Bangladesh Labor Klimawandel

Bangladesh ist das Labor der Zukunft der Menschheit. Während hierzulande bloss über den Klimawandel geredet wird, kämpft Bangladesh längst gegen dessen reale Folgen. Hinschauen, lernen!

Uns geht es gut. Wir leben im allgemeinen Wohlstand. Man sagt uns zwar, dass dieser Wohlstand einen hohen Preis hat: den globalen Klimawandel – mit verheerenden Folgen: „Der Kollaps unserer Zivilisation steht bevor“.

Aber je schriller die Warnungen, desto gleichgültiger scheinen die Menschen hier bei uns dem Klimawandel gegenüberzustehen. Nicht nur meinem Nachbarn scheint die Problematik nicht besonders dringend, auch die Politik hat’s nicht eilig: das Schweizer Parlament hat eben entschieden, gar nicht auf einen Vorschlag der Regierung für ein CO2-Gesetz einzutreten.
In Frankreich ist schon eine mässige Erhöhung des Benzinpreises Anlass für einen Volksaufstand.

Doch während der Klimawandel hierzulande ein fernes, noch kaum spürbares Problem zu sein scheint, das bloss zur parteipolitischen Profilierung der Grünen Bewegungen (und ihrer Exponenten in der Politik) und zur Produktion von reisserischen Medienschlagzeilen dient, kämpfen insbesondere die Menschen, die bisher nicht vom Wohlstand der modernen Zivilisation profitiert haben, längst mit dessen realen Folgen. Zum Beispiel in Bangladesh :

Das flächenmässig kleine Land im indischen Subkontinent scheint die Inkarnation des Albtraums zu sein, den die Klimawarner uns als global bevorstehend beschreiben: Bangladesh leidet unter Extremwetter, das Meer steigt, die Böden versalzen und die Umwelt verschmutzt, während gleichzeitig die Zahl der Menschen explodiert. Heute leben bereits über 160 Millionen Menschen in Bangladesh auf einer Fläche, die nicht einmal halb so gross wie Italien ist. Rund 40 Prozent der Leute müssen mit umgerechnet weniger als 1 Dollar pro Tag auskommen; ein Drittel der Kinder unter 5 Jahren sind unterernährt.

Bangladesh ist aber nicht bereit, sich seinem Schicksal zu ergeben. Es erhebt den Anspruch, sich zu entwickeln und insbesondere seiner Bevölkerung einen menschenwürdigen Lebenstandard zu ermöglich, der wiederum nicht zuletzt Voraussetzung dafür ist, dass die Zahl der Menschen nicht endlos weiter wächst.

Doch wir wissen: Mit der Entwicklung steigt der ökologische Fussabdruck. Brauchen die Bangladeshi und der globale Süden bald ähnlich viele Resourcen wie wir Westler pro Person, ist der Planet überfordert. Nicht nur die Bangladeshi werden untergehen, sondern wir mit ihnen.

Bangladesh entspricht zwar auch den Bildern, die wir aus unseren Medien kennen: Es kämpft mit Problemen, die wir als für die „Dritte Welt“ typisch erachten: Korruption, Demokratiedefizite, Ungleichheit, Umweltverschmutzung, religiöser Fundamentalismus, etc. Aber Bangladesh ist gleichzeit ganz anders: Es ist modern, selbstbewusst, gebildet und … pragmatisch. Und von einer Frau regiert.

Sheik Hasina, Ministerpräsidentin Bangladesh (Bild: Wiki commons)
Sheik Hasina, Ministerpräsidentin Bangladesh (Bild: Wiki commons)

Bangladesh setzt seine ganze Kraft ein, sich an die bereits real existierenden Folgen des Klimawandels und sich an die veränderten und sich laufend verschlechternden Bedingungen anzupasen.

Und es erhebt für sich den Anspruch, auch ein Vorbild für andere Länder des globalen Südens zu sein, die schon heute oder bald in einer ähnlichen Situation sein werden: Bangladesh ist nicht nur eine Vorreiter für erneuerbarer Energien, es nutzt neu auch die CO2-freie Nuklearenergie und setzt weiterhin auf kostengünstige fossile Energieträger. Es nutzt moderne Technologien (Climate-Smart Agriculture, inkl. GMO) zur Effizienzsteigerung in der Landwirtschaft und macht grosse Bildungsanstrengungen, nicht zuletzt für die Frauen.

Obwohl Bangladesh noch immer zu den Ländern mit dem kleinsten ökologischen Fussabdruck dieser Welt und der geringsten CO2-Emission pro Kopf der Bevölkerung zählt, fühlt es sich verpflichtet, seinen Beitrag zu Reduktion der globalen Umweltbelastung zu leisten. Es macht dazu teils pionierhafte und erfolgreiche Anstrengungen.
Bangladesh ist sich aber auch der Herausforderung bewusst, dass es mit seiner Vorwärtsstrategie nicht gleichzeitig an dem Ast sägen darf, auf dem es sitzt.

Bangladesh ist nicht nur ein Labor für die Zukunft der Dritten Welt, auch wir sollten seine Entwicklung aufmerksam studieren und Lehren für uns zuziehen.

COP 24 Katowice 2018
COP 24 Katowice 2018

Die scheinen wir bitter nötig zu haben, denn wenn die vielen internationalen Konferenzen zum Thema eines gezeigt haben, dann das: Wir Westler sind wir ratlos.
Nicht, dass wir nicht wüssten, was zu tun wäre: mit einer raschen Dekarbonsierung dafür sorgen, dass sich die Welt-Temperatur nicht um mehr als 1,5 Grad erwärmt.
Das Problem ist, dass wir nicht wissen, wie wir uns dazu bringen können, die entsprechenden nötigen Massnahmen tatsächlich zu ergreifen und durchzusetzen. Die gewalttätigen Massenproteste Ende 2018 in Frankreich gegen eine mässige Benzin- und Ölpreiserhöhung dürfte die Politiker europaweit erschreckt haben und nicht gerade zu baldigenen, griffigen Massnahmen ermutigt haben.

Die alten Rezepte, die wir bisher gloablisiert haben, scheinen nicht zu taugen: Selbst stramme rechte Marktbefürworter zweifeln, dass der Neoliberalismus wirklich die Lösung sein wird. Sie wissen, dass Wachstum allein nicht zum Ziel führt, sondern das Problem verstärken wird.

Auch die West-Kreise, deren Programm der Umweltschutz ist, haben wenig taugliche Rezepte:

Die traditionellen Grüne pflegen nach wie vor ein romantisches Bild „Zurück zur Natur“, sie glauben einseitig an erneuerbare Energien, fordern eine Ende des Wachstums und propagieren die Pflicht zum Verzicht.
Dieser Verzicht ist die „Grosszügigkeit“ der Satten. Als ungeheuerlich empfinde ich, diesen Verzicht von denen zu verlangen, die bisher nicht satt wurden, die jetzt „halt notgedrungen“ nicht in den Genuss eines menschenwürdigen Lebens kommen können.

Mit dem Ecomodernismus ist in den vergangenen Jahren eine neue Grüne Bewegung aufgetaucht. Ihre Verfechter glauben an Technologie und Marktwirtschaft. Sie sind überzeugt, Wachstum sei möglich, ohne die Natur weiter zu schädigen.
Sie reden von einem neuen Zeitalter, dem Anthropozän: Der Mensch ist nicht mehr nur einfach Teil der Natur. Er muss sie gestalten, wenn er sie nicht zerstören will.
Die Ecomodernisten propagieren eine Entkoppelung der künftigen Entwicklung der Menschheit von der Natur. Wir dürfen nicht mehr auf Kosten der Natur leben.

Bangladesh scheint der Idee der Ecomodernisten zwar näher als der Ideologie der tradiotinellen Grünen, aber Bangladesh braucht unsere guten Ratschläge nicht. Im Gegenteil, es empfindet einige unserer Vorstellung als „Neo-Imperialismus im grünen Gewand“. Es hat längst eigene Lösungen entwickelt und es dürfte eher angezeigt sein, dass wir versuchen von Bangladesh zu lernen, als ihnen Ratschläge aus unserer Werte – und Bedüfniswelt zu geben.

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