Leben in der Echokammer

Sequoia Yosemite

Sequoia Yosemite

Wir leben alle in einer Echokammer (oder in einer „Blase“). Das war schon immer so, auch als es noch keine sozialen Medien gab. Die Facebooks, Twitters oder Instagrams sind bloss ein ausgezeichneter Indikator der Blase, in der wir alle leben.

Natürlich gibt es viele Leute, die dies nicht realisieren oder wahrhaben wollen. Die pathologischsten Fälle sind diejenigen, welche die Problematik zwar sehen, aber überzeugt sind, ihre Echokammer bilde die einzig richtige Wahrheit ab.
Das Leben in der Echokammer beschränkt sich dabei keineswegs darauf, dass man sich immer in derselben Internet-Community informiert und profiliert. Zur Echokammer gehört auch, dass man beruflich und privat von Leuten umzingelt ist, die in derselben Blase leben, die einem also ständig bestätigen, dass man richtig liegt, weil sie gleicher Meinung sind.

Ich habe lange in der Echokammer gelebt, zu der ein Grossteil der Journalisten und deren Chefs in der SRG und in den allermeisten Schweizer Medien bis hin zur „bürgerlichen“ NZZ gehört. Ich habe mir zwar immer eingebildet, offen zu sein für andere Meinungen, für Neues oder zumindest für eine Differenzierung. Tatsächlich aber wusste ich immer sehr genau, was verlangt war, was meinen Status in der Redaktion bestätigte, mir den Applaus der Kollegen sicherte und nicht zuletzt immer wieder neue Aufträge der Chefs zur Bearbeitung „interessanter“ Themen einbrachte. Im Toleranzrahmen war sogar meine Relevanzverliebtheit, welche von den Chefs und Kollegen wohlwollend belächelt wurde, und ein (beschränkter) Anspruch auf hintergründige Einordnung.

Ich lebte nach der damaligen, unausgesprochenen SRG-Strategie im Informationsbereich: so boulevardesk wie nötig, um so relevant wie möglich bleiben zu dürfen.
Als der Trend immer stärker zu Ersterem ging und eine Differenzierung immer häufiger als für den Zuschauer unzumutbar erklärt wurde, haben ich dann einen Abschied gefunden.

Heute drohe ich in einer neuen Echokammer zu versinken. Es ist die Echokammer der Technologiegläubigen.
Aus Sicht meiner früheren Echokammer besonders problematisch ist dabei, dass ich mich beruflich in einem Umfeld bewege, das einer der Lieblingsfeinde des Mainstreamjounalismus ist: die Nukleartechnologie. Ich arbeite zwar nicht für die Nuklearindustrie, sondern für die Aufsichtsbehörde über die Schweizer Kernkraftwerke, aber aus Sicht meiner alten Echokammer macht das keinen Unterschied.

Meine „Befreiung“ aus der alten Echokammer hat sich schleichend vollzogen: Zunächst habe ich in meinem Informationskonsumverhalten kaum Veränderungen festgestellt: Ich hatte noch immer dieselben Freunde auf Facebook und noch immer dieselben Newsfeed und Themenbereiche auf Twitter abonniert. Zu Beginn habe ich diese einfach ergänzt mit meinen neuen Quellen aus meinen berufsbedingten neuen Interessengebieten.

Doch langsam hat sich der Schwerpunkt verschoben. Einerseits langweilten mich die Posts meiner bisherigen „Freunde“ immer häufiger, weil ich erkannte, dass sie mir immer dieselben Inhalte und Botschaften vermittelten. Andrerseits abonnierte ich immer mehr Infos aus Quellen meiner neuen Welt, welche für mich eine Entdeckung waren, weil sie mir ständig Neues bot, was ich früher vielleicht zufällig mal gesehen, aber nicht als relevant oder höchstens mit einer Haltung „Igitt, wie kann man auch nur so daneben liegen“, wahrgenommen habe.
Dann bin ich dazu übergegangen, „Freunde“, die mich langweilten, zu verbergen oder entsprechende Twitterabos zu kündigen. Ich nahm dabei kaum wahr, dass sich zwar die Fülle der Informationen (und damit mein Wissen), die ich in meiner neuen Welt erhielt, laufend verdichtete, dass ich mich aber immer mehr in meiner neuen Echokammer einschloss, respektive, dass ich das Andere zunehmend ausschloss oder als zurückgeblieben, ewig-gestrig und schlicht uninformiert empfand. Ich ärgerte mich über meine ehemaligen Freunde in der alten Blase: wie konnten sie nur so borniert sein, die eigene Echokammer nicht als solche wahrzunehmen und damit unfähig bleiben, das wahre Wirkliche oder die wirkliche Wahrheit und Richtigkeit zu erkennen.

Ich versuche, Verständnis für meine ehemaligen Kollegen in den Mainstreammedien zu haben. Ich weiss ja, wie es ist, wenn man in einer engen Blase lebt. Ich erlebe auch in meiner neuen Echokammer, wie gross die Gefahr ist, die Informationen, welche in der eigenen Welt als richtig gelten, als die ganze und die einzige Wahrheit zu sehen. Wer die Richtigkeit dieser Position nicht einsieht, gilt entweder als blöd oder als gekauft.
Die Community einer Echokammer hat immer auch etwas sektierisches: wer nicht der Doktrin entspricht, wird nicht mehr geliebt, verliert den Respekt, wird marginalisiert, nicht mehr belohnt – und schliesslich ausgeschlossen.

Jeder hat das Recht, in seiner Echokammer dahin zu vegetieren. Aber meine Exkollegen, die Journalisten, sind nicht einfach Jedermann. Ihre Unfähigkeit wirklich aus ihrer Blase hinaus zu leben und zu denken, halte ich für gesellschaftlich und politisch problematisch. Denn im Unterschied zu den meisten andern Menschen, die in einer Echokammer leben, verfügen sie über das Mittel (die Macht?), die eingeschränkte Sicht ihrer Echokammer täglich via die kommerziellen Mainstreammedien als allgemein gültiges Wissen zu multiplizieren – gar zu verkaufen.
Nicht zuletzt verbinden die Macher in den Mainstreammedien ihre Gewissheit von der Richtigkeit ihrer Wahrheit auch mit einem zentralen Marktargument: Sie glauben zu wissen, ihre Konsumenten seien auch an genau diesen „Informationen“  interessiert. Dass sie mit diesem Glauben richtig liegen, sehen Mainstreamjournalisten jeden Tag in den Publikationen ihrer Konkurrenten, welche in derselben Echokammer leben und deshalb über dieselben Inhalte berichten und mit minimal abweichenden Schattierungen dieselben Positionen vertreten. Dass sie dabei aber laufend immer weniger Konsumenten erreichen, wird zwar lamentierend erkannt, lässt sie aber nicht umdenken. Sie sind überzeugt, sie vertreten ihre Position nur nicht konsequent, laut und boulevardesk genug.

Dank den neuen Technologien zur Verbreitung von Informationen sind wir eigentlich nicht mehr auf die Mainstreammedien angewiesen. Wir können uns mit wenig Aufwand auch Informationen aus andern Echokammern besorgen.

Es sind aber insbesondere die Politiker, die in einer äusserst problematischen Symbiose mit den Journalisten leben und auf die publizierte Meinung aus der beschränkten Echokammer der Mainstreammedien angewiesen sind. Sie sind zwangsmässig Teil dieser Blase. Dies gilt bis zu einem gewissen Grad auch  für ihre Wähler. Sie müssen sich in dieser manipulierten Echokammer informieren, wenn sie wissen wollen, was ihre Vertreter in der Politik tun und was die staatliche Verwaltung mit den politischen Vorgaben tut.

Weil Journalisten und Politiker gar nicht wahrnehmen, dass sie in derselben Echokammer leben, haben sie auch kein Bewusstsein für die Problematik dieser Situation. Sie empfinden kein Bedürfnis, über ihre Echokammer hinaus zu denken. Instinktiv ahnen sie wohl auch, dass das mit einem grossen Risiko verbunden wäre. Nicht nur, dass ihre eigenen Wissenwelten zusammenstürzen würden, auch ihre Kollegen und ihre „Kunden“ (Wähler, Leser, Journalisten) würden es ihnen nicht lohnen.

Ich kämpfe täglich darum, nicht in meiner neuen Echokammer zu versinken. Einen Schutz habe ich: Ich muss immer wieder feststellen, dass meine neue Echokammer verschmutzt ist von Gedankengut, das ich nicht teilen kann. Offenbar tummeln sich hier nicht wenige Leute, die einfach stramm gegen alles sind, was sie als „links“ empfinden. Darunter sind Klimaleugner, Rassisten und Trumpakklameure.
Das zwingt mich, die Gefahr der Enge meiner neuen Echokammer im Bewusstsein zu halten und mich weiterhin nicht einsperren lassen. Ich muss weiter einen kritischen Filter gegenüber allen Informationen behalten und mich auch weiterhin in andern Echokammer genau so kritisch bewegen. Dies ist aber ein grosser Aufwand, zeitlich und intellektuell. Ich werde ihn mir leisten.

PS:

Ich habe heute verschiedene Twitterfeeds, die ich abbestellt hatte, wieder aktiviert.

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