Lernen von den Fundamentalisten?

Der Fundamentalismus ist eines unserer populärsten Feindbilder. Er gilt als Bedrohung, wenn es sich um islamischen Fundamentalismus handelt. Dagegen belächeln wir die christlichen Fundamentalisten gerne als erzkonservative Hinterwäldler oder Sonst-Wie-Zu-Kurz-Gekommene.

Doch wir sollten vorsichtig sein: Religiöse Fundamentalisten sind sehr erfolgreich. Fundamentalistisches Gedankengut überflutet zur Zeit rasend schnell die Welt. Und erstaunlicherweise ist es nicht der islamische Fundamentalismus, der sich am stärksten ausbreitet – sondern der christliche:
Im Süden, von Asien über Afrika bis Südamerika. Die meisten Fussballstars aus Brasilien sind streng Bibelgläubige, „Wiedergeborene Christen“ aus „charismatischen Kirchen“ wie der Pfingstbewegung. Ihr bekanntester Exponent ist vielleicht Kakà (zur Zeit Real Madrid; Bild oben).

Statt sie zu belächeln oder zu verunglimpfen, sollten wir wohl besser versuchen zu verstehen, warum fundamentalistische Kirchen weltweit auf dem Vormarsch sind: Sie kümmern sich um die Menschen, speziell um die armen Menschen, die „urban poors“, die Verlierer der Globalisierung. Das sind viele, sehr viele Menschen. Und es werden immer mehr. Sie leben vor allem in den wuchernden Städten des Südens.

Bis 2030 werden über 5 Milliarden Menschen in Städten leben, 80% in Städten des Südens, davon zwei Millionen in Slums. Mike Davis, der Autor von „Planet of Slums“ nennt diese Städte „eine Deponie der überschüssigen Bevölkerung“. Die Menschen in den Slums sind praktisch sich selbst überlassen, der Staat hat seine Dienstleistungen eingestellt. Die Slumbewohner leben „in einem Freiraum ausserhalb des polizeilichen Zugriffs des Staates“, wie es Slavoj Zizek in seinem „Auf verlorenem Posten“ beschreibt. Und sie sind dringend auf ein Minimum an Selbstorganisation angewiesen. Zizek ist – schon fast romantisierend – überzeugt, dass aus diesen Notgemeinschaften der „urban poor“ „neue Formen ….. eines sozialen Bewusstseins“ entstehen, die die „Keime unserer Zukunft“ sind („Auf verlorenem Posten S. 258).
Als „grösste Bewegung der Selbstorganisation der urbanen Weltbevölkerung“  („largest self-organized movement of poor urban people in the world“) bezeichnet Mike Davis die christliche Pfingstbewegung.

Die Zahl der „Pfingst-Kirchen“ in Afrika zum Beispiel ist in den letzten Jahre geradezu explodiert.

Und die Kirchen sind voller Selbstvertrauen. Die religiösen Gemeinschaften und ihre Führer glauben – ganz ähnlich wie Zizek -, dass ihnen die Zukunft gehört, weltweit.  Früher seien die Weissen nach Afrika gekommen, um die Schwarzen zu lehren, „now, they will come to learn from us“, sagt  Trevor Manhange, Pastor einer der vielen Pfingstbewegungen in Zimbabwe im Film von James Alt „African Christianity Rising“. (Videos siehe am Ende dieses Beitrags) „We will turn upside down“ verspricht ein Theologe in Ghana seinen Gläubigen.
Nicht mehr auf lernwillige Westler warten will A.E. Adeboye, der Führer der „Redeemed Christian Church of God“ (RCCG) aus Lagos/Nigeria (Bild links). Seine Prediger missionieren längst erfolgreich in der westlichen Welt. In Grossbritannien allein gibt es 360 RCCG-Gemeinden, in den USA 400. Es entstehen ständig neue Gemeinden in Skandinavien, Deutschland, Italien, in den USA, in Asien, usw.. Und die RCCD ist nicht die einzige Pingstkirche aus dem Süden, die erfolgreich „im Westen“ missioniert.
Sie treffen in Europa und der Schweiz auf Menschen, die für die Botschaft aus dem Süden empfänglich sind. Noch sind es vor allem Migranten, die in den fundamentalistischen Kirchen aus dem Süden ein Stück Heimat finden. Doch zusehends suchen auch „Eingeborene“ Halt bei solchen Gemeinschaften. Sie fühlen sich ebenfalls marginalisiert und bedroht in der neoliberalistischen Welt. Sie haben ein Bedürfnis nach „Spiritualität“ und „Gemeinschaft“.

Sie sind nicht nur emfänglich für die simplen Botschaften, sondern auch für die Methoden der Missionierung. Die Pfingstkrichen aus dem Süden sind erstklassige Zauberlehrling der neoliberalistischen Marktwirtschaft. Sie betreiben die Mission mit einem aggressiven Marketing, bei dem sie insbesondere die modernen Medien (Internet, etc.) nutzen. Ihre Gottesdienste sind teils perfekt inszenierte Shows mit einem sehr hohen Erlebnisanteil für die Teilnehmer: Ein Spektakel mit moderner Musik, gemeinsamem Tanz und ausgelassene Stimmung inklusive Wunderheilungen und menschlichen Dramas.  Zu Pastor Adebayos monatlichem Holy Ghost Service am erste Freitag des Monats in Lagos/Nigeria pilgern regelmässig über eine Millionen Menschen.

Natürlich stehen uns die Haare zu Berg, wenn wir sehen, was da abgeht. Aber statt das Phänomen pauschal zu diffamieren – diese „McDonaldisierung des Glaubens“, den „naiven Buchstabenglauben“, den ganzen „inszenierten Zauber“ und die „Massenmanipulation“ – sollten wir besser gut analysieren, warum die Fundamentalisten immer mehr Anhänger auch in Europa finden – nicht zuletzt  auch unter jungen Menschen.  Was läuft falsch in unserer Gesellschaft? 
Wir sollten von den Fundamentalisten lernen.

AFRICAN CHRISTIANITY RISING: Stories from Ghana–Opening. © 2010, James Ault Productions from james ault on Vimeo.

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