UPDATE: Durchbruch für den Goldenen Reis?

UPDATE: Der Durchbruch des Goldenen Reis in Bangladesh kommt wohl noch nicht so bald wie angekündigt: Meine Insiderquelle beim nationalen Forschungsinstitut berichtet mir, dass zunächst weitere Versuche gemacht werden, bevor der Goldene Reis für den kommerziellen Anbau in Bangladesh freigegeben wird.

Der Goldene Reis ist DAS Symbol des weltweiten Konflikts um die Gentechnologie. Nach über 20 Jahren Forschung und viel Polemik soll er jetzt im kommenden Mai in Bangladesh erstmals zur kommerziellen Nutzung freigegeben und damit künftig von Tausenden von Bauern angebaut und bald von Millionen Menschen im Globalen Süden gegessen werden. Dies hat der Agrarminister Bangladeshs angekündigt.

Für die Einen ist der Goldene Reis, der von Forschern an der ETH-Zürich (Prof. Ingo Portykus) und der Universität Freiburg/Deutschland (Prof. Peter Beyer) vor rund 25 Jahren „erfunden“ wurde, die Hoffnung auf den Durchbruch der Gentechnologie im Bereich Ernährung/Landwirtschaft, welche das Leben von Millionen von Kindern in der Dritten Welt retten und einen wesentlichen Beitrag zur Bewältigung der Herausforderungen des Klimawandels im Bereich der Ernährung leisten.
Für die Andern ist der Goldene Reis das Trojanische Pferd, mit dem die grossen Agrar-Konzernen eine generelle Akzeptanz für gentechnisch veränderte Pflanzen schaffen wollen, welche die Bauern der Dritten Welt von ihren Produkten abhängig machen soll – vom Saatgut über Dünger und Pestizide bis zur Vermarktung.

Dieser „historische Moment“ der Freigabe des Goldenen Reis wird mit Sicherheit internationale Schlagzeilen machen – falls er dann tatsächlich in den nächsten Wochen stattfindet:
Die Gentechgegner wollen mit vielfältigen Aktionen die Ausbringung zumindest behindern. Sie hoffen, ihre Botschaften nocheinmal lautstark in den internationalen Medien platzieren zu können.
Und man darf davon ausgehen, dass eine enstprechende Gegen-PR der Gentechbefürworter und der Industrie bereits vorbereitet ist.

Es ist kein Zufall, dass Bangladesh der Schauplatz des Durchbruchs für den Goldenen Reis sein wird: Das kleine, bevölkerungsreiche Land im Ganges-Delta gehört zu den Ländern, welche vom Klimawandel am stärksten bedroht sind. Seine Regierung unternimmt seit vielen Jahren grosse Anstrengungen, Lösung für die Herausforderung zu finden, bald 200 Millionen Menschen auf einer wegen dem Klimawandel schwindenden Landmasse zu ernähren. Bangladesh gilt gleichzeitig international als Labor für die sogenannte Climate Smart Agriculture, zu der auch gentechnisch veränderte Pflanzen gehören, die nicht nur höhere Erträge  bringen, sondern auch weniger Düngemittel und Pestizde brauchen sollen.

Obwohl der Goldene Reis nicht die erste gentechnisch veränderte Pflanze ist, die in Bangladesh zugelassen ist, hat seine erstmalige Freigabe für den kommerziellen Anbau eine Symbolkraft und politische Wirkung, die weit über Bangladesh und Südostasien hinausgeht. Dafür haben nicht zuletzt die grossen westlichen NGOs (allen voran Greenpeace) gesorgt, welche den Goldenen Reis seit 20 Jahren zum Hauptvehikel ihrer Anti-Gentech-PR hochstilisiert haben.

Die Befürworter der Gentechnik machen keinen Hehl daraus, dass auch sie den Goldenen Reis  und seine Lancierung in Bangladesh als Türöffner für die weltweite Nutzung der Gentechnik in der globalen Nahrungsmittelproduktion ansehen.
Sie halten die Gentechnik für dringend notwendig als Voraussetzung für die Sicherstellung der Ernährung der weiter rasch wachsenden Weltbevölkerung und für die Anpassung an den Klimawandel.

Inzwischen herrscht weitgehend wissenschaftlicher Konsens, dass gentechnisch veränderte Pflanzen nicht gesundheitsschädlich sind und auch nicht zu gefährlichen, wilden Kreuzungen mit andern Pflanzen führen.
Die Wissenschaft verfügt heute über langjährige Erfahrung mit gentechnisch veränderten Pflanzen und Lebensmitteln.  In den USA sind sie seit 1996 fester Bestandteil der Lebensmittelindustrie: Bis zu 80 Prozent aller heute in den USA verkauften Produkte enthalten gentechnisch veränderte Inhaltsstoffe.

Im Zentrum des anhaltenden Glaubenskriegs um die Nutzung gentechnisch veränderter Pflanzen steht heute das Argument der Abhängigkeit der Bauern und der Welternährung von den Agro-„Multis“. Sie halten die meisten Patentrechte auf gentechnisch verändertem  Saatgut.

Beim Goldenen Reis gilt dieses Argument der Abhängigkeit der Bauern von der Agroindustrie allerdings nicht:  die 32 Patentinhaber (darunter als wichtigstes Unternehmen die in Basel beheimatete Firma Syngenta) haben auf ihre Rechte (z.B. Lizenzgebühren) weitgehend verzichtet: Alle Kleinbauern mit einem Jahresumsatz von weniger als 10’000 US-Dollar sollen das Saatgut kostenlos erhalten. Auch die Nachzüchtung und die Wiederaussaat in den Folgejahren ist erlaubt; jedoch nur zum Eigengebrauch und nicht für Export und Agrarhandel. 

Wenn der Goldene Reis aber tatsächlich nur ein Türöffner ist, wie die Kritiker behaupten, dann besteht die Gefahr, dass die Agro-Konzerne bei andern Gentech-Produkten ihre Marktmacht um so skrupelloser ausspielen werden.
Die Gentech-Befürworter (und die Wissenschaft) machen allerdings geltend, dass dieses Problem politisch-rechtlich gelöste werden kann/muss.

Und das offizielle Bangladesh glaubt, der Welt zeigen zu können, wie dieses Problem der Abhängigkeit gelöst werden kann; am Beispiel der Aubergine, welche in Bangladesh ein Grundnahrungsmittel ist und Brinjal heisst:
Die staatlichen Forschungsinstitute Bangladeshs haben die in vielfältigen Sorten angebauten Auberginen gentechnisch so verändert, dass sie wesentlich weniger anfällig gegen Schädlinge sind und deshalb viel weniger gedüngt und mit Pestiziden gespritzt werden müssen. Seit 2013 erhalten die Bauern in Bangladesh die Bt Brinjal-Samen vom Staat und deren Nutzung auch bei der Wiederaussaat oder Weiterzüchtung ist frei. (Die Zweifel der NGOs dazu hier.)

Doch bisher ist die gentechnisch veränderte Aubergine in Bangladesh kein wirklicher Erfolg.  Offensichtlich haben die staatlichen Behörden 2013 ein noch nicht wirklich ausgereiftes Produkt auf den Markt gebracht, welches den Bauern häufig schlechte Ernteergebnisse gebracht hat. Diese Rückschläge waren natürlich Wasser auf die Mühlen der Gentechkritiker.
Inzwischen scheint man in Bangladesh aber einige Lektionen gelernt zu haben. Schon seit einiger Zeit steht auch eine gentechnisch veränderte Kartoffelsorte zur Freigabe bereit.

Noch immer sind aber auch bei der Aubergine nicht alle Probleme ausgeräumt: eine eben veröffentlichte Studie des International Food Policy Research Institute (IFPRI), welches eng mit dem staatlichen Agrarforschungsinsititut Bangladeshs (BARI) zusammenarbeitet, zeigt zwar Fortschritte bei der gentechnisch veränderten Aubergine, aber noch immer scheint die Entwicklung nicht reif – und die Bauern in Bangladesh zögern, auf die neue, gentechnisch veränderte Sorte umzusteigen.

Entsprechend ist der Widerstand der NGO nicht kleiner geworden.
Die kommerzielle Anpflanzung des Golden Reis steht unter kritischer Beobachtung.
Ob dies tatsächlich der erhoffte Durchbruch für die Gentechnologie im Bereich Ernährung/Landwirtschaft im Globalen Süden wird, ist zumindest noch offen.

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