Westworld

Szene Westworld (Bidl HBO)

Aufregend, absolut empfehlendswert: Westworld, die aktuelle Serie von HBO.  Für mich besonders spannend: offensichtliche Parallelen zur Thematik meines Buches (in Arbeit).

Zunächst: Manchmal ist es irritierend, wie Vieles, was ich tue, irgendwie zusammenpasst mit dem, was ich aktuell auch noch tue – und denke. Und irgendwie scheint das kein Zufall zu sein.
Vielleicht entspricht diese Wahrnehmung ja auch bloss meinem Bedürfnis, unterschiedliche Dinge, die mich zurzeit beschäftigen, zusammenzufügen, zusammenzuführen.
Vielleicht ist mein Denken und Erleben im aktuellen Zeitpunkt auch nur so fokussiert, dass ich bei allem, was ich grad tue und erlebe oder lese oder sehe, ganz bestimmte Dinge wahrnehme und als irgendwie zum Andern passend interpretiere. Ich erlebe Westworld also mit meiner aktuellen „Brille“, die geprägt ist von den Recherchen für mein Buch „Der dunkle Zwilling“ und meinen ersten Textversuchen dazu.

In meinem Buch soll es im Wesentlichen um die Condition Humaine im Krieg, um die Menschen in der Extremsituation des Kriegs gehen; wobei ich mich tendenziell mehr für die Täter als für die Opfer interessiere – zumal viele Täter gleichchzeitig auch Opfer sind und umgekehrt.
Besonders beschäftigt mich die Gleichzeitigkeit von Gut und Böse und die eigentlich banale und allseits bekannte Tatsache, dass alle Menschen, auch so friedliche Leute wie mein Nachbar und ich, im Grunde auch böse sind oder zumindest böse sein können. C.G. Jung spricht vonm „persönlichen Schatten“, von der dunklen Seite in unserem (Unter-) Bewusstsein, die jeder Mensch hat. Andere Psychiater sprechen vom „dunklen Zwilling“; daher auch der Arbeitstitel „Der dunkle Zwilling“ meines (Tatsachen-) Romans, der im Wesentlichen im Ersten Kongokrieg (1996/97) spielt.

Auch Westworld kümmert sich um diese Thematik der Schattenseite von uns Menschen.
Die Story-Erfinder und Programmierer der Western-Geschichten in Westworld kreieren immer auch das Böse: böse Figuren/Roboter, wüste Szenen, welche die teuer zahlenden Gäste des Westworld-Parks miterleben dürfen, an denen sie selbst aktiv teilhaben und deren Ablauf sie gar bis zu einem gewissen Mass beeinflussen können.

Die Gäste, welche in der Story mitleben, agieren frei von Vorgaben. Und nicht Wenige leben die dunkle Seite ihres Bewusstseins. Sie geniessen es, böse zu sein, und dabei gehört nicht zuletzt dazu, andere Menschen zu töten. (Gelingt es ihnen, dabei zu vergessen, dass diese Figuren tatsächlich bloss Roboter sind, die perfekt wie Menschen gemacht sind, inklusive Gefühle?).

Gleich zu Beginn sagt einer der Gäste im Westernzug, der die Gäste jeweils in den Westworld-Park fährt, dass er bei früherer Gelegenheit mit seiner Familie hergekommen sei. Das sei aber langweilig gewesen, weil er im Beisein seiner Familie natürlich ein guter Mensch sein musste. Seither komme er lieber allein. So könne er jetzt das Böse-Sein geniessen. Das sei viel aufregender.
Ein anderer Gast sagt zu Beginn der zweiten Episode nicht nur, er geniesse es, ein Arschloch zu sein, sondern auch: Nur wenn Du hier warst und Dich hier in dieser Welt erlebt hast, kennst Du Dich selbst wirklich. Adils Bodyguard Secer hat mir in Sarajevo 1995 etwas Ähnliches gesagt: „Du weisst nicht, was leben ist, wenn Du nicht getötet hast.“

Westworld öffnet deshalb mehrere spannende Gedanken-Ebenen für mich:

    1. Westworld geht wie die Psychologie und die Psychiatrie davon aus, dass wir alle auch schlecht/böse sind, dass dieses Böse in uns („der dunkle Zwilling“) nur sehr oberflächlich zivilsiert ist, sich aber jederzeit und insbesondere unter gegebenen Umständen manifestieren kann.

Wenn dem so ist, dass wir von Natur aus böse sind und wir, wie das in Westworld unterstellt wird, gar eine gewisse Lust haben, unsere dunkle Seite kennenzulernen und bei Gelegenheit zu leben, wäre es dann nicht …

 

    1. … ein Ausweg, dass wir diese (therapeutische-präventive) Chance nutzen und wir diese Situation künstlich schaffen, um unser böses zweites Naturell in einem geschützen Rahmen ausleben zu können?
      Würde dies unser Bedürfnis nach Bös-Sein tatsächlich befriedigen, würde die Dosis genügen? 
Und: könnten wir unsere (kriminellen) Taten ohne bleibende Schäden verdauen; dass wir also weder traumatisiert werden (PTSD) oder dass wir gar auf den Appetit kommen, künftig auch im echten Leben böse zu sein?

 

    1. Wäre es gut für uns zu erfahren, wie wir sein könnten, nicht zuletzt auch wie böse, wenn wir nicht durch unsere reale Umwelt zivilisiert und diszipliniert wären?

 

    1. Ist der Krieg, die Faszination für den Krieg, so etwas wie der Westworld-Park? Ein Ort, an dem wir herausfinden, wie wir wirklich sind oder in dem wir zumindest eine Ahnung kriegen, wie wir sein könnten? Gehen deshalb Menschen, die schon einmal im Krieg waren, gerne wieder hin?

 

    1. Warum haben einige (viele, alle?) Menschen das Bedürfnis, diese Welt kennenzulernen?

 

    1. Die bösen Roboter können nur so böse sein, wie es die Fantasie ihrer Story-Erfiner und ihrer Programmierenr erlaubt. 
Die bösen Gäste spielen aber auch nur eine Rolle. Sie verhalten sich ganz offensichtlich (freiwllig) auch nach Schematas, die sie kennen – aus Filmen, Büchern, Erzählungen. Sie verhalten sich in einer Form des Bösen, welche dem Genre des Westerns entspricht: Im Normalfall erschiessen sie die Widersacher einfach kaltblütig. Sie wenden keine Tötungsmethoden an, die dem gespielten Genre widersprechen. Sie halten sich an die „Regeln“. Genau so scheint es auch im echten Leben zu sein, zum Beispiel im Krieg im Kongo:
 Die Bösen halten sich an die dort geltenden „Regeln“. Sie imitieren, was andere Böse auch tun. Dazu gehören im Übrigen auch Vorbilder aus anderen Kulturen, zum Beispiel aus westlichen Kriegsfilmen oder Computergames.
 Die häufig jugendlichen Täter im Kongo orientieren sich an dem, was sie schon kennen, was sich Andere schon ausgedacht und/oder getan haben, entwickeln es vielleicht weiter. Aber sie bleiben im vorgegebenen Rahmen.

 Gäb es da Ansätze des Lernens, der Therapie oder gar der Gewaltprävention?

 

    1. Ford (Schauspieler: Antony Hopkins), der kreative Kopf des Westworldparks in der Serie kritisiert in der zweiten Episode den für die Erfindung der einzelnen Stories zuständigen Autor: Er würde nur ihn selbst, den Story-Erfinder kennenlernen. Gelingt es, dass sich der Leser selber erkennt oder lernt er nur mich selber kennen?

 

Wie sehr anders man Westworld lesen kann, wenn man eine andere „Brille“ trägt als ich, zeigt der Artikel in „Die Zeit“ über die Serie: „Westworld: Futter für die Junkies. – Wir wollen Gewalt und Sex, aber bitte nur virtuell. Und wir brauchen immer neuen Stoff. Die HBO-Serie ‚Westworld‘ ist eine Parabel auf den modernen Serienrezipienten.“

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