Unsere Medien und der Krieg in Nahost

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Urs Gasche hat auf InfoSperber ein Stück zur problematischen Berichterstattung der Medien zum Krieg im Nahen Osten geschrieben, das mir aus dem Herzen spricht. In einer langen Liste von 23 Beispielen illustriert er, wie unsere Medien sich von der westlichen Propaganda manipulieren lassen – entgegen der Erfahrung aus den noch nicht so fernen Kriegen in Vietnam, Afghanistan und zweimal Irak, „dass auch die westliche Kriegsführung die Öffentlichkeit belügt“.

Ich möchte versuchen aus meiner persönlichen Erfahrung zu erklären, warum die Medien und ihre Journalisten sich manipulieren lassen:

Jeder Krieg ist nicht zuletzt auch eine Propagandaschlacht. Der Krieg in Mittleren Osten bestätigt das eindrücklich. Dank den digitalen Medien ist die Flut der Informationen riesig geworden, was die Meinungsbildung aber eher noch schwieriger macht.

Sich ein gültiges Bild über die tatsächliche Situation zu machen, ist unmöglich – auch nicht für spezialisierte Journalisten, so es die überhaupt noch gibt.
Dies gilt sowohl für die Journalisten vor Ort, „nahe der Front“, wie auch für die Redaktoren und Blattmacher/Produzenten daheim.

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Pascal Weber, 10vor10 SRF, Schlacht um Mossul/Irak 2016

Erfahrenen Journalisten im Kriegsgebiet ist die Problematik bewusst: Sie können persönliche Eindrücke vermitteln. Dies ist aber immer ein unvollständiges, höchstens punktuelles Bild, das dem entspricht, was diejenigen Kreise, die man begleitet und in deren Schutz man sich befindet, einem als Information vermitteln wollen.
In der Schlacht um Mosul sind die allermeisten Journalisten von den Informationen der Medienstellen der von der USA geführten „Koalition“ abhängig, welche auch die Ausflüge der Korrespondenten (meist mit den kurdischen Peshmerga) „an die Front“ ermöglichen.
 Um das Bild vom Wald und den Bäumen zu bemühen: Journalisten vor Ort können nur über einzelne Bäume oder höchstens Baumgruppen berichten. Den Wald müssten eigentlich die Kollegen in den Redaktionszentralen „daheim“ sehen.

maxresdefaultDie übliche Übungsanlage der westlichen Medien, wie z.B. auch der TV-Nachrichten bei uns, die Korrespondenten vor Ort die vorliegenden Informationen einzuordnen, ist eigentlich absurd. Ich habe in meiner Zeit als TV-Reporter häufiger die Erfahrung gemacht, dass ich mich nach einem Tag „im Feld“ von der Redaktion in Zürich am Telefon briefen lassen musste, um wirklich über das weitere Geschehen informiert zu sein, damit ich im „Live-Duplex“ in der Sendung die verlangte Einordnung vor Ort überhaupt machen konnte.

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Andrea Müller, Rundschau Schweizer Fernsehen DRS, Völkermord Ruanda 1995

Doch auch die Heimredaktion sieht den Wald nicht wirklich. Der Aufwand, sich im Wust der Informationen, der Propagandaflut der verschiedenen Interessengruppen des Kriegstheaters, wie es die Amerikaner bezeichnenderweise nennen, ein einigermassen gültiges Bild zu machen, ist riesig. Und so machen es sich die allermeisten Medien und Journis einfach: Sie bemühen sich gar nicht um ein breites Bild. Sie beschränken sich auf diejenigen Quellen, die ihnen am leichtesten zugänglich sind und die ihnen reflexartig am Vertrautesten sind. Das sind bei uns natürlich primär die westlichen Quellen.

Weil (praktisch) alle Redaktionen so funktionieren und man sich häufig die „Geschichten“ auch noch gegenseitig abschreibt, befinden wir uns in einer sehr engen Echokammer – in derselben wie unseren Kollegen/Konkurrenten von den andern Medien.
Das bringt Sicherheit: Wenn wir und/oder unsere Chefs andere Medien konsumieren, können wir befriedigt feststellen, dass wir „richtig“ liegen.
Die Quellen werden nicht mehr hinterfragt. Entgegen der langjährigen Erfahrung hat man sich entschieden, welches die Quellen sind, welche die „Wahrheit“ sagen. Alles andere ist Propaganda.

Fazit: Das Verhalten unserer Medien, der Journalisten, welche die Inhalte der Kriegsberichterstattung zusammenstellen, ist erklärbar, aber deswegen nicht weniger problematisch. Es fehlt ihnen, wenn nicht überhaupt die Einsicht, die Grösse, dazu zu stehen, dass sie manipuliert und instrumentalisiert werden – und das auch immer wieder gegenüber ihren Konsumenten transparent zu machen.

Ich kann Urs Gasches Aufruf an die Kollegen nur beipflichten:
“Medien werden instrumentalisiert und manipuliert, subtil oder weniger subtil. Und zwar von allen Kriegsparteien. Deshalb wäre Zurückhaltung angesagt. Vorsichtiges Formulieren in neutraler Sprache und mit deutlichen Hinweisen auf ungesicherte Quellen.“

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