linker Populist, sondern der „Doyen der lebenden Management Gurus„, Harvard Professor Michael Porter:

A big part of the problem lies with companies themselves, which remain trapped in an outdated approach to value creation that has emerged over the past few decades. They continue to view value creation narrowly, optimizing short-term financial performance in a bubble while missing the most important customer needs and ignoring the broader influences that determine their longer-term success. 

In einem aufseherregenden Leitartikel der Harvard Business Review hat Porter 2011 die Gründe für die weitverbreitet schlechte Stimmung erläutert, die gegenüber dem „Business“ und speziell den Grossfirmen herrscht:

Companies are widely perceived to be prospering at the expense of the broader community.
…. The legitimacy of business has fallen to levels not seen in recent history. 

Wegen diesem Vertrauensverlust sei die Wirtschaft in einen Teufelskreis geraten, schreibt Porter:
This diminished trust in business leads political leaders to set policies that undermine competitiveness and sap economic growth. Business is caught in a vicious circle.

Als Reaktion auf den wachsenden politischen Druck haben auch viele Schweizer Firmen in den vergangenen Jahren vermehrt versucht, ihre „Corporate Responsibilty“ zu betonen, was die negative öfentliche Wahrnehmung aber bloss weiter verstärkt hat:

The more business has begun to embrace corporate responsibility, the more it has been blamed for society’s failures. 

Das von der Wirtschaft strapazierte Argument – „Wir schaffen Arbeitsplätze, zahlen Steuern, halten uns an die Gesetze, tätigen Spenden für Hilfsorganisationen …“ – wird in der Bevölkerung immer weniger akzeptiert. Erst reicht nicht, wenn diese Argument ins Feld geführt wird, um noch mehr Privilegien, Ausnahmeregelungen und „günstige Rahmenbedingungen“ zu fordern.

Das Hauptroblem: immer mehr Leute glauben das zentrale Narrativ des Kapitalismus nicht mehr: dass Reichtum irgendwann einmal irgendwie nach unten durchsickere.
Die Meisten – von denen, die überhaupt darüber nachdenken – akzeptieren zwar, dass das bisher funktioniert hat. Es geht uns Schweizern wirklich gut, objektiv und erst recht im internationalen Vergleich. Aber das Vertrauen, dass es so bleibt, ist weg. Immer mehr Leute fürchten, dass sich „die Reichen“, das Wirtschaftsestablishment, heute und in Zukunft nicht mehr an die bisher stillschweigend geltende Abmachung halten: Die Reichen dürfen sich die Taschen füllen – und das Volk hilft sogar mit, die entsprechenden Rahmenbedingungen zu schaffen – aber das Volk muss angemessen am Wohlstand teilhaben können.

Porter sieht das gesamte kapitalistische System unter Druck.  
The capitalist system is under siege.
Zwar sei der Kapitalismus nach wie vor  „an unparalleled vehicle for meeting human needs, improving efficiency, creating jobs, and building wealth“, aber: „… a narrow conception of capitalism has prevented business from harnessing its full potential to meet society’s broader challenges….“

Wenn die Wirtschaftsunternehmen, insbesondere die Grossunternehmen Schuld an dem Malaise sind, dann liegt es auf der Hand, wer die Lösung bringen muss: Eben die Unternehmen:
Companies must take the lead in bringing business and society back together.

Die Lösung heisst gemäss Porter „Shared value“, gemeinsame Wertschöpfung. Dieses Prinzip „involves creating economic value in a way that also creates value for society by addressing its needs and challenges. Businesses must reconnect company success with social progress.“

Der grundlegende Zweck eines jeden Unternehmens darf gemäss Professor Porter nicht mehr in einer einseitigen Profitmaximierung liegen. Vielmehr muss unternehmerisches Tun darauf ausgerichtet sein, sowohl ökonomische als auch gesellschaftsrelevante Werte in Einem zu schaffen. Wertvoll ist etwas nur dann, wenn es für alle Beteiligten einen echten Nutzen bringt und keine wie immer gearteten negativen Effekte für die Gesellschaft und die Umwelt hat.

Das Prinzip des Shared Value ist nicht einfach ein neues Verantwortungsbewusstsein oder gar philantropische Grosszügigkeit – oder bloss eine neue PR-Aktion. Es ist „a new way to achieve economic success“. Richtet sich ein Unternehmen nach dem Prinzip des Shared Value opfert es nicht einen Teil seines möglichen Profits für die Allgemeinheit. Im Gegenteil, es sollen neue Produkte entstehen und zusätzliche Märkte erschlossen werden. Das Shared Value Prinzip soll die Wettbewerbsfähigkeit und Profitabilität der Firma nachhaltig verbessern.

Eine der Vorzeigefirmen der Porterschule, mit welchen er das Prinzip weiterentwickelt, ist der Schweizer Multi Nestlé. Auf der Homepage der Grossfirma vom Genfersee heisst es:
Die Gemeinsame Wertschöpfung ist ein Kernprinzip der Geschäftstätigkeit von Nestlé. Wir können als Unternehmen nur dann langfristig erfolgreich sein, wenn wir aus unserer Tätigkeit heraus einen Mehrwert für die Gesellschaft schaffen. 

Für Kritiker sind solche Beteuerungen blosse PR.
Wenn die Grossfirmen das angeschlagene Vertrauen wieder herstelllen wollen, dann müssen sie der Bevölkerung glaubwürdig nachweisen, dass und wie sie für die gesamte Gesellschaft und insbesondere für die Bevölkerung in ihrem Einzugsgebiet „wertvoll“ sind. Sie müssen der Öffentlichkeit zeigen, dass sie (ihre Mitarbeiter und auch ihre obersten Chefs) dazugehören zu dieser regionalen Gesellschaft, in der sie arbeiten – sie müssen sich der Bevölkerung stellen, ihren Fragen und Kritiken. Das heisst auch: Schluss mit der arroganten Haltung „die müssen doch dankbar sein, wenn hier sind“; kein ständiges unterschwelliges Drohen mehr mit dem Wegzug, falls die Politik und Gesellschaft nicht die „nötigen Rahmenbedingungen“ schaffen.

In Kenntnis dieser Analyse wundert es nicht, dass es jetzt zuerst die grossen multinationalen Unternehmen sind, die an den Pranger gestellt werden. Allzulang haben sie die Anonymität und Abgehobenheit geradezu kultiviert. Sie sind  sozusagen die Inkarnation des Problems: So reich, so privilegiert, so abgehoben, so intransparent.

Und deshalb ist auch die Aufforderung der Basler SP, die CEOs der grössten Firmen der Region sollten an der 1. Mai-Feier auftreten und ihre hohen Saläre rechtfertigen, zwar hemmungslos populistisch, aber in der Stossrichtung richtig. Vielleicht überlegen sich die Strategen der Firmen, ob es sich nicht lohnen könnte, über ihren Schatten zu springen und sich tatsächlich auf die Provokation einzulassen. Vielleicht ist das eine Gelegenheit ein paar Botschaften zu platzieren, die über die Lohnfrage hinausgehen, zum Beispiel in Richtung „Shared Value“.

PS: Analysen über die Wirkung/das Funktionieren des Shared Value Prinzips in der Praxis gibt es noch kaum.

This entry was posted in Internationale Politik, Kapitalismus, Politik Schweiz, Wirtschaft. Bookmark the permalink.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.