Wann kommen die Ägypter?

(Credit: Wikiwand)

Das Thema Klima hat das Thema Flüchtlinge ersetzt – in der Politik, in den Medien. Es ist wohl kaum ein Zufall, dass entsprechend die Grünen Parteien in Europa Auftrieb haben, während die Rechts-Konservativen darben.

Doch es besteht „Hoffnung“ für die Rechts-Konservativen.
Die Flüchtlingsthematik wird wohl eher früher als später wieder ein Comeback feiern:

Da ist zunächst … die Klimathematik. Die Weltbank hat letztes Jahr prognostiziert, dass bis 2050 mit bis zu 140 Millionen Menschen weltweit zu rechnen ist, die aufgrund der Klimaproblematik ihre Heimat verlassen. Allein 86 Millionen könnten gemäss der Weltbank aus Afrika gleich jenseits des Mittelmeers fliehen.

Natürlich ist nicht zuletzt Europa ein logisches Ziel für viele Flüchtlinge; insbesondere Mittel- und Nordeuropa (inkl. die Schweiz), wo die Auswirkungen des Klimawandels noch bis auf Weiteres wenig dramatisch sein werden und weiterhin privilegierte Lebensbedingungen herrschen werden.

Zwar ist die Zahl der Flüchtlinge, die aus Afrika und Nahost zu uns nach Europa kommen, im letzten Jahr deutlich zurückgegangen. Wir müssen aber davon ausgehen, dass dies nur eine vorübergehende Entspannung ist.
Es sind nicht nur die Klimaflüchtlinge, die zunehmen werden. Es droht auch eine Fluchtwelle der Menschen, die im bevölkerungsreichsten Land jenseits des Mittelmeers leben – in Ägypten (gut 100 Millionen Einwohner):

„Ägypten schaut in einen Abgrund“, schreibt Yehia Hamed im Middle East Eye – die Ägyptische Wirtschaft sei im freien Fall; mit möglicherweise dramatischen Konsequenzen auch für Europa:

The effect will be catastrophic, not only for Egypt, but for her regional neighbours and also Europe in the form of huge swaths of migration that would occur should the economy fail.

Yehia Hamed, Middle East Eye 5. April 2019

Ich habe die alarmierende Situation mit der möglichen Konsequenz von zusätzlichen 20 bis 25 Millionen Flüchtlingen aus Ägypten schon vor gut drei Jahren hier auf Contextlink thematisiert. Als möglichen Auslöser für die Flüchtlingswelle sahen Ägyptenspezialisten damals einen drohenden Bürgerkrieg.
Diese Gefahr besteht auch weiterhin, wie Amr Darrag im Guardian schreibt, auch wenn der ägyptische Diktator al-Sisi das Land bisher mit eiserner Hand einigermassen unter Kontrolle halten kann.
Die grosse Bedohung liegt heute in der wirtschaftlichenn Situation des Landes: Zwar zeigen die offiziellen Wirtschaftsstatistiken eine positive Entwicklung Ägyptens und die IWF-Chefin Lagarde lobt das Land explizit für seine jüngste Entwicklung.
Tatsächlich verschlimmert sich die Lage für Millionen von Ägyptern täglich.
Das angesehene unabhängige Newsportal Mada Masr hat anfangs 2019 alarmierende Zahlen veröffentlicht: Die Armut steigt, die Mittelklasse schwindet.

Wie immer ist es wichtig, die Quelle von Informationen zu kennen, um deren Wert richtig beurteilen zu können. Deshalb muss man wissen, dass beide Autoren (Darrag und Hamed), die ich oben zitiere, ehemalige Minister der Regierung der Muslimbrüder unter Mohamed Morsi waren, welche 2013 von General al- Sisis weggeputscht wurde.
Und auch die in London ansässige Online-Publikation Middle East Eye, in der die zitierten Artikel abgedruckt sind, gilt als den Muslimbrüdern nahestehend.
Politisch weit entfernt von den Muslimbrüdern ist das englisch-sprachige Internetportal Mada Masr. Es gehört aber auch zur Opposition gegen das Regime al-Sisi, ist aber klar säkularistisch.
Die Aussagen der ägyptischen Opposition werden auch von für uns „unverdächtigen“ Publikationen gestützt wie der Agentur Reuters oder des Project Syndicat. Die renommierte israelische Tageszeitung Haaretz schreibt:

Kairos maßgeschneiderte Wirtschaft für Plutokraten hat viel weniger für normale Ägypter getan, und das ist eine gefährliche Entwicklung.

Haaretz, 3.10.2018

Die offiziell guten Zahlen sind das Resultat eines knallharten Austeritätsprogramms des Internationalen Währungsfonds, welches die Regierung al-Sisi gnadenlos durchzieht – auf Kosten der Bevölkerung. Der Lebensstandard eines durchschnittlichen Ägypters ist heute schlechter als vor 10 Jahren. Rund ein Drittel der Bevölkerung muss mit weniger als (umgerechnet) 2 Dollar 50 pro Tag auskommen. Die Inflation galoppiert, damit sinkt die Kaufkraft des ägyptischen Pfunds, Grundnahrungsmittelpreise steigen. Die Auslandschulden Ägyptens sind dramatisch gestiegen, während die ausländischen Investionen tief gesunken sind (viele Zahlen hier oder hier). Grösster Investor in Ägypten ist der Staat. Allerdings investiert er in eitle Grossprojekte, die der Bevölkerung wenig bringen, z.B. ein neuer Suezkanal oder eine neue Hauptstadt in der Wüste.

Während die Bevölkerung Ägyptens immer stärker leidet, wird die korrupte Elite immer reicher, speziell die Militärs. Transparency Interational nennt Ägypten die „Republik der Offiziere“.

Die europäischen Staaten schauen tatenlos zu. General al-Sisi gilt als Bollwerk gegen den islamischen Extermismus in Nahost. Gleichzeitig ist er ein wichtiger Partner der EU beim Management des aktuellen Flüchtlingsproblems von jenseits des Mittelmeers. Al-Sisi hat auch immer wieder skrupellos diese Karte der Flüchtlinge gespielt, um die internationale Unterstützung seines Regimes zu befestigen.

Für die kurzzeitige Eindämmung des Problems der Flüchtlinge (bis vor Kurzem vorallem Syrer, aber auch viele Sudanesen, Eritreer und andere Afrikaner), die via Ägypten nach Europa wollen, scheint Europa die Augen davor zu schliessen, dass dabei die Gefahr eines viel problematischen Szenarios vergrössert wird: die Flucht von Abertausenden von Ägyptern.

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