Unser Krieg

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„C’est la guerre.“ Mit Entsetzen, aber auch mit Erstaunen reagieren nicht nur die Franzosen auf die jüngsten Anschläge von Paris. Für einmal sind die Europäer solidarisch – in ihrem Entsetzen und in ihrer Verwunderung, dass der Krieg auch nach Europa kommen kann.
Wirklich auf die Welt kommen werden die Deutschen oder Engländer, Spanier oder Schweden allerdings erst, wenn/falls es bald ähnliche Anschläge in Berlin, London, Madrid oder Stockholm geben wird.

Auch ich bin entsetzt. Und auch ich bin erstaunt, aber eher über das Staunen der Europäer. Klar ist das „ein Akt des Kriegs“, wie es der französische Präsident formuliert hat, aber wie können wir uns darüber wundern?

Wir (der Westen) führen diesen Krieg seit vielen Jahren. Wir haben diesen Krieg erklärt. Genauer US-Präsident Bush hat ihn nach 9/11 2001 erklärt. Und die europäischen Mächte haben in Koalition mit der westlichen Führungsmacht Amerika an diesem Krieg aktiv teilgenommen.

Unser „Krieg gegen den Terror“ hat seither Hundertausende von Menschenleben im Mittleren Osten gefordert und vorallem die brüchige Stabilität der Region zerstört. Unser wichtigster Verbündeter Saudiarabien, hat eine (anti-westliche) fundamentalistische Ideologie in der muslimischen Welt verbreitet, die zunächst in den Taliban, später in der Al-Qaida und jetzt im IS inkarniert. Am östlichen Ende des Mittelmeers wütet ein Krieg, der täglich mehr Leute umbringt als der Terroranschlag in Paris am vergangenen Freitag.

Und wir führen diesen Krieg mit allen Mitteln. Wir haben nicht nur mehrfach riesige Armeen in den Mittleren Osten geschickt, wir haben nicht zuletzt auch die Mitteln des Terrors genutzt: Tausende von Drohnenanschlägen haben unzhlige, in ihrer grossen Mehrheit unschuldige Menschen in den Tod gerissen. Wir haben geheime Kommandoaktionen durchgeführt, Spitäler bombardiert oder geduldet, dass unsere Verbündeten wie etwa die Saudis und ihre Alliierten Terror ausüben, indem sie zum Beispiel ein Hochzeit in Jemen bombardierten, wobei zufälligerweise auch rund 130 Unschuldige Menschen getötet wurden, wie am vergangenen Freitag in Paris.

Jetzt wundern wir uns, dass der Krieg zu uns kommt, dass der Feind nicht nur fatalistisch unsere Schläge wegzustecken versucht, sondern in die Offensive geht und den Krieg dahin trägt, wo er am meisten PR-Effekt erzielen kann: In die Städte des Westens, auch in Europa.

Wir haben gemeint, dies sei nur ein Krieg am Fernsehen, weit weg. Ein Krieg von irgendwelchen exotischen, anachronistischen Fanatikern, der uns nichts angeht. Jetzt sind wir etwas unmittelbarer damit konfrontiert. Etwas. Zuerst haben wir die Flüchtlinge wahrnehmen müssen, die Opfer dieses Krieges in unserer unmittelbaren Nachbarschaft. Sie sind einfach zu uns gekommen. Und jetzt sehen wir die Täter, die feindlichen Krieger in unseren Städten. Plötzlich sehen wir unser Blut auf unseren Strassen.

Wir werden lernen müssen, dass dieser Krieg nicht unseren Vorstellungen eines konventionellen Kriegs entspricht. Die Zeit der Kriege der Nationen mit seinen klaren Fronten und Schlachtfeldern ist Geschichte. Der Krieg kann jederzeit überall sein. Eines seiner wichtigsten Mittel ist der Terror. Ein anderes die Propaganda.

Wir werden damit leben müssen; nicht nur mit weiteren Anschlägen („Kriegsakten“), sondern auch mit einem unvermeidlichen Kollateralschaden dieses Krieges: die Beschränkung unserer Freiheit. Denn, um das maximal Mögliche zu unserem Schutz zu unternehmen, werden die Sicherheitsbehörden unsere Freiheit einschränken (müssen): Militarisierung, mehr Überwachung, wieder Grenzkontrollen, vielleicht sogar Einschränkungen der Bewegungs- oder der Versammlungsfreiheit.

Darüber hinaus wird ein Teil der Bevölkerung, alle Muslime, unter Generalverdacht stehen.

Wir wissen, dass wir damit die Voraussetzung für eine ständig weitere Befeuerung des Kriegs schaffen (und die Populisten werden die Gunst der Stunde zu nutzen wissen), aber wer will es dem Staat verdenken, wenn er uns zu schützen versucht.

Der französische Präsident geht voran: Er will den Ausnahmezustand mal gleich pauschal für ein halbes Jahr. Um Macht und Durchhaltewillen zu demonstrieren, lässt der die Hochburg des IS bombardieren.

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