Sauberes Gold: Gut gemeint. Oder: Die Naivität der Mainstreammedien

Screenshot Tagesschau SRF

Screenshot Tagesschau SRF

In Basel ist Uhren- und Schmuckmesse (wie lange noch?). Die Tagesschau von SRF, immer auf der Suche nach einem Beitrag, der nicht einfach als Werbespot für eine kommerzielle Messe durchgeht, hat versucht, einen Hintergrundbeitrag zum Thema Konflikt-Mineralien, speziell Gold zu machen – und lässt sich dabei für die Propaganda der „Grossen“ im Schmuckgechäft instrumentalisieren. Ich frage mich wie häufig: ist es bloss Naivität oder schlicht Ignoranz?

Da dürfen PR-Beauftragte der Schmuckindustrie vor der Kamera die von der Tagesschau nachgeplapperte These (O-Ton Tagesschautext: „Jetzt setzen auch grössere Vertreter der Schmuckindustrie auf sauberes Gold!“) bestätigen, es gäbe einen „Wandel im Bewusstsein der Branche“ im Umgang mit „Konfliktmineralien“.
Zur Emotionalisierung werde die üblichen Archivbilder aus Rohstoffminen im Kongo gezeigt – natürlich mit Kindern. Die Botschaft: „Kauft sauberes Gold. Rettet diese armen Negerkinder“.
Eine kurze Internetrecherche hätte der Tagesschau mit wenig Aufwand eine etwas journalistischere, kritischere Position erlaubt. Nicht unbedingt der Schmuckindustrie, aber der von ihr propagierten Botschaft gegenüber.
Schon 2014 hat u.a. das US-amerikanische US-Politmagazin „Foreign Policy“ einen Artikel publiziert, der vielfältig belegt, dass der vielleicht gut gemeinte Dodd-Frank-Act, auf dem die Politik des „sauberen“ Gold basiert, dass Gegenteil von dem errreicht, was er vorgeblich beabsichtigt:

„The campaign to stop conflict minerals is supposed to be protecting people’s lives in one of the most fragile parts of Africa. In fact, it seems to be doing the opposite.“

Die Tagesschau hätte für ihren Hintergrund sogar auf einen Kongo-Spezialisten aus der Schweiz zurückgreifen können, Christoph Vogel, (Deutscher) Doktorand an der Uni Zürich, der sich in der Thematik bestens auskennt und unter anderem schon 2014 einen Artikel in der Washington Post dazu veröffentlicht hat – mit dem vielsagenden Titel: „In Eastern Congo, economic colonialism in the guise of ethical consumption?“ 

Vogel schreibt (fokussierend nur auf den Kongo, woher ein guter Anteil der Konfliktmineralien stammt), nicht nur die Zahl der Konflikte im Kongo habe nicht abgenommen, sondern tausende Minenarbeiter hätten ihre Jobs verloren. Schlimmer noch: Weil es in den Ostprovinzen des Kongo nicht viele alternative Jobs zur Arbeit in den Minen gibt, haben sich arbeitslos geworden Arbeiter den bewaffneten Banden angeschlossen, deren Geschäft man mit dem Dodd-Frank-Act austrocknen wollte:

„All this has had a number of damaging consequences“ schreibt Vogel in der WP. „Large numbers of Congolese miners have lost their jobs, with some joining armed groups as a way to earn a quick buck in the total absence of alternative employment opportunities. At the same time the United Nations Group of Experts found that the region’s black market in minerals has been strengthened (and the Goma-based mining police is recently reporting heavy increases in trans-border fraud attempts), playing into the hands of the very mafia and rebel networks the campaign was attempting to starve of mineral revenue in the first place.“

Der Dodd-Frank-Act, der dafür sorgen soll, dass nur Mineralien aus legaler Herkunft in den Verkauf kommen, war das Resultat eines intensiven Lobbyings mächtiger -US- amerikanischen NGO wie  „Human Rights Watch“ oder insbesondere „Enough Project“, welche von den Problemen leben, die sie zu bekämpfen vorgeben. Ähnliche PR Aktionen, welche auch gerne von der Hollywoodfilmindustrie aufgenommen und von berühmten Schauspielern unterstützt werden, gab es schon zu den „Blutdiamanten“ oder zum „Blut in deinem Handy“.
Foreign Policy bringt das Problem auf den Punkt: „While the concept of conflict minerals is convenient for people far from Africa, it is inducing incredible hardship for the miners and their families.“

Tatsächlich wäre ein echtes Interesse der Medien für Länder wie den Kongo bitter nötig. Und die Bedingungen rund um die Ausbeutung der Rohstoffe muss kritisert werden. Aber es wäre ein echtes Engagement nötig – auch wenn dies für die Meidenschaffenden einen zusätzlichen Recheraufwand bedingen würde, verbunden mit dem Risiko, etwas differenzierter „Geschichten“ liefern zu müssen, die wohl in der Redaktion schwerer zu „verkaufen“ wären.

PS:
Weil ich mir nicht sicher bin, ob der verlinkte Artikel von Foreign Policy frei zugänglich ist, hänge ich ein PDF davon an.
Christoph Vogel publiziert u.a. auf seonem Blog suluhu.org über den Kongo, speziell über die Situation in den rohstofffreichen Kivuprovinzen im Ostkongo.

How Dodd-Frank Is Failing Congo – Foreign Policy
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2 Responses to Sauberes Gold: Gut gemeint. Oder: Die Naivität der Mainstreammedien

  1. Christian Jäggi says:

    Wozu haben wir die No-Bilag-Initiative abgelehnt, wenn die Tagesschau schlechten Journalismus bietet, kann man sich da fragen. Aber vielleicht wäre das im Sinne Kahnemans, wie von den Beitragmachern selbst, auch zu schnell gedacht. Hoffentlich lesen die Verantwortlichen der Tagesschau diesen Beitrag und lernen was daraus. Schliesslich bezahlen wir die Bilag-Steuer nicht dafür, dass flachwässriger Journalismus geboten wird. Den bieten ja schon die Privatsender – obwohl auch das zu kurz gedacht ist. Also bleibt uns nur, selbst kritisch zu denken und die Dinge nicht a priori zu glauben. Selbstkritisch sein, ist dazu eine gute Übung. Letzteres war zwar aus dem Wortspiel geboren, ist aber durchaus sinnvoll, wenn ich mir das länger überlege.

  2. Pingback: Konfliktmineralien, NGO-PR, Medien und Facebook – Contextlink

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