Mossul: Die nächste Katastrophe

aleppo

Täglich serviert man uns die Bilder von der humanitären Katastrophe in Aleppo in Syrien. Den Zusammenhang dieser scheinbar endlos gleichen Bilder von aus Trümmern geborgenen Kleinkindern oder ausgebrannten Hilfskonvois mit den Flüchtlingen in den Lagern an den Toren Europas und in unseren „Empfangsstellen“ versuchen wir tapfer zu verdrängen.

Die Bilder aus Aleppo/Syrien werden bald Konkurrenz erhalten von ähnlichem „Material“ aus Mossul/Irak.

„Am 19. Oktober beginnt die Schlacht um Mossul“, hat der PR-süchtige türkische Präsident Erdogan letzte Woche verkündet. „Anfang Oktober“ ist die Sprachregelung, auf die sich diejenigen Kreise geeinigt zu haben scheinen, welche die Eroberung der seit 2014 vom Islamischen Staat IS gehaltenen Millionenstadt Mossul im Norden Iraks planen: die Militärs der irakischen Regierung, die schiitischen Milizen Iraks, die kurdischen Peshmergas und die USA.

Und es spricht tatsächlich einiges dafür, dass es jetzt, anders als bei früheren Ankündigungen, tatsächlich ernst gilt. iraq_2Man scheint vorbereitet, sowohl militärisch wie politisch: Strategisch wichtige Punkte in der Umgebung der Stadt sind erobert; es gibt detaillierte Pläne für den Ablauf des Eroberung im Internet. Die stärkste militärische Kraft der Region, die kurdischen Peshmerga, hat zugestimmt, sich auf die Eroberung der umliegenden Gebiete zu beschränken und den Vorstoss ins Zentrum Mossuls den irakischen Regierungstruppen zu überlassen. Auch der IS in der Stadt hat sich auf eine blutige Schlacht eingerichtet.
Und sogar auf die politische Verwaltung der Stadt nach der Eroberung scheint man sich geeinigt zu haben, auch wenn niemand wirklich glaubt, dass das bei den vielfältigen rivalisierenden Kräften funktionierenden wird.

2812429Nicht vorbereitet ist man auf die von allen erwartete humanitäre Katastrophe.
Die zentrale Frage der anstehenden Mossuloffensive ist nicht, ob es tatsächlich gelingt, die IS aus der Stadt zu vertreiben, sondern wie schlimm die sich ankündigende humanitäre Katastrophe sein wird.

„Wir sind nicht bereit“, sagt die UN-Flüchtlingshilfsorganisation vergeblich seit Wochen. Gerade mal für 3 Flüchtlingslager für rund 6000 Familien reicht das  bisher von der UNO zusammengetragenen Geld.
227146image1 Mit bis zu 1,5 Millionen Flüchtlingen rechnen die Hilfsorganisationen. In ihrem „Mosul Flash Appeal“ – Preparing for Mosul“, einem eigentlichen Notschrei im vergangenen Juli skizziert die UNOCHA (United Nations Office for the Coordination of Humanitarian Affairs) das wahrscheinliche Katastrophenszenario im Detail.

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Eine Prognose für die zu erwartende Anzahl Tote – nicht zuletzt unter der Zivilbevölkerung  – wagt niemand. Das ReliefWeb der UNO spricht von „mass casualties among civilians“ und „The impact of the Mosul military campaign on civilians will be devastating.“

iraq_mosul_refugee_2939832cDie schlechte Vorbereitung auf die humanitäre Katastrophe von Mossul mit viel zu wenig Plätzen für Flüchtlinge in der Region lässt es als mehr als wahrscheinlich erachten, dass Viele der Notleidenden ihr Heil in einer weiteren Flucht – auch in Richtung Europa – suchen werden.
Ich habe bisher nichts davon wahrgenommen, dass wir auf eine neue, noch grössere Flüchtlingswelle aus dem Mittleren Osten vorbereitet wären.

Diese Vorbereitung wäre aber umso nötiger, weil praktisch alle davon ausgehen, dass Mossul nur ein Ereignis einer absehbaren weiter wachsenden Katastrophe der Nach-IS-Aera sein wird. Der Mittlere Osten ist im Umbruch – schmerzhaft, blutig. Ein Bürgerkrieg im Irak scheint nach der Rückeroberung Mossuls wahrscheinlich. Ein grösserer Konflikt um das Erbe des IS in Nordsyrien unter Einbezug der Türkei und vielleicht des Iran ist nicht auszuschliessen. Die UNO geht schon heute davon aus, dass allein im Irak schon bald rund 12 bis 13 Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen sein werden.

20160310-refugees_budapest_keleti_railway_station_2015-09-04Auch wenn nur ein Teil der Menschen der sich ausweitenden Flüchtlingskatastrophe im Mittleren Osten wirklich Richtung Europa fliehen wird: Wir können nicht drauf hoffen, dass alle im Mittelmeer ertrinken oder an den Stacheldrahtzäunen an der „Aussengrenze Europas“ aufgehalten werden. Es ist höchst Zeit, uns vorzubereiten – eine humanitäre Lösung, die „unsern Werten“ entspricht, ist dringend gefragt.

Wird die Schlacht um Mossul wie geplant in den nächsten Tagen beginnen Oktober, dürften die ersten neuen Flüchtlinge aus der Region noch vor Weihnachten an den verbarrikadierten Toren Europas anklopfen.

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