Rohstoffe: Glencore, der Strippenzieher aus der Schweiz

Der britisch-schweizerische Rohstoffmulti Xstrata mit Sitz in Zug greift nach dem südafrikanischen Bergbau-Giganten Anglo American, der u.a. auch den Diamanten-Monopolisten De Beers kontrolliert (siehe Contextlinkbeitrag grad unterhalb).
Noch ist nicht sicher, ob ein wichtiger Teil der südafrikanischen Wirtschaft bald von der Bahnhofstrasse 2 in Zug von der Schweiz aus gesteuert wird. Sicher scheint aber, dass eine andere Schweizer Grossfirma im Rohstoffbusiness, die Glencore International, umsatzstärkstes Unternehmen der Schweiz (noch vor Nestlé und Novartis) und grösster Rohstoffhändler der Welt, von dem Deal profitieren wird. (Ein Porträt der Glencore von SF findet sich am Ende dieses Beitrags).
Internationale Spezialisten sind sich auf jeden Fall einig, dass Glencore, der eigentliche Strippenzieher hinter der aggressiven Politik der Xstrata ist.

John Foley von „BreakingViews“ schreibt in World Finance unter dem Titel „Core of the matter“: „Xstrata boss Mick Davis mag der König der gewagten Uebernahmen im Minen-Business sein. Aber Glencore ist der Königsmacher.“

Tatsächlich ist die Xstrata de facto eine Tochter von Glencore – auch wenn sie auf das Schweizer Traditionsunternehmen Südelektra (gegründet 1926) zurückgeht. Der Zuger (genau Baar ZG) Rohstoffhandelskonzern hält knapp 35% der Aktien des Bergbauunternehmens und die Verwaltungsräte beider Unternehmen werden von dem deutschen Willi R. Strothotte (im Bild links) kontrolliert.

Die Handelszeitung, von der ich den Titel „Strippenzieher aus der Schweiz“ abgekupfert habe, schreibt, Glencore spiele im Hintergrund „die Schlüsselrolle“ in diesem Deal und „könnte als Großaktionär von Xstrata seinen ohnehin enormen Einfluss auf die globalen Rohstoffmärkte weiter ausbauen.“ Ohne die Zustimmung und „ohne die tiefen Taschen“ seines mit 35 Prozent größten Aktionärs, könnte Xstrata-Boss Mick Davis keine Fusion mit Anglo betreiben.

BoerseGo.de titelt gar „Xstrata, Anglo American & der lachende Dritte“. Der Dritte ist natürlich Glencore. „Obwohl offiziell Kostenersparnisse durch Synergien als Argument für einen Zusammenschluss (Xstrata/Anglo; d.V.) angeführt werden, geht es in Wahrheit wohl vor allem um Macht und Zugriff auf Lagerstätten.“ Und: „Ein Zusammenschluss von AngloAmerican und Xstrata würde die Position von Glencore als führendes Rohstoffhandelsunternehmen der Erde klar verstärken.“
Glencor verdient sein Geld mit der Vermarktung der Rohstoffe, die seine Partner weltweit aus dem Boden holen. Mit einer Kontrolle der AngloAmerican würde Glencore wohl auch die Verkaufsrechte der Anglo-Rohstoffe (von Kohle über Diamanten und Gold bis Zink und Kupfer) übernehmen. Damit würde Glencore nicht nur noch mehr Geld verdienen, sondern auch seinen Einfluss auf den Rohstoffmarkt ausbauen. „Die damit verbundene Marktmacht“, schreibt boerseGo.de, „kann es dem Konzern ermöglichen, die Preise wenn nicht zu steuern, so doch erheblich zu beeinflussen. Dabei wird es zunehmend wichtiger, tatsächlich Zugriff auf das physische Angebot zu haben. Durch die gegenwärtige Regulierungsdebatte auf dem Finanzmarkt und die Neuordnung der US-Börsenaufsicht werden Geschäfte nur auf dem Papier zukünftig erschwert werden. Das ist schlecht für die Konkurrenz, aber zweitrangig für Glencore. Schließlich handelt man kein Papier, sondern kontrolliert tatsächlich die Warenflüsse.“

Mit dem Anglo-Deal könnte die Glencore gleichzeitig aber noch ein anderes Ziel verfolgen: eine raschere Behebung seiner (angeblichen) Liquiditätsengpässe und die Befriedigung seiner eigenen Cashbedürfnisse. Auch Glencore leidet unter der aktuellen Wirtschaftskrise und den sehr tiefen Rohstoffpreisen. John Foley von „BreakingViews“ bringt deshalb auch eine Variante ins Spiel, Glencore könnte sich schliesslich direkt am Anglo Deal beteiligen und Aktien kaufen. „So günstig wie jetzt“, schreibt boerseGo.de, „lassen sich Bergbaukonzerne wohl auf absehbare Zeit nicht mehr übernehmen. Neben Bargeld sind auch Aktien eine gute Akquisewährung.“ (siehe auch „Glencore auf Schnäppchenjagd“ und „Die Elefanten des Bergbaus sind die Banken von morgen„).
Mit neuen Anglo American-Aktien zusätzlich zu ihren Xstrata-Anteilen wäre Glencore in einer exzellenten Position, wenn sich ein anderes Gerücht in der Rohstoffwelt bewahrheiten sollte: Die Nummer 2 der Branche, die Vale (früher Companhia Vale do Rio Doce (CVRD)) aus Brasilien beteiligt sich wieder aktiv am aktuellen Konzentrationsprozess im Bergbau-Business.

Warum sollen nicht Teile der Xstrata und der Anglo neu zusammengefügt an die Brasilianer verkauft werden oder gar die ganze neue Xstrata/Anglo American?
Vor etwas mehr als einem Jahr wollte die Vale die Xstrata schon einmal übernehmen, „unfriendly“. Nur ein nicht ganz koscheres Manöver der Glencore, hat die Uebernahme verhindert. Dem Vernehmen nach ist der Deal damals aber nicht zuletzt daran gescheitert, dass die Vale der Glencore nicht sämtliche Vermarktungsrechte der von Xstrata geförderten Rohstoffe garantieren wollte.
Gegenüber damals ist Glencore heute in einer noch stärkeren Position: Vale muss einkaufen, wenn sie gegenüber der Nummer 1 im Rohstoffmarkt, der BHP Billiton, die kräftig weiter acquiriert, nicht weiter an Boden und Einfluss verlieren will. Glencore aber würde einem Ganz- oder Teilverkauf von Xstrata/Anglo American an die Brasilianer wohl nur zustimmen, wenn es seine alte Forderung erfüllt erhält, wie boerseGo.de schreibt: „Weiterreichende Zugeständnisse von Vale bei der Vermarktung der Rohstoffe durch Glencore.“

Glencore könnte als mit seinem Poker um AngloAmerican via seine Tochter Xstrata „zwei Fliegen auf einen Schlag“ treffen: Mit dem Erlös aus dem Aktienverkauf an Vale würden grosse flüssige Mittel in die Kasse fliessen und gleichzeitig wären zusätzliche, milliardenwerte Verkaufsrechte gesichert.

Und hier nocheinmal das Glencore-Porträt des Wirtschaftsmagazins „Eco“ des Schweizer Fernsehens:

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