Editorial: Projekt Schweiz (Magazin Flipboard)

Die Schweiz denkt über ihre Zukunft nach. Endlich. Der Ausgang der Abzocker-Initiative am vergangenen 3. März macht’s möglich.

Jahrelang haben offene, unabhängige Geister ein solches Nachdenken als dringlich angemahnt – u.a. Ben Vautier „La suisse n’extiste pas“ oder David GugerliHat die Zukunft eine Schweiz?) oder viel früher: Max Frisch „Achtung die Schweiz“), aber eine wirklich breite Diskussion ist nicht zustande gekommen. Die politisch etablierten Kreise waren nicht wirklich an einem solchen Nachdenken interessiert. Sie leben vom Status Quo.

Zwar haben Wirtschaftskreise 1999 den Thinktank „Avenir Suisse“ ins Leben gerufen, aber von Anbeginn wurden ihm enge ideologische Grenzen gesteckt und er blieb ein „Nice to Have“ der (bürgerlichen) Elite.
Umgekehrt hat die Sozialdemokratische Partei der Schweiz mit ihrem neuen Parteiprogramm zwar eine andere Schweiz skizziert, aber damit auch nur die eigenen Kreise bedient und/oder erreicht – wenn überhaupt.

Die Abzockerinititaive scheint jetzt aber Bewegung in die Sache zu bringen: Die Issue Manager in der Wirtschaft und die ihnen nahestehenden Kreise in der Politik sind schockiert über den Ausgang der Abstimmung. Plötzlich scheint ihnen bewusst zu werden, dass das wuchtige Ja des Volkes zur Initiative nicht einfach das kurzfristige Verdikt der „Wutbürger“ ist, sondern Ausdruck eines wachsenden Unbehagens, Sympton einer tiefgreifenden Verunsicherung. Ein breiter Teil der Bevölkerung – und spezielle die für die Schweiz so wichtige Mittelklasse – fühlt sich bedroht. Die „Durchschnittschweizer“ sehen die Entwicklung in Europa und fürchten, bald auch zu Verlierern zu gehören. Instinktiv wissen sie, die Zeiten des „Sonderfall Schweiz“ sind vorbei.

Die „Linke“ wittert Morgenluft, die „Rechte“  reagiert fast panisch, weil bis 2016 jetzt eine ganze Reihe von Volksabstimmungen anstehen (u.a.: 1 : 12; Personenfreizügigkeit, Mindesteinkommen), die erneut als sehr grundsätzliche Statements der Bevölkerung interpretiert werden können/müssen. FDP-Nationalrat Ruedi Noser hat deshalb kurzfristig eine neue Bewegung „SuccèsSuisse“ zur Bekämpfung dieser Initiativen ins Leben gerufen, was von den Medien prompt als Misstrauensvotum gegenüber Economiesuisse interpretiert wurde.

Plötzlich reden alle vom „Erfolgsmodell Schweiz“ – in der Vergangenheit. Alle versuchen, die Deutungshoheit über den Begriff, respektive dessen Inhalte zu erringen, natürlich mit dem Ziel, daraus ein Zukunftsmodell für die Schweiz zu reklamieren, das ihrer Ideologie entspricht und ihren Interessen dient.

Doch die so nötige Debatte über die Zukunft der Schweiz droht bereits wieder in den ausgetretenen Pfaden des Politalltags zu versinken und zu einem neuen, sinnentleerten Vehikel im Hickhack um kurzfristige Aufmerksamkeit und Wahl- und Abstimmungserfolge zu verkommen.

Das Flipboard-Magazin „Projekt Schweiz“ versucht, in dieser drohenden „Kakophonie“ einerseits archivarisch einen Ãœberblick über die laufenden Diskussion zu bieten. Vorallem aber will das Magazin versuchen, auch die inhaltlichen Hintergründe und Zusammenhänge der so wichtigen Thematik zu liefern – ohne Anspruch auf Vollständigkeit. „Linke“ und Rechte Positionen. Das Flipboard-Magazin kann nur Beiträge veröffentlichen, die via Social Media zugänglich sind.
Wir sind uns bewusst, dass parallel zu den medial verbreiteten Inhalten in verschiedenen nicht lauthals öffentlichen Thinktanks zurzeit sorgfältig über die Zukunft der Schweiz nachgedacht wird (u.a. „Strategierat21“). Wir werden uns bemühen, alles zum Thema „Zukunft Schweiz“, was für uns greifbar ist und wird, im Magazin „Projekt Schweiz“ zu publizieren.

Der Titel „Projekt Schweiz“ entstand in Anlehnung an die Argumentation von Professor Gugerli in dem oben schon erwähnten Artikeln in der Zeit in der NZZ. Er schreibt: „Der Schweiz wird man nur gerecht, wenn man sie als Entwurf versteht.“ Der „Projektcharakter der Schweiz“ sei ein besonders guter Ausgangspunkt, „weil die Zukunft immer das Produkt von gegenwärtigen Entwürfen und Einschätzungen, Projekten und Debatten ist.“

Tipps, konkret Hinwiese auf Publikationen, aber auch Kommentare und  eigene Beiträge sind sehr willkommen – an andreacontextlink@gmail.com.

Andrea Müller, Flipboard Magazin „Projekt Schweiz“

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