Journalistische Ethik – heute: ZDF (Update)

Das Image des Journalismus ist inzwischen (auch) bei mir, gelinde gesagt, angeschlagen. Gleichzeitig habe ich die Tendenz, alle von mir wahrgenommenen journalistischen Fehlleistungen als eine Art persönliche Verletzung zu empfinden. Denn: obwohl ich schon seit vielen Jahren nur noch sporadisch journalistisch tätig bin, identifiziere ich mich noch immer stark mit dem Journalismus, respektive mit dem, was ich als journalistische Ethik erachte: eine kritische Berichterstattung auf der Basis einer „ergebnisoffenen“ Recherche und ein fairer Umgang mit den Kritisierten – nicht nur während der Recherche, sondern auch in der Publikation.

Ich habe schon während meiner aktiven Zeit als Journalist Einiges erlebt, was meinem Idealbild nicht entsprochen hat und rückblickend muss ich mir eingestehen, dass ich selbst auch gesündigt habe.

Seit ich weg bin vom Journalismus – „die Seite gewechselt“ habe, wie manche ehemalige Kollegen verächtlich sagen – habe ich eine Vielzahl von teils haarsträubenden journalistischen Fehlleistungen gesehen und teils persönlich erlebt. Ich weiss nicht, was ich dabei als schlimmer empfinde: die Fehlleistungen aus purem Dilettantismus oder aus schamloser Skrupellosigkeit.

Was sich das ZDF kürzlich geboten hat, gehört in die zweite Kategorie:
ZDF-Info hat einen Dokumentarfilm der US-amerikanischen Fernsehkette PBS („Treasures of the Earth: Power“) übernommen und ganz leicht gekürzt. Die deutsche Übersetzung hat sich dabei sehr eng an das amerikanische Original gehalten – bis auf eine Stelle, wie Laurenz Hüsler in einen Facebook-Post kritisiert:

Spontan habe ich beim Lesen von Hüslers FB-Post gedacht: „Das kann nicht sein!“ oder „Bitte, lasst es nicht wahr sein!“

Die ZDF-Version gibt es unter dem Titel „Schätze der Erde: Kohle und Oel“ in der ZDF-Mediathek noch bis 1. Juni zu sehen. Allerdings nur im deutschen Netz. Ich habe von meinen deutschen Kollegen aber inzwischen eine Kopie des inkriminierten Filmteils erhalten und mit dem amerikanischen Original vergleichen können.

Leider stimmt, was Herr Hüsler sagt: Das ZDF hat sich eine grobe Manipulation zu Schulde kommen lassen. (In der mir vorliegenden, auf Youtube verfügbaren Fassung des amerikanischen Originals ist die Passage allerdings bei 48.03).

Ich kann es immer noch nicht recht glauben. Ich versuche, mich in die Situation des Redakteurs zu versetzen, der den Beitrag bearbeitet und den Text übersetzt hat:

  • Hat er den Text tatsächlich von sich aus so manipuliert?
  • Ist er davon ausgegangen, niemand würde die Manipulation bemerken?
  • Ist er davon ausgegangen, seine Manipulation sei im Sinne seiner Vorgesetzten und seines Publikums, so dass er sein Vergehen als lässlich beurteilte?
  • Hat man ihm die Manipulation „von oben“ befohlen?
  • Weiss die ZDF-Obrigkeit von dieser Manipulation?
  • Hat man beim ZDF das Einverständnis für die Manipulation bei den Autoren des Originalbeitrags eingeholt?

Der Dokfilm in PBS ist durchaus atomkritisch, aber im Sinne meiner Erwartung an die journalistische Ethik so fair, auch die Stärken der Nuklearenergie zu nennen: u.a. das Faktum, dass bei der Produktion von „Atomstrom“ praktisch kein CO2 freigesetzt wird, was ja angesichts der Klimaproblematik nicht ganz unwichtig ist.
Dieses Faktum hat auch das ZDF stehenlassen, respektive es hat den entsprechenden Originaltext korrekt übersetzt. Beim zweiten wichtigen, von PBS ebenfalls genannten Faktum, der Sicherheit der Atomstromproduktiom, konnte/wollte das ZDF dann aber offenbar nicht mehr mitgehen:

PBS hat richtig (aber immer noch relativierend) getextet: „Statistically, nuclear power is far safer than power from coal. But it has a big image problem.“ („Stastisch ist Nuklearenergie weit sicherer als Energie aus Kohle. Aber sie hat ein grosses Imageproblem“).
Das ZDF hat dagegen auf denselben Bildern des Kommadoraums eines AKWs (in einer Bild-/Textschere) plötzlich von der Abfallproblematik zu sprechen begonnen, welche von PBS im ganzen Film überhaupt nicht erwähnt wird:
„Doch Atomkraft hinterlässt gefährlichen radioaktiven Müll, von dem noch niemand weiss, wie man damit umgehen soll.“
Das ist die alte Botschaft der Anti-AKW-Bewegung, die sachlich schlicht falsch ist.

Auch im Ablauf des Films in der ZDF Version ist der Schlenker irritierend:
Im Original erklärt die an die originale Passage anschliessende Sequenz die originale Aussage des Imageproblems der Nuklearenergie: ihre historische Belastung der kriegerischen Herkunft und die Unfälle in Tschernobyl und Fukushima.
Trotz dieser Probleme, sagt der Filmtext, bestehe „Optimismus“, dass die Nuklearenergie mit einer neuen Generation von Reaktoren in Zukunft einen wichtigen Beitrag zu einer sauberen Energieversorgung leisten könne.

Update: Laurenz Hüsler hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass er den Hinweis auf die ZDF-Manipulation von der Facebookgruppe Pro Kernkraft übernommen habe.

PS: Ich habe dem ZDF ein Mail geschickt und um eine Stellungnahme gebeten. Sobald diese kommt, werde ich ein Update posten.

Update Reax ZDF:

Das ZDF hat und vorbildlicher Weise sehr prompt auf meine Mailanfrage reagiert. Kompliment. Die Antwort der zuständigen Redaktorin bilde ich hier ungekürzt und unkommentiert ab:

Sehr geehrter Herr Müller,
Ihnen vielen Dank für Ihr Interesse an unserem Programm.
Lassen Sie mich zunächst eines ganz deutlich sagen: Entgegen der Aussage, des von Ihnen beigefügten Facebook-Beitrages wurde in der von uns gesendeten Doku „Schätze der Erde – Kohle und Öl“ definitiv nicht gelogen.
ZDFinfo erwirbt Dokus unter anderem mit dem Recht auf eine deutsche Sprachbearbeitung. Diese beinhaltet, dass im Kommentartext vom Original abgewichen werden darf, solange die Gesamtaussage des Filmes erhalten bleibt. In der Regel bleibt die Übersetzung dabei sehr nahe am Originaltext, auch um die Arbeitszeit für die Erstellung eines neuen Textes einzusparen. Ein Muss, wortwörtlich zu übersetzen gibt es nicht. Selbstverständlich verhält sich das bei der Übersetzung von O-Tönen, also Interviewsequenzen anders. Hier darf aus journalistischen Gründen der Inhalt nicht geändert, sondern nur gekürzt werden, da sonst die Aussage des Interviewpartners verfälscht wird.
Sie beziehen sich in Ihrer Kritik auf eine Stelle im Kommentartext. Im konkreten
Beispiel wurde die Übersetzung sogar zwei Physikern zum Korrekturlesen gegeben, bevor ein endgültiger Sendetext erstellt wurde. Die Auffassung im Originaltext, dass die Problematik bei der Nutzung der Kernenergie allein auf ein Imageproblem zu reduzieren sei, haben beide Physiker, die den Text Korrektur gelesen haben, als zu kurz gefasst kritisiert. Zumindest der nicht gelöste Umgang mit dem anfallenden Müll sollte angesprochen werden. Diesen Vorschlag habe ich als verantwortliche Redakteurin aufgegriffen und umgesetzt. Dabei handelt es sich definitiv nicht um eine Lüge, sondern um einen Fakt, denn tatsächlich gibt es keine langfristigen, Generationen überdauernden Lösungen für dieses Problem. Während die deutsche Sprachfassung also an dieser Stelle faktenorientiert ist, bleibt das Original hier auf der subjektiven Meinungsebene.
Eine berechtigte Kritik wäre, dass die Stelle zu salopp formuliert ist. Denn genau genommen hinterlässt nicht Atomkraft radioaktiven Müll, sondern die Form der Energiegewinnung in einem Atomkraftwerk. Hier wurde auf den umgangssprachlich gebrauchten Terminus zurück gegriffen.
Falls Sie sich den Originalfilm zu Gemüte führen, ist Ihnen vielleicht aufgefallen, dass sich im Original im Bereich der chemischen und physikalischen Erklärungen diverse Fehler finden lassen. Selbstverständlich beseitigen wir diese in der deutschen Sprachfassung, die wir senden. Dies geht natürlich ebenfalls nur über eine Abweichung vom Original. Auch hier stellt aber die Abweichung vom Orginal keine „Lüge“ dar, sondern die Richtigstellung von falschen Behauptungen.
Ich hoffe, ich habe zur Klärung beitragen können.

Ihnen viele Grüße
Katrin Pecher

 

Interessenbindung des Autors:
Weil es bei der Thematik des zitierten Dokfilms auch um die Nukleartechnik geht, mag ein Hinweis auf meine aktuelle berufliche Tätigkeit fair sein: Ich bin der persönliche Berater des Direktors des ENSI, der Behörde, welche die Schweizer Atomkraftwerke beaufsichtigt. Diesen Beitrag habe ich aber als Privatperson und nicht im Namen des ENSI verfasst. Es geht mir ja auch nicht um die Inhalte des Films, sondern um die journalistische Fehlleistung.

This entry was posted in Energie, Journalismus, Medien. Bookmark the permalink.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.