Ein neues Mittel gegen die Schlafkrankheit.

Bild: MSF
Wiedermal eine Positiv-Geschichte.
Die ugandische Tageszeitung New Vision berichtet, die Weltgesundheitsorganisation der UNO (WHO) habe ein neues Medikament gegen die Schlafkrankheit freigegeben: NECT.
Dieses Mittel ist nicht nur ein grosser Fortschritt bei der Bekämpfung der wieder zunehmenden Tropenkrankheit Trypanosomiasis (Schlafkrankheit), sondern hat auch eine ganz spezielle Geschichte: NECT wurde nicht etwa von einem Pharma-Unternehmen entwickelt, sondern von einer NGO (Nonprofit-Organsiation), Drugs for Neglected Diseases initiative (DNDi).

Die DNDi ist eigentlich eine Anklage gegen die Pharmaindustrie. Diese NGO entstand auf Initiative der Médecins sans Frontières, die 1999 das Geld für den Gewinn des Nobelpreises erhalten hatte und um 2003 mit sechs anderen staatlichen und privaten Organisationen zur Entwicklung eines „alternativen Modells zur Forschung und Entwicklung neuer Medikamente für vernachlässigte Krankheiten“ zur Verfügung stellte. Eine Notmassnahme, weil die kommerziell ausgerichteten chemisch-pharmazeutischen Unternehmen die Forschungsarbeiten im Bereich der tropischen Krankheiten praktisch eingestellt hatten. Mangels Profitabilität.

Die Schlafkrankheit ist ein Showcase dieser für die Pharmaindustrie beschämende Entwicklung. (Es ist hier allerdings anzufügen, dass die Pharma-Industrie inzwischen gemerkt hat, dass diese Entwicklung eigentlich rufschädigend ist und hat damit begonnen, Medikamente für die 3. Welt billig zur Verfügung zu stellen.):

Eigentlich glaubte man am Ende der Kolonialzeit, die Schlafkrankheit im Griff zu haben. Dank einem sehr alten Medikament: Arsobal (Wirkstoff Melarsopol). Leider hat mit den Jahren die Wirkung aber nachgelassen und die Zahl der Fälle hat seit den 80er-Jahren wieder rasch zugenommen. 1996 starben in Afrika wieder 150’000 Menschen an der Schlafkrankheit, 500’000 erkranken jährlich an dem von der Tse-Tse-Fliege übertragenen Erreger. Nicht zuletzt aber: Melarsopol ist hochgiftig (Arsen-Basis). Zwischen 5 und 10 Prozent der Patienten werden durch die Verabreichung des Medikaments getötet. Es muss direkt in die Venen gespritzt werden. Die Venen werden von dem Gift zerfressen.
Die Bilder einer Schweizer Krankenschwester der MSF in einem Film, den ich 2001 im Schweizer Fernsehen über die Schlafkrankheit gemacht habe (links ein Screenshot daraus), gehen mir noch heute nach: Wie sie verzweifelt versucht, bei einem Säugling eine noch einigermassen intakte Vene am Kopf zu spritzen: „Hier sterben die Leute an den Nebenwirkungen des Medikaments, nicht an der Krankheit“, klagt sie im Film an.

Dabei gibt es seit den 80er-Jahren ein neues, viel besseres Mittel gegen die Schlafkrankheit: Ornidyl (Wirkstoff Eflornithin). Aber seine Herstellerin, das deutsche Pharma-Unternehmen Höchst (inzwischen längst von Aventis übernommen), hatte die Produktion anfang der 90er-Jahre eingestellt. Mangels Rendite. Eigentlich war das Medikament für den hochrentablen Krebsmarkt im Westen entwickelt worden, hatte aber nicht die erhoffte Wirkung gebracht. Allein mit der nur zufällig entdeckten Wirkung gegen die Schlafkrankheit lohnte sich die Produktion aus Sicht der Renditeerwartungen der Firma nicht. Vergeblich prangerte Médecins sans Frontières mit einer grossen Kampagne den Skandal an. Ein Zufall brachte im letzten Moment 2001 die „Rettung“: Die Eitelkeit der Frauen in de USA. das US-Pharma-Unternehmen Bristol-Myers Squibb hatte entdeckt, dass der Wirkstoff Eflornithin hevorragend gegen Bartwuchs wirkt und haben Vaniqa, ein Enthaarungsmittel für Frauen auf den Markt gebracht.

Damit aber war sichergestellt, dass Eflornithin weiter produziert wurde, und dank dem öffentlichen Druck war Aventis bereit, den Wirkstoff zum Schlafkrankheitsmittel Ornidyl zu verarbeiten.

Leider ist die Anwendung des Eflornithin-Medikaments aber sehr aufwendig (ein Beispiel über die Anwendung in der Praxis im Südsudan im Video unten). Und es ist sehr teuer. Jetzt ist DNDi aber gelungen Eflornithin mit einem anderen Wirkstof, Nifurtimox, zu kombinieren, und damit ein praxistauglicheres Medikament (eben NECT) zu entwickeln. Einer der wichtigsten Partner bei der Entwicklung von NECT war übrigens das Schweizer Tropen-Institut (STI; neu Swiss TPH) in Basel.

NECT ist aber noch nicht die definitive Lösung. Es kommt nur bei Akutpatienten zur Anwendung. Weitere Forschung für neue Medikamente gegen die Schalfkrankheit müssen unbedingt gemacht werden.

Hier der Film (Superqualität in HD) über die Klinik der Malteser-Hilfsorganisation im Südsudan, wo das neue Medikament gegen die Schlafkrankheit angewandt werden soll. Es gibt auch einen neuen Film der MSF zu NECT, leider noch nicht auf YouTube.

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