Tariq Ramadan. Islamischer Vordenker aus der Schweiz.

Ich kann mich nur immer wieder wundern, über was die Schweizer Medien NICHT berichten. Oder – wie wenigstens vereinzelt – nur ganz knapp am Rande:

Die Erasmus-Universität Rotterdam hat diese Woche Professor Tariq Ramadan entlassen. Und auch die Stadt Rotterdam verzichtet künftig auf die Dienste des islamischen Intellektuellen als „Berater für Integrationsfragen“.

Die Begründung: Tariq Ramadan hat eigene Gesprächsendung „Islam and Life“ bei PressTV, einem vom iranischen Staat kontrollierten Fernsehsender.

Was diese Meldung für Schweizer Medien eigentlich interessant machen müsste: Tariq Ramadan ist Schweizer, Genfer. In Genf ist er 1962 geboren. Hier hat er alle Schulen besucht, hier hat er Philosophie (mit Schwerpunkt Nietzsche), Literatur und Sozialwissenschaften studiert. Ramadan hat nicht nur einen Schweizer Pass, er ist auch mit einer Schweizerin verheiratet. Er hat zur Zeit Professuren an den Universitäten Genf, Freiburg, Al Azhar und Oxford inne. Und bis diese Woche eben auch in Rotterdam.
Eine Professur an der katholischen Universität von Notre Dame in Indiana (USA) für „Religion, Konflikt- und Friedensforschung“ hat er nicht angetreten, weil ihm die amerikanischen Behörden nach 9/11 das Visum für die Einreise nach Amerika verweigerten.
Tariq Ramadan spricht Französisch, Englisch, Italienisch, Finnisch und Spanisch. Sein Buch „Islam, der Westen und die Herausforderungen der Moderne“ wurde u.a. auch ins Türkische übersetzt.

Ramadan ist einer der führenden Intellektuellen des modernen, europäischen Islam. Das Time Magazine nennt ihn einen „islamischen Superstar“ und zählt ihn zu den 100 wichtigsten Persönlichkeiten der Welt. Insbesondere unter den Jugendlichen in der islamischen Diaspora geniesst einen Ruf fast wie ein Popstar. Er konzentriert sich auf die Zukunft des Islam in Europa und hat über 20 Bücher geschrieben. Eine seiner ständigen Botschaften: Muslime müssen als Minderheit in Europa die staatlichen Verordnungen des jeweiligen Landes akzeptieren. Er lehnt jegliche Art von Terroranschlägen ab. Aktuell und speziell interessant das Interview mit Qantara.de hier.

Trotzdem schlägt Tariq Ramadan immer wieder grosses Misstrauen entgegen. „Die Zeit“ titelte ihr Ramadanporträt 2004 „Doppelagent“, andere nennen ihn „Wolf im Schafspelz„. Immer wieder wird er verdächtigt, zwar öffentlich einen aufgeklärten Islam zu predigen, heimlich aber ein Instrument der Fundamentalisten zu sein. Nicht zuletzt gründet der Verdacht in seiner eigenen, privaten Geschichte: Sein Grossvater ist Hassan al-Banna, der Gründer der wohl einflussreichsten, radikalen islamischen Bewegungen, der Muslim-Bruderschaft. Sein Vater Said war ebenfalls ein einflussreicher Kopf der Muslimbruderschaft. Er musste 1954 aus Aegypten in die Schweiz fliegen. Tariqs Bruder Hani leitet das „Centre islamique à Genève“, welches als eines der Zentren der Muslimbruderschaft in Europa gilt. Hani wurde 2002 in Genf als Primarlehrer entlassen, nachdem er in einem Artikel der „Le Monde“ die Steinigung von Ehebrecherinnen verteidigt hatte.
Tariq Ramadan ist ständiger Gast in den französischen Fernsehsendern, seltener auch im TSR, dem Schweizer Fernsehen der französischen Schweiz, aber kaum in den Deutschschweizer Medien. Offenbar tut man sich einfach schwer, ihn wirklich einzuordnen, auch wenn seine Aussagen wohl auch vielen aufgeklärten Intellektuellen in der Schweiz gefallen.

Jetzt hat ihn die Erasmus-Universität also rausgeschmissen. Weil er eine Gesprächsendung im iranischen Fernsehen PressTV moderiert. Auf seiner persönlichen Homepage wehrt sich Tariq Ramadan gegen die damit verbunden Unterstellungen. Er vermutet den Hintergrund in der holländischen Lokalpolitik, wo das Thema Islam und muslimische Einwanderer seit Jahren und auch im aktuellen Wahlkampf aktuellen Wahlkampf zu einer zentralen Politthema geworden ist.

Wenn man sich die Sendungen auf PressTV ansieht, reibt sich schon die Augen, allerdings ganz anders als man das nach der heftigen Reaktion aus Holland vermuten könnte, weil dort besonders verwerfliches, muslimisches Gedankegut verbreitet würde, sondern im Gegenteil, dass eine so differenzierte Auseinandersetzung über so hochsensible Themen wie zum Beispiel die Rolle der Frau in der islamischen Gesellschaft, so offen in einem vom iranischen Mullah-Staat kontrollierten Sender möglich ist. Hier die Sendung vom 13. August (Doppelklicken auf den Bildschirm):

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