Geschichtenerzähler Relotius: Wieder einstellen.

Der Fall Relotius ist mehr ein Fall Journalismus. Anlass für alle Journalisten (und die Verleger), in den Spiegel zu schauen.

Der Fall Relotius sorgt zurzeit für viel Gesprächs- und Schreibstoff.
Journalistenhasser triumphieren: „Da haben wir es!“ Einige Journalisten sind persönlich verletzt oder gar wütend. Sie fürchten nicht ganz zu Unrecht einen Kollateralschaden: Auch ihr Image wird beschmutzt. Die Gescheiteren unter ihnen sind erschrocken: „Dies sollte für uns alle der Anlass sein, in den Spiegel zu schauen und uns zu fragen #MeToo?“, hat eine Journalistenfreund gestern Abend gesagt.

Den bisher besten Kommentar zum Fall Relotius hat Elsa Koester in „der Freitag“ geschrieben:

Die zentrale Aussage des Kommentars von Elsa Koester ist für mich:

Relotius gab, was im Journalismus derzeit gewollt wird, was erfolgreich ist, und er gab es auch dann, wenn die Realität diese Story nicht mehr hergab.

Elsa Koester, der Freitag

„… was im Journalismus derzeit gewollt wird …“ von den Chefredaktoren, den Blattmachern und Produzenten und von den Konsumenten.
Das Streben des Journalisten**, sein Anspruch an sich selbst, ist es, den Erwartungen seiner Chefs zu entsprechen, den Kollegen zu imponieren und die Vorurteile seiner Leser zu bedienen . Das festigt seinen Status und garantiert weitere, attraktive Aufträge.

So gut ich den Kommentar finde, auch Elsa Koester trifft den Punkt nicht: Auch sie ist eine Gläubige des Mythos, mit dem die Journalisten (und die Verleger) sich selbst und ihre Arbeit überhöhen: Die „unabhängigen“ Medien als 4. Gewalt, Pfeiler der Demokratie. Die Journalisten als Aufklärer und Ankläger aller Ungerechtigkeiten.

Tatsächlich brauchen wir die „unabhängigen“ Medien und ihre Journalisten längst nicht mehr, wenn wir uns informieren wollen; auch nicht als Gatekeeper. Wir verfügen über dieselben Quellen wie sie und sind längst fähig, Informationen selbst einzuordnen. Wir wissen eine Medienmitteilung von Bayer/Monsanto zur Glyphosat-Thematik genauso einzuordnen, wie diejenige von Greenpeace.

Es wäre an der Zeit, dass die Journalisten akzeptieren, was sie sind: Die Produzenten eines möglichst guten Produkts, das ihr Arbeitgeber am Markt der Information feilbietet. Sie müssen akzeptieren, dass die Medien – wie es das Haus Ringier seit Jahren vorlebt – Teil der Unterhaltungsbranche sind; nicht anders als zum Beispiel die Filmindustrie.

Der Film und die grossen Filmemacher könnten den Journalisten als Trost und Vorbild dienen:
Auch wenn der Film eindeutig der Unterhaltungsbranche zugeordnet wird, kann er sehr wohl eine grosse Wirkung erzielen; bei Bedarf selbst politisch. Auch wenn ein Film ein fiktionales Produkt ist, kann er trotzdem „Sagen, was ist“ und vielleicht gar eine höhere Wahrheit vermitteln.
Ich glaube es war Costa Gavras der sinngemäss gesagt hat, dass nur die Fiktion es schaffen können, der Wahrheit nahe zu kommen.“ Und Ulrich Greiner hat seinerzeit in der „Zeit“ in seiner Rezension zu Costa Gavras Film „Missing“ geschrieben:

Wir glauben einem Film, wenn seine Fiktion glaubhaft ist, und nicht, weil seine Fakten glaubhaft sind.

Ulrich Greiner in „Die Zeit“, 1982

Für mich wäre der Journalismus viel glaubwürdiger, wenn er von seinem hohen Ross herabsteigen würde. Dann wäre ich ein guter Kunde für Stories, wie sie Claas Relotius so meisterhaft zu schreiben versteht. Deshalb bin ich auch der Meinung, der „Spiegel“ sollte den Geschichtenerzähler Relotius so schnell wie möglich wieder einstellen und auf Reportage schicken.

**Anmerkung: Journalisten sind für mich im Übrigen diejenigen Privilegierten in einer Redaktion, die noch „Stories“ machen dürfen, recherchieren und rausgehen; im Gegensatz zu den Contentmanagern, deren Job es ist, mittels dem Copy-Paste-Verfahren die Newsspalten mit dem von den verschiedensten Quellen angebotenen „Informationen“ zu füllen.

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