Leiden an Deutschland (Up-Date 130715; 0900)

Deutschlandfahne_auf_Halbmast

Ich leide an Deutschland. Die deutsche Politik in Europa, die Haltung Deutschlands als alt-neuer Hegemon in Europa, welche am Fall Griechenland manifest wird, macht mir grosse Sorgen.

Ich bin kein Deutschlandhasser. Ich weiss, eine ähnliche Vorrede machen Rassisten, bevor sie über die Ausländer herziehen. Aber tatsächlich bin ich germanophil. Ich empfinde mich selbst ganz stark als deutsch. Nicht im Sinne der engen Nationalstaatlichkeit, sondern kulturell. Mit dem, was man heutzutage als „typisch schweizerisch“ bezeichnet wird, kann ich meist gar nichts anfangen.

Mein ganzes Wertesystem, was ich als richtig (oder gar gerecht) und falsch empfinde, ist im Grunde deutsch. Ich lese deutsch, ich träume sogar deutsch. Natürlich ja, schweizerdeutsch, aber bitte: Dies ist ein alemannischer Dialekt. Meine besten Freunde sind Deutsche. Ich verstehe die Deutschen, nicht nur sprachlich. Sie sind mir vertraut. Sie, zumindest diejenigen, mit denen ich meine Zeit verbringen, ticken wie ich. Ich verbringe meine Freizeit zu einem grossen Teil in Deutschland. Ich fühle mich in Deutschland zuhause, selbst im fernen Hamburg oder Berlin. Meine Meinung wird ganz wesentlich von den deutschen Medien beeinflusst – und von der Schweizer Medien, welche gewöhnlich die Themen und Positionen der deutschen Medien wiederholen.

Aber was die Deutschen zurzeit in Sachen Griechenland aufführen, entspricht allen Vorurteilen gegenüber Deutschland, die auch ich in mir trage: Diese Arroganz, dieses Besserwisserische, diese Sturheit, dieses Schulmeisterliche, fast Missionarische.

Es geht um die Regeln, nicht um das Spiel. Selbst wenn die Einhaltung der Regeln das Spiel zerstören. Vor lauter Korrektheit gehen Vernunft und Pragmatismus zugrunde.

Ich leide an Deutschland. Wie kann man nur so stur, so blind sein?

Mühevoll und bewundernswert hat Deutschland in den letzten 60 Jahren das Negativ-Image weggearbeitet, welches das „Mittelreich“ im Zentrum Westeuropas in der kurzen Zeit des Nationalstaates mit verheerender Wirkung für Europa inkl. zwei „Weltkriegen“ geschaffen hat: Die Deutschen waren für kurze Zeit die wahren Europäer.

Jetzt – mit Schrecken, erkenne ich meine unterdrückten Gedanken – zeigt Deutschland wieder seine hässliche Fratze. Spätesten seit der Wiedervereinigung ist Deutschland wieder zu mächtig in Europa.
Die EU ist das Europa Deutschlands. Hier gelten die deutschen Regeln, um nicht zu sagen: die deutschen Tugenden. Wer sich nicht an die Regeln hält, gehört erzogen, bestraft. Das eine Mehrheit der Schweizer der Haltung Deutschland in der Griechenlandfrage zustimmt, hat einerseits mit dem grossen Einfluss der deutschen Medien auf die Meinungsbildung in der Deutschschweiz zu tun, es zeigt aber nicht zuletzt wie deutsch wir sind. Die Ähnlichkeit, um nicht zusagen die Gleicheit der Werte.

Die Ãœbermacht Deutschlands ist heute nicht mehr militärisch, sondern ökonomisch. Dass die (neo-liberalen) Rezepte, die Deutschland wirtschaftspolitisch aufgrund seiner jüngsten (Erfolgs-) Geschichte für allgemeingültig hält, daran sind, das Europa zu zerstören, das Deutschland nicht zuletzt als „Friedensprojekt“, um sich selbst in die Schranken zu weisen, für so wichtig und richtig hält, scheint den Deutschen, oder zumindest ihren Politikern und Medien nicht bewusst zu sein. Oder ist es ihnen egal, weil sie heute wieder diejenigen sind, die in Europa die regeln machen?

Das Signal, das die Deutschen in Europa mit ihrer Haltung in der Griechenlandkrise aussenden heisst: Wir sind Europa. Wer will, kann mitgehen, wir helfen Euch grosszügig, aber die Regeln machen wir. Egal, ob der IWF unsere Regeln als falsch erkannt hat, genau wie die allermeisten Wirtschaftswissenschaftler, egal ob Frankreich das anders sieht oder Italien oder Grossbritannien oder der nicht einmal eine Kravatte tragende griechische Ministerpräsident oder der grosse Freund USA jenseits des Ozeans – hier geht es ums Prinzip.

Es scheint mir schon fast tragisch, dass nicht zuletzt überzeugte Europäer wie der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble diese EU zurzeit akut gefährden und den guten Ruf der Deutschen in Europa nachhaltig beschädigen. Sie befeuern das Bild der „bösen Deutschen“. Sie gefährden das in den letzten Jahrzehnten gewachsene Vertrauen der Europäer in Deutschland akut und nicht zuletzt die Akzeptanz Deutschlands als  Führungsmacht in Europa.

Nicht nur in Griechenland verbindet man das Wort „deutsch“ wieder mit den Nazi. In Frankreich reden inzwischen nicht nur die Nationalkonservativen wieder von „Les Boches“ und in England gebrauchen nicht mehr nur die dümmsten Hooligans die Deutschland-hasserische Bezeichnung „Krauts“.

Ich bin überzeugt, heute oder hoffentlich spätestens morgen werden die deutschen Politiker einsehen, dass sie sich in der Griechenlandfrage verrannt haben. Sie werden einem gesichtswahrenden Kompromiss zustimmen inkl. den zentralen Punkt eines kräftigen Schuldenschnitts für Griechenland, der den Weg öffnet für echte Reformen im kleinen Land am Ostrand Europas. Nicht nur für als „Reformen“ bezeichnete Sparmassnahmen, die bloss das Elend der griechischen Bevölkerung vergrössern.
Der Schaden aber ist längst angerichtet. Für Europa – und nicht zuletzt auch für Deutschland und die Deutschen. Die nächsten Wahlen im Süden (und bald auch im Norden?) werden es zeigen: Dieses Europa, diese EU ist am Ende.

Oder ist alles ganz anders? Müssen wir den deutschen Politikern bald dankbar sein, gerade weil sie DIESES EU mit der Griechenlandfrage definitiv demaskiert haben. War dies alles nötig (auf Kosten der griechischen Bevölkerung), um endlich den Weg freizumachen für ein anderes, echtes, demokratischeres Europa. Vielleicht sogar eines, in dem sich auch die Schweiz zugehörig fühlen kann.

Wie auch immer. Die Lektion  scheint mir klar: Es muss eine Lösung geben, ein Europa, in der die Macht der Deutschen begrenzt ist. Bloss: wies soll das gehen? Wie soll dieses Europa aussehen? Ich glaube, wir Schweizer hätten da einiges beizutragen, mitzubringen.

Up-Date 130715; 0900: Die Medien melden, man habe sich in Brüssel auf eine neue Überbrückungsfinanzierung geeinigt.

Die Kommentar von Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman von gestern Nachmittag in der New York Times entspricht weitgehend dem, was ich empfinde:

„The European project — a project I have always praised and supported — has just been dealt a terrible, perhaps fatal blow.“
„What we’ve learned these past couple of weeks is that being a member of the eurozone means that the creditors can destroy your economy if you step out of line.“
„…this Eurogroup list of demands is madness. The trending hashtag ThisIsACoup is exactly right. This goes beyond harsh into pure vindictiveness, complete destruction of national sovereignty, and no hope of relief.“

Und, auf Deutschland bezogen:
„Who will ever trust Germany’s good intentions after this?“

 

 

 

 

PS:
Seit einiger Zeit sammle ich Material zur Thematik Deutschland in keinem Flipboard Magazin „Deutschland beobachten“.

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