Höchste Priorität: Ägypten sichern

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Der Fokus des Westens im Mittleren Osten ist Syrien. Die Wiener Syrien-Gespräche wecken ganz leise Hoffnung auf eine Lösung. Gleichzeitig scheint – befeuert durch die Empörung über die IS-Anschläge in Paris – eine radikale, militärische Lösung mit dem Einsatz von Bodentruppen eine nicht mehr auszuschliessende Option. Es scheint Einigkeit unter den Mächtigen des Westens zu herrschen: der IS muss nicht nur besiegt, sondern ausgemerzt werden.

Doch dieser enge Fokus ist gefährlich. Ich hoffe, dass die Planer im Westen und ihre „Verbündeten“ in Nahost ob dem Fokus Syrien nicht das kurzfristig fast noch dringendere Problem übergehen: die Befestigung des übrigen, vom IS bedrohten arabischen Raums: Jordanien, der Libanon, Libyen, das „Erfolgsmodell“ Tunesien und – vorallem und dringlichst – Ägypten.

Ägypten ist auf der Schwelle zur Katastrophe. Für viele Beobachter ist Ägypten der nächste Staat in Nahost, der im Chaos versinken wird. Und Ägypten ist noch einmal eine ganz andere Dimension als Syrien, nicht nur weil dort rund 90 Millionen Menschen leben, gut vier mal mehr als in Syrien zu Beginn des Krieges.
Der Krieg hat Ägypten bereits erreicht und es scheint nur ein Frage der Zeit, bis er sich zu einem landesweiten „full-blown“ Bürgerkrieg ähnlich wie in Syrien ausweitet. Täglich gibt es Anschläge in Ägypten. Seit der Ãœbernahme der Macht durch die Armee 2013 waren es gemäss dem Tahrir Institute for Middle East Policy im Durchschnitt genau 53.2 Anschläge pro Monat.

Die Hoffnung des Westens und Saudi Arabiens, dass Diktator General al-Sisi mit eiserner Faust nicht nur den Angriff des IS im Sinai im Keim ersticken könnte, sondern auch ein Versinken des ganzen Landes ins Chaos eines allgemeinen Bürgerkriegs verhindern könnte, hat sich als Illusion erwiesen. Das IS-Attentat auf das russische Touristenflugzeug ist ein Fanal für das Scheitern dieser Hoffnung.

Die Weltpolitik muss möglichst sofort einen Weg finden, Ägypten zu halten, die ägyptische Bevölkerung vor einem ähnlichen Schicksal zu bewahren wie die Syrer. Dabei muss nicht einmal an die humanitäre Verantwortung appelliert werden. Ein „Eingreifen“ in Ägypten, eine Stabilisierung oder Befestigung Ägyptens ist purer Selbstschutz des Westens und in erster Linie (physisch, geographisch) Europas.
Europa ist schon heute überfordert mit dem Flüchtlingsstrom aus dem Nahen Osten. Es ist kaum vorstellbar, was erst geschieht, wenn sich bald nur ein ähnlich grosser Anteil der ägyptischen Bevölkerung auf den Weg macht wie bisher aus Syrien.
Gemäss den aktuellen Zahlen haben mehr als die Hälfte der Syrer ihre bisherigen Wohngebiete verlassen; rund ein Viertel, über 4,2 Millionen, sind ins Ausland geflohen; die allermeisten in die Nachbarländer Türkei, Libanon und Jordanien, aber Zehntausende strömen auch nach Europa. Übertragen auf Ägypten wären das zwischen 40 und 50 Millionen Flüchtlinge, wovon 20 bis 25 Millionen Menschen Sicherheit im Ausland suchen würden.

Vielleicht wäre es gescheiter, jetzt prioritär einen Marschallplan für Ägypten zu entwickeln statt für Syrien; realistischer, billiger und wirkungsvoller. Noch funktioniert Ägypten einigermassen, noch herrscht kein offener Bürgerkrieg. Es muss nicht erst ein Krieg gewonnen werden wie in Syrien.

Ein aktives Eingreifen der „Völkergemeinschaft“ in einem Land BEVOR es zur Katastrophe kommt, ist international zwar höchst umstritten („Responsibility to Protect“), aber wollen wir zusehen und abwarten bis das offensichtlich Unvermeidliche eintrifft, bis Ägypten in Schutt und Asche liegt mit Hunderttausenden von Toten und Millionen von Flüchtlingen? Es wird in vielleicht 4 Jahren viel schwieriger, aufwändiger sein, einen solchen Marschallplan (inkl. defacto ein Protektorat) zu realisieren auf den Trümmern des vom Bürgerkrieg zerstörten Landes mit einer dann schwer traumatisierten Bevölkerung.

Vielleicht würde es ja auch eine Mehrheit der Ägypterinnen und Ägypter heute vorziehen, vorübergehend in einem internationalen Protektorat in Frieden zu überleben. Der Westen hätte eine Chance, mit einem Marschallplan für einen friedlichen und prosperierenden Staat Ägypten ein Vorbild zu schaffen, eine Perspektive für die Zukunft anderer Staaten in Nahost als echte Alternative zum dem, was der gesamten Region droht: das Chaos und Elend eines Kriegs von der Türkei bis Jemen und vom Libanon bis Iran, inszeniert als innerislamischen Religionskriegs zwischen den Shiiten und Sunniten.

Der Westen – und speziell Europa – hat alles Interesse, Ägypten zu halten und ihm eine friedliche Zukunft zu sichern. Und sei es nur zu seinem eigenen Schutz.
Ägypten sollte oberste Priorität geniessen.

PS:
Ich sammle Artikel zu Ägypten in einem Flipboard-Magazin „Watching Egypt“

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