Vom Versuch der Journalisten, über sich selbst im Krieg zu schreiben.

Bild: Screenshot Privatvideo: Kaffeeklatsch Ramush Haradinaj (UCK-Kommandant, später Ministerpräsident Kosova) mit Contextlink-Müller; Glocane/Kosova 2000)

Ich lese Carolin EmckesVon den Kriegen. Briefe an Freunde„. Sie tut das, was Journalisten immer wieder versuchen, und woran ich mir schon oft die Zähne ausgebissen habe: Sie schreibt über ihre Arbeit in Krisengebieten und versucht gleichzeitig, sich selber dabei zu beobachten, respektive darüber zu schreiben, wie sie das Ganze persönlich erlebt. Sie versucht zu erzählen, was in ihr vorgeht angesichts der Monströsitäten des Kriegs und des Leids, das er verursacht. Auch sie ist gescheitert.
Das Buch der freien Reporterin Emcke (Bild rechts in Afghanistan) weckt in mir zwar viele Erinnerungen – wir waren offenbar zur gleichen Zeit an den gleichen Schauplätzen, allerdings ohne dass ich sie bewusst wahrgenommen habe, aber ich erfahre nichts Neues von dem, was mich wirklich interessiert: Was wirklich in ihr vorgeht, wie sie die Erlebnisse für sich selbst verarbeitet.

Nur wenigen Journalisten ist das bisher überhaupt gelungen. Unter den deutsch Schreibenden kenne ich nur Hans Christoph Buch: Der Untertitel seines Buches „Blut im Schuh“ sagt schon fast alles: „Schlächter und VOYEURE an den Fronten des Weltbürgerkriegs.“).

Weil sich Journalisten – glücklicherweise meist zurecht – schwer tun, über sich selbst zu schreiben, versuchen einige ihre Botschaften loszuwerden, indem sie Kollegen porträtieren – Journalisten- oder Fotographen-Stars. Doch auch das scheitert meist. Von der Oeffentlichkeit wird das in der Regel nicht so wahrgenommen, doch einzelne dieser Produkte (Christian Freis „War Photographer“) sind sogar schon für einen Oscar vorgeschlagen worden.

André Marty, Israel-Korrespondent des Schweizer Fernsehens (Bild links), der das, was er am TV-Schirm nicht erzählen kann, auf seinem Blog verarbeitet, empfiehlt jetzt den DOK-Film „Bloodtrail“ als gelungenes Beispiel. Ich hatte leider noch keine Gelegenheit den Film zu sehen, aber wenn er tatsächlich gut ist, ist er die berühmte Ausnahme, die die Regel bestätigt.

Dem Krieg – und sich selbst – wirklich nahe zu kommen, haben fast nur Journalisten geschafft, die die Energie und Ausdauer gefunden haben, einen Roman zu schreiben. Die Form des Romans erlaubt es ihnen, den Fakten auch Nicht-selbst-Erlebtes und eigene Fantasien beizufügen, ohne sich dabei direkt entblössen zu müssen. Ernst Jünger war so einer oder Ernest Hemingway oder Michael Herr, der die Mutter als modernen Kriegsroman geschrieben, „Dispatches“, geschrieben hat. In jüngster Zeit sicher auch Arkadi Babtschenko mit seinem schlimmen Tschetschenien-Buch „Die Farbe des Krieges“. Aus dem Irak und aus Afghanistan habe ich noch nichts wirklich starkes gefunden, vielleicht Anthony Swofford’s „Jarhead“.

Gemeinsam ist all diesen Schriftstellern und Journalisten mit Carolin Emcke und mir: die Faszination für den Krieg. Die Lust am Krieg. Einige versuchen diese doch etwas perverse Faszination zu kaschieren, indem sie von ihrer „Pflicht zu berichten und aufzuklären“ faseln. Auch der Star-Kriegsfotograph James Nachtwey spricht leider in „War Photographer“ davon, er müsse sich „der Verantwortung stellen„. Diese Kriegsberichterstatter sind bestenfalls Romantiker oder Missionare, eher Lügner oder zumindest Selbstbetrüger.
Fast schmerzhaft konsequent – und der Wahrheit wohl viel näher – hat Anthony Loyd seinen persönlichen Kriegserlebnissen den Titel „My war gone by, I miss it so“ gegeben.

Die Triebfeder all dieser Autoren, den grossen wie den kleinen, ist immer dieselbe: Ueber den Krieg nachdenken, über die Menschen im Krieg nachdenken, über sich selbst im Krieg nachdenken. Es ist auch ein Verarbeiten. Nicht so sehr, was man gesehen oder erlebt hat, sondern, wie man sich selbst im Krieg erlebt hat.
Hans Christoph Buch (Bild rechts) formuliert es in „Blut im Schuh“ (S. 16) so: „Indem ich mich in eine Extremsituation begebe, versuche ich, mehr in Erfahrung zu bringen über mich selbst.“ Was ihn antreibt ist die „Neugier“: „Neugier auf die condition humaine – ich will wissen, wie meine Mitmenschen zu Beginn des 21. Jahrhunderts leben und woran sie sterben – aber auch Neugier auf mich selbst.“
(Ausschnitte aus „Blut im Schuh“ findet man in diesem Interview mit H.C. Buch hier.)

Der Grund warum sie/wir schreiben oder zu schreiben versuchen: Journalisten, die im Krieg sind oder waren, haben schlicht zu wenig Möglichkeiten dieses Bedürfnis, über sich und den Krieg zur reden, zu befriedigen.

Am allerwenigsten gelingt ihnen das mit ihrer offiziellen Berichterstattung. Die Artikel und Beiträge im eigenen Medium werden dem bei Weitem nicht gerecht, was sie erleben. Die Heimredaktion will von ihrem Korrespondenten „draussen an der Front“ Berichte und Reportagen, die das bestätigen, was sie schon weiss, und von dem sie selbstbewusst behauptet, es sei das, was die Hörer, Zuschauer oder Leser wissen möchten, respektive, was diese das angebotene Medium weiter konsumieren lasse. Schlimmer noch: Wenn ich von einer Reportage „draussen“ – zum Beispiel wie im Bild Links im Herbst 2000 aus dem gebirgigen Hinterland im Kosova – zurück in die Hauptstadt Pristina kam, weil es nur dort die nötige Infrastruktur für einen vom Live-Duplex gab, hatte ich häufig keine Ahnung, was in der Zwischenzeit im Land gelaufen war. Draussen in der Pampa kommt ein Reporter nicht an die nötige Informationen. Seine Sicht ist beschränkt auf den kleinen Ausschnitt des Geschehens, den er selbst erlebt, und es ist sehr schwierig, diesen in das „richtige“ grosse Bild einzuordnen. Die Zentrale in Zürich musste mich deshalb häufig mit den wichtigsten Infos zur aktuellen Lage im Kosova aufdatieren. Diese habe ich dann vom Ort des Geschehens in meinem Auftritt in 10vor10 wiedergegeben.
Was man als Reporter vor Ort eigentlich wirklich authentisch schildern kann, ist also höchstens eine Momentaufnahme, ein subjektiver, persönlicher Eindruck. Nur eben: meist interessiert man sich in der Heimredaktion gar nicht für diese Stories. Wenn man eine erzählt, riskiert man Kritiken wie „zu komplex“, „zu wenig wichtig“ und häufig: „zu parteiisch“.

Das Bedürfnis der Krisen-Journalisten kann auch nicht befriedigt werden mit dem späteren Erzählen zuhause, bei Freunden. Auch diese wollen Stories, Abenteuer, Dramatisches hören. Nicht das Alltägliche, fast Banale, was intelligente und sensible Reporter im Krieg wirklich beschäftigt. Die Freunde wollen ihren Freund-Reporter als Helden bewundern können. „Hast Du nie Angst?“ oder „Wie kannst Du das nur alles verarbeiten?“ sind solche Bewunderungsfragen. Und weil das den Reportern auch ein bisschen schmeichelt, befriedigen sie dieses Bedürfnis ihrer privaten Bewunderer mit den nötigen Heldengeschichten. Selbst erlebt oder selbst gehört. Manchmal vermischt sich auch beides.

Aber über das, wasihn eigentlich beschäftigt, kann der Rproter mit fast niemandem Reden. Nicht nur, dass es kaum jemanden interessiert, wir sind auch überzeugt, dass wir gar nicht wirklich fähig sind, das in Worte zu fassen, was uns bewegt. Vielleicht, weil wir es selbst gar nicht wirklich fassen können. Aber vielleicht ist das auch nur eine Ausrede zur Schaffung eines Nimbus im Sinne von: da muss noch viel mehr, eben Unaussprechliches, unter der Oberfläche der Geschichten sein.

Carolin Emckes Buch ist also ein neuer Beleg für die Schwierigkeit, über sich selbst im Krieg zu reden. Ihr Buch bringt nichts Neues, es ist auch selten wirklich persönlich. Sie vermittelt manchmal gar ein schlechtes Journalistenbild, welches ihr vermutlich gar nicht gerecht wird: Naives Staunen einer jungen deutsche Journalistin, welche grad die Welt entdeckt und alles furchtbar neu und ganz speziell findet.

Natürlich tue ich ihr ungerecht, doch wenn ich ihr Buch lese, habe ich immer wieder das Gefühl laut protestieren zu müssen: Nein, das ist nicht richtig so, Du kratzt nur an der Oberfläche, Du hast nichts begriffen!
Dabei ist Carolin Emcke vermutlich auch nur daran gescheitert, das auszudrücken, was sie wirklich erzählen wollte, weil es sich eben nicht erzählen lässt.

Vielleicht hat sie – haben wir – nur Hemmungen, auszusprechen, zu schreiben, wie es wirklich ist und was in uns vorgeht. Vielleicht sind es gar Hemmungen, eine Art Schutz, um nicht wirklich konsequent zu Ende denken zu müssen. Man ist beschämt über sich selbst, man hat Angst, sich den Lesern, Zuhörern zu öffnen, sich zu disqualifizieren, entweder als kriegslüstern, sensationsgeil oder – wohlwollender – einfach als traumatisiert – sprich etwas wahnsinnig – zu gelten.

So lasse ich es lieber und versuche, mich – und das, was ich denke – bei anderen Autoren wieder zu finden.

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One Response to Vom Versuch der Journalisten, über sich selbst im Krieg zu schreiben.

  1. André says:

    Es kann sein, dass der eine oder andere sprachlos aus dem Krieg nach Hause kommt.
    Es kann auch sein, dass der eine oder andere gar nicht nach Hause kommt.
    Es kann aber auch sein, dass der eine oder andere bereits bevor er in den Krieg (oder zum Amoklauf, zum Verkehsunfall etc.) zieht, sich hier kundig macht:

    http://dartcenter.org/

    http://dartcenter.org/german

    Und: ein grosses Kompliment an Andrea Müller, der hier aus der Schule plaudert – das tun ja Journalisten sonst eher selten…

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