Über die Chancen des Klimawandels reden.

Das erste Ziel in der „Strategie des Bundesrates zur Anpassung an den Klimawandel in der Schweiz“ ist die Nutzung der Chancen:

Die Schweiz nutzt die Chancen, die sich aufgrund des Klimawandels ergeben.

Strategie des Bundesrates zur Anpassung an den Klimawandel in der Schweiz

Doch in der Schweiz redet man nur über die Risiken.
Die nennt der Bundesrat zwar auch, ..

Sie (die Schweiz; ndlr) minimiert die Risiken des Klimawandels, schützt Bevölkerung, Sachwerte und natürliche Lebensgrundlagen

Strategie des Bundesrates zur Anpassung an den Klimawandel in der Schweiz

…aber bei seiner Strategie geht es dem Bundesrat nicht zuletzt um ein Thema, über das man scheinbar auch nicht reden will: die Anpassung an den Klimawandel.

und steigert die Anpassungsfähigkeit von Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt.

Strategie des Bundesrates zur Anpassung an den Klimawandel in der Schweiz

Ich habe ein gewisses Verständnis dafür, dass man in der Schweiz wenig von der Anpassung und schon gar nicht von den Chancen des Klimawandels spricht, denn:
Wenn der Fokus mehr auf den Chancen als den Risiken liegt, besteht die Gefahr, dass die Leute weniger alarmiert und dadurch weniger bereit sind, persönliche Beiträge zur Verkleinerung des Risikos zu leisten.
Wohl deshalb bemüht sich die offizielle Kommunikation des Bundesrates denn auch zu betonen, dass „die Risiken die Chancen bei Weitem überwiegen“.

Die Medien multiplizieren die täglich neu auftauchenden (meist wahren) Hiobsbotschaften. Und die Organisationen, die von dem Thema leben (spezialisierte Wissenschaft, NGO und die ihnen nahestehenden Parteien) bewirtschaften diese tatsächlich alarmierenden Informationen nach Kräften.
So ist es nur zu verständlich, dass die Botschaften, die bei den jungen Leuten zum Klimawandel ankommen, immer nur negativ sind, und dass sie deshalb wütend auf das Establishment sind : „Tut endlich was – es geht um unsere Zukunft.“

Dass grüne und linke Kreise nicht über die Chancen reden, ist logisch. Sie sind allerdings diejenigen, die die Chance erkannt haben. Sie nutzen das Thema, um sich als Opposition zu inszenieren, obwohl sie längst in zentralen Schlüsselpositionen sitzen: Sie werden dank dem Thema Klimawandel die Wahlen zum nationalen Parlament gewinnen.

Was mich aber wirklich wundert, ist die offensichtliche Ratlosigkeit der Wirtschaft und ihrer Vertreter in der Politik. Sie haben sich nicht nur den Klimawandel als zentrales Thema für die laufenden kantonalen und die anstehenden nationalen Wahlkämpfe aufs Auge drücken lassen, sie haben ausser ständigen Neins zu immer noch populistischeren Vorstössen der Linken („Klimanotstand“) nichts zu bieten.

Ich verstehe nicht, warum die bürgerlichen Parteien nicht zunächst das Rezept der Linken/Grünen zur „Lösung“ des Problems als skandalös demaskieren:
Verzicht.
Verzicht ist die arrogante Strategie derer, die schon hatten.
Er ist im Übrigen die alte Forderung der Linken in neuem Kleid: die Forderung nach dem „Ende des Wachstums“. Neu soll es sogar Negativ-Wachstum sein: „De-Growth“.

Die Forderung des Verzichts auf Wachstum (und damit Entwicklung) ist nicht nur eine Affront gegenüber Milliarden Menschen, die endlich auch teilhaben wollen am Wohlstand dieser Welt – wie wir ihn seit mehreren Generationen (auf Kosten der Umwelt) geniessen.
Diese Forderung ist auch eine eigentlich unmögliche Botschaft für die jungen Menschen bei uns: „Tut uns leid. Ihr habt das Pech der späten Geburt. Wir waren halt die privilegierte Generation. Ihr aber müsst jetzt verzichten: weniger fliegen, weniger Fleisch essen, weniger …, weniger ….“

„Massnahmen gegen den Klimawandel, subito„, aber „Verzicht, nein danke!“ – diese Haltung vieler jungen Klimaaktivisten, welche der „Blick“ nach seiner Umfrage unter den Demonstrierenden höhnisch diagnostiziert, ist nur logisch und im Übrigen sogar objektiv richtig: Der Verzicht eines jungen Schweizers/einer jungen Schweizerin im Sinne eines persönlichen Engagements ist zwar ehrenwert und moralisch richtig, bringt aber de facto (praktisch) nichts:
Der „Beitrag“ der Schweiz zum globalen CO2-Ausstoss ist 1 Promill und er sinkt wegen den weiter steigenden „Beiträgen“ der Länder und Menschen, die noch immer in einem Aufholprozess sind, laufend weiter. Würde es uns gelingen – unter schmerzhaftem Verzicht – unseren CO2-Ausstoss zu halbieren, wäre das die Halbierung von nichts.

Ich verstehe nicht, warum der Bundesrat, die zuständigen Ämter und die (nicht links-grüne) Politik den jungen Leuten, die sich jetzt dank der Klimathematik so erfreulich politisieren, nicht eine positive Perspektive vermitteln – eben im Sinne der bundesrätlichen Strategie zur Anpassung an den Klimawandel.
Die Botschaft könnte etwa so lauten: „Der Klimawandel ist unausweichlich, selbst wenn wir alles tun, was wir zu seiner Minderung beitragen können. Aber er bietet auch grosse Chancen. Wenn wir diese nutzen, wenn IHR diese nutzt, ist eure Zukunft rosig. Es wird euch besser gehen als euren Eltern.“

Ich verstehe nicht, warum Politik und Wirtschaft die „Chance Klimawandel“ nicht nutzen.
Schon die nötigen Anpassungsmassnahmen an das sich verändernde Klima in der Schweiz bieten eine Vielzahl von Businessmöglichkeiten – auch wenn die Auswirkungen des Klimawandels auf die Schweiz in den nächsten Jahren viel weniger schlimm sind, als allgemein befürchtet. (Vielfältige Studien des Bundes und der Kantone belegen dies.)

Eine wachsende Zahl von Firmen in der Schweiz nutzen diese Chance bereits: Nicht nur die Firmen, die sich bisher am inzwischen wieder kleiner werdenden Solargeschäft beteilgt haben, sondern auch all die KMU in der Baubranche, welche von den umfangreichen Massnahmen (und Subventionen) des Gebäudeprogramms profitieren.

Das grosse Potential der Schweiz und ihrer Wirtschaft, vom Klimawandel zu profitieren, liegt aber im Ausland – auch das hat der Bundesrat schon längst richtig erkannt:

In der globalisierten Wirtschaft führen klimabedingte Auswirkungen im
Ausland zu Risiken und Chancen für die Schweiz.
Extremereignisse können die Produktion wichtiger Handelsgüter stören, Importe und Exporte beeinträchtigen und in besonders exponierten Regionen zu politischer Instabilität führen.
Andererseits bieten sich Chancen für die Schweiz als Dienstleisterin bei der Klimaanpassung.

„Klimabedingte Chancen und Risiken“. Bundesamt fur Umwelt 2017 S. 16

Es gibt eine neue Generation von Schweizer Forschern und Unternehmern, die sich am internationalen Geschäft des Klimawandels beteiligen will; die neue Schweizer Vorzeigefirma dafür ist Climeworks. Sie hat es schon bis in die „New York Times“ geschafft.

Das Start-Up im zürcherischen Hinwil arbeitet in einem Bereich, der eine unangenehme Wahrheit – nicht zuletzt auch an die Jungen – verdeutlicht: Einfach die fossilen Energiequellen durch Erneuerbare zu ersetzen – wenn das denn überhaupt möglich sein sollte – genügt nicht. Einfach weniger Fleisch essen oder weniger fliegen, genügt nicht. Wenn wir den Klimawandel wirklich stoppen wollen, müssen wir nicht nur unseren CO2-Ausstoss reduzieren, sondern sofort aktiv CO2 aus der Luft/der Atmosphäre entfernen.

Ich verstehe nicht, warum die Wirtschaft und „ihre“ Parteien nicht mit all ihrer Macht diese Schiene der „Chance Klimawandel“ fahren und den Lead in der Klimathematik übernehmen – mit ihrer Uraltbotschaft „Wachstum“:

Gemäss einer Studie der „Global Commission on the Economy and Climate“ ist der Klimawandel global ein 26 Billionen Dollar Geschäft. Wenn wir in den nächsten 2-3 Jahren die richtigen Entscheidungen treffen, heisst es in dem 2018 Report, könnten bis 2030 global 65 Millionen neue kohlenstoffarme Arbeitsplätze geschaffen werden und über 700.000 frühzeitige Todesfälle durch Luftverschmutzung vermieden werden.
Der Report sieht den „Klimawandel als Wachstumsmotor des 21. Jahrhunderts.“

„Mag sein“, sagt mein Kollege Manfred, „das grosse Geschäft werden aber wie schon heute bei der Solarindustrie die Chinesen machen“. Mag sein, sage ich, aber dabei kann für die Schweiz noch genügend Business anfallen, dass den Wohlstand der kommenden Generation gewährleistet.
Die Schweiz ist perfekt aufgestellt als globaler Dienstleister: wir verfügen über Weltklasse-Grossunternehmen und über eine Vielzahl hochspezialisierter, innovativer KMU, welche schon heute international (bis nach China) erfolgreich sind.
Wie wäre es, wenn die Schweiz ihre ganze Energie und sehr viel Geld in eine Bildungs-/Ausbildungs-/Forschungs- und Wirtschaftförderungspolitik investieren würde, die uns als weltweit führender Standort für Innovationen, Dienstleistungen und Produkte im Bereich Klimawandel positionieren würden?

Das wären eine Perspektive für die Jungen.

PS:
Ein Land, das den Klimawandel zum Businessmodel gemacht hat, ist Bangladesh: Bangladesh gilt als eines der Länder, die „vom Klimawandel am meisten betroffen“ sind. Aber es nutzt die Herausforderungen des Klimawandels als Chance für seine Entwicklung: Milliarden an internationalen Hilfsgeldern fliessen ins Land, Bangladesh selbst investiert fast alles in Klimaanpassungsprojekte. Nicht nur sein Bruttoszialprodukt wächst beeindruckend: seine Bevölkerung entwächst der Armut.
Nur ein Indikator der bewundernswerten Entwicklung Bangladeshs: Die Geburtenrate ist in den vergangenen Jahren auf unter 2 Kinder pro Mutter gesunken.
Saleemul Haq, der international berühmteste Klimaaktivist, der eben zu einem der 100 einflussreichsten Klimapersönlichkeiten der Welt ernannt wurde, sagt im Interview für meinen neuen Dokfilm über Bangladesh: „In 20 Jahren wird es uns viel besser gehen als heute.“

Wenn es uns gelingen könnte, diese Mentalität auf die Schweiz, auf die jungen Menschen in der Schweiz zu übertragen, wäre viel gewonnen: Dieser Optimismus und die daraus hervorgehende Energie, die man in Bangladesh überall erlebt, steht in einem anklagenden Kontrast zur endlosen Beschwörung der drohende Apokalypse und der büssenden Verzichtshaltung, welche in der Schweiz gepredigt wird.

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