IS: neue Strategie oder PR-Zwang?

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Paris ist der erste erfolgreiche Anschlag des Islamischen Staates (IS) im Westen. Westliche Experten reden von einer neuen Strategie der IS-Führung: Den Krieg in den Westen tragen.
Endziel des IS sei die apokalyptische Konfrontation mit dem Westen, die bereits die Terrorgruppe Al Kaida bis 2020 herbeiführen wollte“, lässt sich Reinhard Schulze von 20Minuten zitieren. „Das Kalifat des IS in Syrien und im Irak sei der Vorbereiter dieser Apokalypse.“

Das halte ich für eine simple Ãœbernahme der IS-Propaganda. Ich möchte drei eigene Thesen dagegenhalten oder beifügen. Ich hege den Verdacht, es sind profane Gründe, die zu dieser „neuen Strategie“ geführt haben. Es ist eine aus der Not geborene Strategie:

  1. Das PR Bedürfnis; der Zwang, dem Feindbild zu entsprechen.
  2. Die zunehmende Frustration.
  3. Das Bedürfnis der ausländischen (westlichen) Dschihadisten.

Im Zentrum steht für mich These 3. Wie meist, interessiere ich mich mehr für die Täter als für die Opfer.

Zunächst aber zu meiner Skepsis gegenüber der Einschätzung der Experten, es handle sich um eine neue Strategie des IS:
Da mag zwar einiges dran sein (siehe meine Thesen 1 – 3 weiter unten), aber die Theorie hat einen unangenehmen Nebengeschmack. Es riecht nach self-fulfilling prophecy.

Die neue Strategie des IS scheint vorallem den Bedürfnissen des Westens und seiner Experten zu entsprechen. Seit Monaten kündigen sie die neue IS-Strategie an. Mumbai-Strategie wird sie genannt. Sie entspricht dem, was die Experten kennen. Es ist auch die alte Al-Qaida-Strategie, auf die die nationalen und internationalen Sicherheitsstrukturen ausgerichtet sind, inkl. aller Vorteile der Leute und riesigen Apparate dieses Systems.

Und nicht zuletzt spielt sie den Zielen der national–konservativen Politik und ihrer Exponenten in die Hände. Folgerichtig sind diese sowohl in der Schweiz, in Europa wie auch in den USA nach den Pariser Anschlägen sofort auf den PR-Zug aufgesprungen. Von der Bedrohung der westlichen Zivilisation ist die Rede, von Abschottung, Grenzkontrollen, Ausgangssperren, Militarisierung, usw..

Aber, es geht mir nicht darum, das Problem klein zu reden.
Die IS-Strategen sind ernst zu nehmen. Ihre Strategie im Mittleren Osten war so diabolisch wie erfolgreich. Es ist dem IS gelungen, in kürzester Zeit zahllose Städte und Gemeinden im Norden Syriens und im Irak zu unterwandern, zu durchdringen, zu erobern und ein grosses zusammenhängendes Territorium unter striktem Sharia-Gesetz zu schaffen, einen quasi -Staat genannt Khalifat.

Der Vater dieser Strategie Haji Bakr ist tot. 2014 wurde er von konkurrierenden Rebellen getötet. Eher zufällig. Er war ein irakischer Geheimdienstoberst. Ihm ging es darum, einen sunnitischen Staat im Norden Iraks und Syriens aufzubauen. Seine Feinde waren die shiitischen Machthaber im Süden des Irak. Er fühlte sich von der US-Amerikanern betrogen. Ein Gottesstaat und die gesamte fundamentalistisch-religiöse Propaganda war für ihn höchstens Mittel zum Zweck.

Es ist denkbar, dass die Führung des IS die eigene PR vom Khalifat inzwischen selbst glaubt, nicht zuletzt weil sie von der Wirkung ihrer PR begeistert ist und das Projekt zum Selbstläufer mit allen dazugehörigen Sachzwängen geworden ist. Es ist sozusagen positiv aus dem Ruder gelaufen.

Klar scheint: die neue Entwicklung mit der „neuen Strategie des IS“ dient den konservativen Fundis, sowohl im Mittleren Osten wie im Westen.

Zu meinen Thesen:

1. Das PR-Bedürfnis des IS

Der IS ist nicht zuletzt eine PR-Maschine und ist damit den Zwängen der PR unterworfen. Er muss immer neue Stories liefern, um die eigenen Leute bei der Stange zu halten und ihm immer neue Krieger und Anhänger zuzuführen. Die Wirkung der Horror-PR scheint allerdings verpufft und die Entwicklung im Kriegsgebiet war in den letzten Wochen und Monaten ungünstig. Erfolge sind weniger geworden, Rückschläge häufiger.

Der IS profitiert sehr stark von der Anti-IS-Propaganda seiner Feinde im Westen und im Mittleren Osten. Die apokalyptischen Szenarien der Neo-Konservativen und Nationalisten und die unverhältnismässige Überhöhung im Negativen durch die westlichen Medien haben dem IS viel geholfen. Er ist das neue Feindbild des Westens und deshalb das Ideal der frustrierten, meist jungen Menschen aus der muslimischen Gesellschaft in den Vorstädten vieler europäischer Grossstädte.

Auf Dauer scheint der IS gezwungen, diesem Fremdbild zu entsprechen. Er hat gar keine andere Wahl mehr als der Nachfolger, der Ersatz der Qaida zu sein, das Monster, das die westliche Zivilisation bedroht. Auch wenn der IS von seiner Geschichte, seinem eigenen Streben und seinen eigentlich regional beschränkten Interessen viel eher mit den Taliban in Afghanistan vergleichbar ist als mit al-Qaida.

Es ist auch gut möglich sein, das die IS-Strategen erkannt haben, dass sich die Al-Qaida-Geschichte vom Kampf der Kulturen im Westen viel besser verkaufen lässt als eine PR, die sich nur auf das regionale Bedürfnis der innerislamischen Auseinandersetzung zwischen Sunniten und Schiiten und dem Kampf um einen sunnitischen Irak und Syrien ausrichtet.

Nicht zuletzt gilt das für die Rekrutierung neuer Dschihadisten/Soldaten im Westen und aus dem Kaukasus.


2. Die Frustration

Die grossen spektakulären Erfolge, die der IS in 2014 vermarkten konnte, sind in jüngster Zeit ausgeblieben. Die beschränkten Luftschläge der Alliierten und neuerdings auch Russlands mögen den Krieg im Syrien und Nordirak wohl nicht zu entscheiden, aber sie sorgen mit Sicherheit für grosse Frustration bei den Kämpfern des IS – und für Hass. Die Bodentruppen einer Kriegspartei ohne Lufthoheit sind feindlichen Fliegern praktisch schutzlos ausgeliefert. Ein ohnmächtiges, frustrierendes Gefühl der Soldaten im Staub und Dreck am Boden. Sie entwickeln einen starken Hass auf die Flugzeuge und ihre Piloten oben in den klimatisierten Flugzeugen, die ohne selbst etwas zu riskieren, ihr tödliche Fracht abwerfen und dann auf ihre luxuriösen, sicheren Ausgangsbasen zurückkehren.

Die Rachegefühle der Bodentruppen auf die dort oben und die Länder, die sie schicken, sind unermesslich. Das kennen wir auch aus andern Kriegen.

Vorallem aber hören wir vermehrt von Frustrationen der IS -Soldaten, vorallem der jungen Männer aus dem Westen, nicht nur wegen der Bedrohung aus der Luft.

Das führt zum für mich zentralen dritten Punkt: Die jungen Krieger des IS aus dem Westen. Sie dürften einer der Hauptzwänge für die „neue Strategie“ des IS sein.


3. Die Situation der ausländischen (westlichen) Dschihadisten

Tausende IS-Soldaten, die in den letzten Monaten im Mittleren Osten ausgebildet wurden und aktiv Krieg geführt haben, sind junge Männer aus dem Westen. Sie stellen aus meiner Sicht das grösste Problem für den Westen dar.

Wir müssen versuchen, sie nicht einfach zu verurteilen, sondern zu verstehen, in welch unmöglicher Situation sie sich befinden. Nur wenn wir eine Ahnung haben wie sie funktionieren, können wir die Gefahr, die von ihnen ausgeht, vielleicht eindämmen.

Ihre „Heimat“, zumindest ihre Herkunft sind die (muslimischen) Vorstadtghettos in Frankreich, England, Deutschland oder Schweden. Dort waren sie marginalisiert, fühlten sich diskriminiert, ausgeschlossen, ohnmächtig und ohne Perspektive.

Als Krieger des IS sind sie plötzlich jemand. Sie sind gehören nicht nur einer grossen Bewegung an, sondern sind gar eine Art Avantgarde, Helden/Märtyrer mit dem Segen von ganz oben. Ihr Leben hat irgendwie einen Sinn und sei es der Krieg, der Terror, das Töten oder das Sterben. Sie verfolgen ein höheres Ziel.

Gleichzeitig sind sie heimlichen Stars ihrer heimischen Szene. Während ihre Kollegen zuhause ihre Gewaltsfantasien weiterhin in ihren Computernspielen befriedigen müssen, schreiten sie zur realen Aktion. Vorallem aber erleben sie sich als mächtig. Sie tragen Waffen, sie dürfen diese Waffen gar ungestraft benutzen. Sie üben die höchste denkbare Gewalt aus: sie töten andere Menschen. Gewalt ist auch eine Droge. Gleichzeitig zerstört der Krieg, das Kriegführen, die Psyche der Krieger.

Der Krieg mag immer wieder Aufregendes bieten. Sie töten, vergewaltigen, stehlen, feiern, geniessen ihre Macht. Aber Krieg ist vorallem ein grosser Stress. Ständige Angst, grosse Entbehrungen, Dreck, Hunger, Durst und viel Langeweile werden auf die Länge nicht kompensiert von wenigen Highlights und schon gar nicht von propagandistisch-religiösen Heilsbotschaften. Dazu kommen traumatisierende Erlebnisse, engste Freunde, Kampfgefährten werden getötet, teils wegen dilettantischem Vorgehen oder Fehlern von Vorgesetzten, teils von westlichen Piloten, die nicht einmal ihr Gesicht zeigen. Sie sind wütend, sehr wütend.

Grad junge Männer aus dem Westen werden sich mit Sicherheit dort draussen früher oder später fragen, was sie hier eigentlich wollen und sollen. Wenn sie sehen und erleben, wie sie verheizt werden im Kampf – zum Beispiel um irgendein Kaff im nordsyrischen Hinterland. Sie kämpfen gegen Menschen, die bis vor wenigen Wochen nicht einmal in ihrer Vorstellungswelt waren. Sie sind Fremde, in einer völlig fremden Gesellschaft, die ihre westlich-städtisch geprägten Bedürfnisse nie wird befriedigen können.

Viele sind auch einfach enttäuscht. Ihre Erwartungen in den Gottesstaat und den glorreichen Kampf für das Reich Gottes werden nicht erfüllt. Es ist naheliegend, dass viele davon träumen, nach Hause zurückzukehren. Eine wachsende Zahl steigt denn auch aus, aber für die meisten dürfte dieser Weg unmöglich scheinen. Sie sind schwer traumatisiert und haben mit ihrem Leben längst abgeschlossen. Ihre einzige Perspektive ist die Fortführung des Kriegs bis zum Ende, ihrem Ende.

Es ist nicht schwer zu verstehen (aber nicht zu billigen), dass einige oder gar viele dieser jungen Männer davon zu träumen beginnen, ihren Krieg nachhause zu tragen, in ihr eigenes Umfeld, in die Städte des Westens, Europas.

Hier, zuhause, unter den Augen ihrer Kollegen aus den Vorstädten wollen sie Wirkung erzielen, auf ihrem heimischen TV-Kanal wollen sie zu sehen sein. Sie träumen nicht davon, im Westen eine Revolution zu machen, die Welt zu verändern oder sei es nur ein Chaos anzurichten.  Sie wissen, dass sie sterben werden, aber sie träumen davon, dies nicht irgendwo in einem Kaff im Mittleren Osten fernab der Wahrnehmung ihres heimischen Umfeld zu tun, sondern mit einem lauten medialen Knall – zuhause.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass die IS-Führer unter grossem Druck stehen, die Bedürfnisse der jungen, fremden Soldaten in ihren Reihen zu befriedigen, wohl wissend, dass sie damit auch ihre ständig wachsenden Rekrutierungsbedürfnisse von neuen Soldaten im Westen befördern können.

Eine „neue Strategie“ den Krieg in den Westen zu tragen scheint da naheliegend. Die Soldaten für die Todeskommandos stehen bereit. Die Techniken und Taktiken haben Andere längst entwickelt und erprobt. Die Wirkung ist garantiert.

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