Iran: Der Widerstand ist weiblich

Nicht nur die Posen gleichen sich. „La Liberté“, schon in der französischen Revolution – am Ende des 18. Jahrhunderts und in der Julirevolution 1830 – war die Freiheit weiblich, symbolisiert durch Eugène Delacroix‘s „Marianne“. Sehr ähnliche Bilder haben wir diese Tage in Teheran gesehen:

Bild: AFP/Getty: Olivier Laban-Mattei. Die ganze, eindrückliche Bildstrecke über den Widerstand der Frauen auf Spiegelonline gibt es hier zu sehen.

Das hätte sich die Mullahs und Ayatollahs im Iran wohl nicht (alb-)träumen lassen: Es sind die Frauen, die ihnen die Stirn bieten, die ihre Macht bedrohen. Vielleicht ist das die gerechte Rache der Frauen für jahrzehntelange Unterdrückung, für die Verbannung hinter den Schleier.

Wir im Westen staunen. Hinter dem Schleier entdecken wir häufig sehr attraktive, sorgfältig zurecht gemachte, selbstbewusste, gebildete und vor allem wütende Frauen.
Sie sind es, die den Protest tragen. Während die Männer zurückweichen, treten die Fraue den Ordnungskräften furchtlos entgegen.
„Ihr Einsatz beweist,“ schreibt Annett Meiritz in ihrem Artikel „Revolte der Frauen“ auf Spiegel Online, „dass das westliche Bild der Frau im Gottesstaat längst überholt ist.“

Natürlich wussten wir – und haben manchmal auch entsprechende Bilder gesehen – dass das Bild, das uns die Propaganda (auch die westliche) von den Frauen in Iran vermittelte, nicht stimmt. Aber unsere Wahrnehmung war geprägt von schwarzen Stoffbergen, unter denen sich Frauen erahnen liessen, aber eben uniform-anonym. Toll dagegen die aktuellen Bilder der Frauen, die es schaffen, dass ihr Kopftuch mehr wie ein modisches Accessoire als ein Symbol der Unterdrückung aussieht.

Und es ist auch eine Frau, die zum Symbol des iranischen Protests, zum „Gesicht des Iran“ geworden ist: Neda Sultan, von den Sicherheitskräften erschossen. Auch wenn sie selbst das offensichtlich gar nicht gewollt hat: Sie könnnte zu dem werden, was Jan Palach nach 1968 für die Tschechen wurde oder „Marianne“ (und/oder Jeanne d’Arc) für die Franzosen oder Arnold Winkelried für die Eidgenossenschaft (und für manche Schweizer): Symbol des Widerstandes gegen die Unterdrückung.

Doch wir sollten uns im Westen keine Illusionen machen.
Erstens: Der Widerstand der Frauen wird nicht zu der im Westen erhofften schnellen Revolution im Iran führen, dafür ist der Machtapparat der Kleriker zu gut installiert. Mittel- und langfristig wird es aber zu Veränderungen kommen im Iran. Der Prozess des Widerstandes scheint unumkehrbar. Ob das Resultat des Aufbegehrens der Frauen allerdings unseren westlichen Vorstellungen entsprechen wird, darf bezweifelt werden, denn
Zweitens: Viele der Frauen, die wir jetzt bei den Protesten in Teheran wahrgenommen haben, sind nicht grundsätzlich gegen einen islamischen Staat. Und längst nicht alle werden den Schleier bei einem Regimewechsel ablegen. Das in der Revolte der Frauen manifestierte Selbstbewusstsein wird zu einer Veränderung im Rahmen der Werte des schiitisch-islamischen Iran – nicht des christlichen Westens – führen.


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