Ein individuelles, marktfähiges Recht auf Umwelt-Verschmutzung?

Grafik: megaphonemagazine.com
Knapp 10 Prozent der Weltbevölkerung verursachen 50 Prozent der CO2-Emissionen, schätzen die Autoren einer neuen Studie der Princeton-Universität zur Klimaproblematik. Hinter diese eigentlich wenig überraschenden Resultat steht ein neuer, hoffentlich wegweisender Ansatz: Die individuelle Messung der Umweltverschmutzung und daraus folgend, die individuelle Verantwortung zu deren Reduktion: „Die Reichen sollen sparen“ könnte der Slogan heissen, den die Princeton-Universität als Fazit ihrer Studie zu den CO2-Emissionen ausgibt. „Sharing global CO2 emission reduction among one billion high emitters“ heisst der Titel der Studie etwas wisenschaftlicher.

Ungenügende CO2-Messgrösse „pro Kopf und Land“
Das wichtigste Mass der Klimapolitik war bisher die Kohlendioxid(CO2-)-Verschmutzung pro Kopf der Bevölkerung je Land. Das hat zwar deutlich gemacht, dass die wohlhabenden westlichen Nationen die „Hauptschuldigen“ an der zunehmenden Katastrophe sind: Der CO2-Ausstoss berechnet auf die gesamte Weltbevölkerung beträgt zur Zeit pro Kopf 5 Tonnen pro Jahr. Ein Europäer verschmutzt die Umwelt mit rund 10 Tonnen, ein Amerikaner grad nocheinmal doppelt so viel. (Alle Daten rund um die Klimakonvention gibt es hier).
Ganz im Sinne des Verursacherprinzips haben die Mächtigen der Welt beim Umweltgipfel in Kyoto 1997 beschlossen, die Staaten der Dritten Welt und sogenannte Schwellenländer wie Brasilien, China oder Indien, welche pro Kopf deutlich niedrigere CO2-Emissionen verursachten, von den Klimazielen auszunehmen, respektive von ihnen keine Einschränkungsmassnahmen zu verlangen.
Immer mehr zeigt sich, dass dieses Prinzip der „gemeinsamen, aber unterschiedlichen Verantwortlichkeiten“ so nicht mehr haltbar ist. Zwar kann man diesen Ländern nach wie vor nicht verbieten, sich weiter zu entwickeln – was heute gleichbedeutend mit mehr Umweltverschmutzung ist -, aber angesichts der Tatsache, dass diese Staaten inzwischen für gut die Hälfte der CO2-Verschmutzung verantwortlich sind und deren Anteil rasch und überdurchschnittlich wächst, muss eine neue Lösung gefunden werden.
Im Dezember findet in Kopenhagen der nächste, grosse Welt-Klimagipfel statt. Bisher ist keine Lösung in Sicht.

10% „Reiche“ verantworten 50% der CO2-Emissionen
Immer deutlicher wird aber, dass das Instrument der pro Kopf-Berechnungen allein nicht weiterführt und vor allem ungerecht ist. Der pro Kopf-Massstab kaschiert („maskiert“ nennen es die Princeton-Forscher), dass es eine relativ kleine Gruppe von Menschen ist, die für einen Grossteil der Emissionen verantwortlich ist. Die Princeton-Forscher schätzen, dass rund 10 Prozent der Weltbevölkerung die Hälfte der Luftverschmutzung verursachen: Die Wohlhabenden, die Reichen.
Sie sind Vielflieger, fahren Autos mit überdurchschnittlichem Treibstoffverbrauch, sie wohnen in riesigen Häusern die entweder aufwändig gekühlt oder geheizt werden müssen, sie konsumieren Waren, die mit hohem Energieaufwand produziert worden sind und über tausende von Kilometern transportiert worden sind, usw..
Solche Menschen gibt es aber nicht nur in Amerika oder in Europa, sondern auch in Indien, Brasilien oder in China. Auch der Durchschnittsschweizer gehört zu diesen „Hauptsündern“.

Hier zeigt sich die zweite Ungerechtigkeit des Pro-Kopf-Ansatzes: Auch in der Schweiz gibt es Menschen, die für weniger CO2 verantwortlich sind als der Durchschnitt. Weil auch in der Schweiz Einige extrem hohe CO2-Verschmutzungen verursachen, liegt sogar ein Grossteil der Schweizerinnen und Schweizer unter dem Durchschnitt. Dieser Anteil liegt aber immer noch weit über dem, was ein durchschnittlicher Afrikaner oder Asiat verschmutzt. Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass es auch in jedem Dritte-Welt-Land Grossverschmutzer gibt, die im Luxus leben, und mehr CO2-Verschmutzung verursachen als der Durchschnittsschweizer.

Die Grossverschmutzer in die Verantwortung nehmen
Im Sinne des Verursacherprinzips und des Prinzips der „gemeinsamen, aber unterschiedlichen Verantwortlichkeiten“ der Kyoto-Konvention, schlagen die Princeton-Forscher jetzt vor, die „1 Milliarde Hoch-Verschmutzer“, unabhängig ihrer Nationalität in die Verantwortung zu nehmen:
„Sharing Global CO2 Emissions Among 1 Billion High Emitters“. Sie schlagen eine individuelle Obergrenze der CO2-Emission vor, die von diesen Hochverschmutzern nicht überschritten werde soll. Die Milliarde der Hochverschmutzer hätte es gemäss den Princeton-Berechnungen in der Hand, die CO2-Belastung unseres Planeten bis 2030 wenigsten auf dem heutigen Stand zu stabilisieren, wenn sie pro Person nicht mehr als 11 Tonnen CO2 pro Jahr verursachen würde.

Dass dies nicht reicht, unser Klimaproblem zu bewältigen, sei nur am Rande erwähnt. Der Princeton-Ansatz ist dennoch zukunftsweisend: Wir sind unterwegs zum „individuellen ökologischen Fussabdruck“ (zum „ökologischen Fussabdruck“ generell: hier). Noch gibt es kein brauchbares System, das gültig berechnen kann, wieviel CO2 ich und mein Nachbar ganz individuell verursachen, wie gross unser „individueller ökologischer Fussabdruck“ ist. (ein Versuch zur Berechnung im Energiebereich: hier.) Dieser Ansatz ermöglicht aber spannende Konzepte, die unserer individualisierten Welt entsprechen, hundertprozent marktwirtschaftlich und „gerecht“ sind:

Ein individuelles Verschmutzungsrecht?
Wir könnten individuelle Verschmutzungs-Rechte vereinbaren: Ich und mein Nachbar – und alle Ãœbrigen – hätten ein jährliches CO2-Guthaben. Alle Güter, Waren und Dienstleistungen hätten nicht nur einen Frankenpreis, sondern auch einen CO2-Preis. Jeder Bezug würde von meinem individuellen CO2-Guthaben abgezogen. Wenn ich mich entscheide, statt meines japanischen SUV’s, ein Elektro Auto zu fahren, das in Deutschland produziert wurde, könnte ich es mir weiterhin leisten, Wein aus Südafrika einzukaufen. Wenn ich mein Haus besser isolieren würde, verträgt mein CO2-Konto die nächsten 2 Jahre auch Tauchferien auf den Malediven. Usw..
Dies eröffnet spannende Perspektiven in vielen anderen Bereichen: Plötzlich würden Ferien in der Schweiz, Nahrungsmittel aus der Region, mit dem Velo zur Arbeit fahren, usw. attraktiver, respektive entsprechend würden die Anbieter dieser Produkte und Dienstleistungen profitieren.

Utopie: Individueller CO2-Handel
Dieses System könnte sogar das Recht beinhalten, das persönliche CO2-Guthaben zu überschreiten. Dieses Recht hätte aber im Sinne des Marktes seinen Preis. Was bereits auf der Ebene der Wirtschaftsunternehmen funktioniert, könnte für das Individuum übernommen werden: Der CO2-Handel: Ich könnte meinem Nachbarn, der zu Hause arbeitet und in einer kleinen Zweizimmer-Wohnung lebt, einen Teil seines CO2-Guthaben abzukaufen.

Was für eine Utopie: Energiesparen, die Umwelt schützen würde sich wirklich lohnen; marktwirtschaftliche Freiheit; Umverteilung von oben nach unten, …… Gäbe es überhaupt Verlierer in dieser Utopie?

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