Das Gehirn: Organ der Freiheit … Eine Verpflichtung.

Bild: WDR

Wir Menschen sind gar nicht fähig, selbständig zu entscheiden, frei zu denken. Gefühle, Denkprozesse und daraus folgende Entscheidungen sind simple Folge von mechanisch-chemischen Vorgängen im Gehirn. Unser „freier Wille“ ist demnach eine Illusion, die uns unser Gehirn nur vorgaukelt. In Wahrheit sind wir eine Art Roboter, die von der Natur so programmiert worden sind, dass wir es gar nicht bemerken. Unser „Geist“ sei nichts anders als „Materie“.
Diese sogenannt reduktionistisch-naturalistischen Positionen des Determinismus standen in den letzten Jahren im Zentrum der wissenschaftlichen „Erkenntnis“ nicht nur der Hirnforschung.

Diese wissenschaftliche „Tatsache“ war doch ziemlich deprimierend und es fiel uns schwer zu akzeptieren, dass wir in Wahrheit nicht wirklich kultiviert-rationale und eben freie Entscheide fällen können, sondern dass wir sozusagen nur „Opfer“ von mechanisch-chemischen Prozessen in unserem Gehirn seien. Gleichzeitig hat uns das aber auch irgendwie von der Verantwortung für unser Denken und Handeln befreit. Der sogenannte „neurowissenschaftliche Determinismus“ führt automatisch auch zum Fatalismus. Wir können die Hände in den Schoss legen, wir haben so keinen Einfluss auf das, was mit uns geschieht. Wir sind nicht wirklich verantwortlich für unsere Handlungen. Ein Straftäter wäre damit immer „unschuldig“.

Der Determinismus ist populär, aber nicht nur Philosphen wehren sich vehement gegen die Absolutheit der Hirnforscher. Immer wieder wallt die Diskussion in den Feuilletons der Medien auf. Jetzt grad wieder in Deutschland, zum Beispiel in der neusten „Zeit“ („Freiheit und Fatalismus“) oder in der FAZ. faz.net bespricht das neue Buch des deutschen Psychiaters und Philosophen Thomas Fuchs (Bild links) „Das Gehirn – ein Beziehungsorgan“. Darin kritisiert der aus München stammende Heidelberger Professor die vorherrschende wissenschaftliche
Doktrin der Gehirnforschung: „Einem Teil des Organismus, dem Gehirn, werden psychologische und personale Tätigkeiten zugeschrieben, die nur dem Menschen als ganzem zukommen.“

Fuchs argumentiert ganzheitliche, auch philosophisch: Das Gehirn vermöge weder Entscheidungen zu treffen noch Handlungen vorzunehmen, denn Begriffe wie Überlegen, Fühlen, Wollen und Entscheiden seien auf die Ebene physiologischer Beschreibungen von vornherein nicht anwendbar. „Nicht Neuronenverbände, nicht Gehirne, sondern nur Personen fühlen, denken, nehmen wahr und handeln.“
Das Gehirn sei losgelöst vom übrigen Körper zunächst einmal bloss totes Organ. Lebendig werde es erst als Organ einer lebendigen Person, „in Verbindung mit unseren Muskeln, Eingeweiden, Nerven und Sinnen, mit unserer Haut, unserer Umwelt und mit anderen Menschen“. Für Professor Fuchs ist das Gehirn ein „Mediator, der uns den Zugang zur Welt ermöglicht, der Transformator, der Wahrnehmungen und Bewegungen miteinander verknüpft.“

Wirklich spannend ist Fuchs‘ Definition des Gehirns als „Organ des Geistes“ mit weitreichenden Folgen für unsere Verantwortlichkeit für unsere Handlungen und: unserer Verpflichtung, das Gehirn in verantwortlicher Weise zu trainieren. Das Gehirn sei nicht ein Käfig, in dem wir Gefangen seien, sondern ein „Organ der Möglichkeiten“. „Nicht der Geist muss tun, was die Neuronen ihm vorschreiben, sondern die Neuronen ermöglichen alles, was sich im Geist entfaltet.“
Für Professor Fuchs ist das Gehirn ein sozial, kulturell und geschichtlich geprägtes Organ. Ein „Organ der Freiheit“. „Denn gerade das Gehirn ist das Organ, dessen zunehmende Komplexität im Verlauf der Evolution den starren Reiz-Reaktions-Mechanismus gelockert und so den Organismen bis hin zum Menschen immer mehr Freiheitsgrade ermöglicht hat.“

Und da kommt der entscheidende Punkt: Wir können die Verantwortung für unser Tun nicht auf das Spiel der Neuronen in unseren Hirnen abwälzen. Wir Menschen, jeder Einzelne, haben die Möglichkeit, „die Fähigkeiten des Denkens, Bewertens, Entscheidens zu erlernen“ und dabei die „neuronalen Muster zu bilden, die uns dann zu freiem Handeln befähigen“.

Damit aber geht die Verpflichtung einher, sehr vorsichtig damit umzugehen, wie wir unser Gehirn trainieren, mit welchen Informationen wir unser Gehirn füttern und konditionieren.

Drastischer ausgedrückt: Wir machen uns auch irgendwie schuldig, wenn wir unsere Gehirne – und noch viel mehr die Gehirne unserer Kinder – mit Bullshit, mit Pseudoinformationen zumüllen und damit verhindern, dass die Gehirne zu freiem Handeln befähigt werden.

Fuchs Theorie deckt sich übrigens weitgehend mit der rein philosophischen Argumentation des Schweizer Philosophen (und Gehirnforschers – und als Schriftsteller unter dem Pseudonym Pascal Mercier u.a. „Nachtzug nach Lissabon“) Professor Peter Bieri, welche er in seinem Buch „Das Handwerk der Freiheit. Ãœber die Entdeckung des freien Willens“ entwickelt. Nicht immer leicht zu lesen, aber sehr bereichernd.

Ein spannendes Gespräch mit dem Tübinger Philosophen Manfred Frank findet sich in der aktuellen Zeit, nachzulesen auch auf Zeit.de online hier.

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