Medienmechanismus: Der Boulevard als Brandbeschleuniger

bildschirmfoto-2016-09-21-um-14-15-00Gestern: die mediale Diskussion über die Qualität der Schweizer Medien – unter anderem mit einer vielsagenden Aktion „Wir zeigen Ihnen, wie wir arbeiten“ des Tagesanzeigers (Tamedia-Mediengruppe), welche ein Kollege als „verzweifelten Versuch, mehr Glaubwürdigkeit zu erhalten“ bezeichnet.

Heute: Ein schönes Beispiel zur Praxis, zu den real existierenden Mechanismen der Schweizer Medienlandschaft:

Dass die Basler Zeitung die wachsende Islamophobie in der Bevölkerung nach Kräften fördert, dürfte inzwischen kaum mehr bestritten werden.
Der neuste Fall ist heute in der BaZ zu finden: „Basel im Sog der Islamisten“. Kreise, welche an einer Bewirtschaftung des Themas interessiert sind, haben der BaZ einen neuen Fall „gesteckt“ und die BaZ erfüllt ihre Funktion schon fast lustvoll.
Der BaZ unterstelle ich eine politische (national-konservative) Agenda.

Weil die Leserschaft der BaZ doch beschränkt (und weiter abnehmend) ist, kann man drauf hoffen, dass die Wirkung des Artikels begrenzt ist und einzig hilft, die schon vorhandene Islamophobie der Stammleserschaft am Kochen zu halten – und die Empörung BaZ-Kritiker.
In Basel hat man zunehmend den Eindruck, die BaZ-Macher hätten sich mit ihrer beschränkten Wirkung abgefunden. Doch ganz scheint der missionarische Eifer noch nicht verpufft zu sein, wie die Vermarktung dieses aktuellen Artikels zeigt. Die BaZ-Redaktion fährt ihn nicht nur schon seit Stunden als Topartikel auf der Front, sie hat ihn auch frei zugänglich geschaltete – ohne die bei eigenen Beiträgen übliche Bezahlschranke.

Viel mehr zur Verbreitung der Botschaft über die BaZ-Ingroup hinaus trägt aber die Boulevard-Publikation „20-Minuten“ der Tamedia-Mediengruppe bei. Sie übernimmt die Geschichte der BaZ ohne eigene Zusatzrecherchen, wobei sie die BaZ  – brav – eifrig zitiert.

20-Minuten unterstelle ich keine (national-konservative) Agenda. Ihr unterstelle ich puren marktwirtschaftlichen Opportunismus. Die Ideologie der 20-Minuten-Macher heisst Markt. Sie tun alles für den kurzfristigen Erfolg, der sich in der Anzahl Clicks pro Minute und der „Reichweite“ ihrer Publikation misst.

Dass 20-Minuten die Islamhetze der BaZ einfach so multipliziert, macht zwei erschreckende Tatsachen deutlich:

1. Die Macher von 20-Minuten gehen davon aus, dass ihre Leser diese Geschichte klicken/lesen werden. Und weil die „Geschichte“ definitiv nicht als Empörungsgeschichte gegen die islamophobe BaZ konzipert ist, kann man wohl auch schliessen, dass die 20-Minuten-Macher davon ausgehen, dass diese Geschichte einer grosse Zahl ihrer Leser gefallen wird, dass sie geliked wird. Oder drastischer ausgedrückt: die 20-Minuten-Macher schätzen ihre Leserschaft tendenziell als islamophob oder zumindest für entsprechende Geschichten empfänglich ein.

2. Dass sich die „Geschichte“ stundenlang auf der Front von 20-Minuten-online gehalten hat, belegt, dass die Einschätzung der Redaktion richtig ist.

Zur Qualitäts- und Glaubwürdigkeitsdiskussion:
Mit der Multiplikation der Geschichte der BaZ tragen die Macher der Tamedia-Publikation 20-Minuten dazu bei, dass in der Schweiz eine Haltung weiter salonfähig wird, welche die Exponenten des Tamedia-Verlags hoffentlich immer noch nicht teilen.

Die Islamophobie (und die Ausländerfeindlichkeit insgesamt) nimmt in der Schweiz erschreckend zu. Pauschal ausländerfeindliche Reden sind inzwischen bis weit in aufgeklärte Kreise salonfähig (rechts und links).

Boulevardesk müsste man vom „sich ausbreitenden Brand der Islamophobie“ reden. Die Boulevardmedien wirken dabei als Brandbeschleuniger.

Am glaubwürdigsten ist man (auch als Medium oder Mediengruppe), wenn man nicht nur eine Haltung hat, sondern diese auch lebt. Insofern ist die BaZ für mich doch sehr glaubwürdig.

Nachtag abends:

… und die Rundschau von SRF bringt dieselbe Geschichte.

 

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