Af-Pak: Medien-Krieg mit den Taliban

„Dank überlegener Feuerkraft verlieren die westlichen Truppen fast keine Schlacht gegen die Taliban-Kämpfer in Afghanistan. Aber in der Kommunikationsschlacht haben die Militanten die Oberhand.“ So lautet das Fazit einer Studie des „Council on Foreign Relation“ (CFR) zum „Informationskrieg“ in Afghanistan-Pakistan. „Die Taliban gewinnen nicht einfach nur den Informationskrieg,“stellt einer US-Kommunikationsspezialisten in Afghanistan fest, „wir wehren uns nicht einmal richtig dagegen.“ Und der Direktor für strategische Kommunikation der US-Armee, Oberstleutnant Shawn Stroud, bläst in selbe Horn: „Es sieht fast aus, als hätten wir das Schlachtfeld der Information aufgegeben.“
US-Aussenministerin Hillary Clinton hat es am 20.Mai vor einem Senatskomitee auf den Punkt gebracht: „The U.S. is losing the media war in Afghanistan and Pakistan.“ Und: „Es muss etwas getan werden.“
Das ist der Punkt:

Vorbereitung US Gegenpropaganda-Offensive
Natürlich haben die USA nicht einfach aufgegeben im Propagandakrieg gegen die Taliban. Die alarmierenden, selbstkritischen Analysen sollen das Feld bereiten, für die von den US-Militärs vorbereitete Informations-Offensive in Afghanistan-Pakistan. Sie soll insbesondere der Öffentlichkeit und der Politik in den USA bewusst machen, welch zentrale Rolle der Information auch im Krieg in Af-Pak zukommt und weshalb das viele Geld, das jetzt für den Medienkrieg verwendet wird, eben gut investiert ist.

Das Ziel der US-Militärs wird mit dem Titel der CFR-Studie formuliert: „Winning the information war.“ Damit soll auch eine der Forderungen des obersten US.Kommandanten, General Petraeus erfüllt werden.

Hier ein paar Hintergrund-Infos zur Situation auf Basis der mir zugänglich Informationen im Internet:

Die Taliban-Propaganda
Die Taliban sind den westlichen Alliierten in Sachen Propaganda gemäss einer Vielzahl von Berichten in den westlichen Medien (siehe u.a. Studie der International Crisis Group oder hier) sowohl an der inneren Front – gegenüber der einheimischen Bevölkerung – überlegen, sondern auch gegen aussen – bei der Nutzung der internationalen Medien.
Die Taliban haben schon länger begriffen, dass es ein zentrales, strategisches Ziel ist, die internationale Medien zu erreichen. Thomas X. Hammes, früher Oberst der US-Marine, schreibt in seinem Buch 2006 „The sling and the stone“, die Taliban nutzten „alle irgendwie zugänglichen Netzwerke – seien sie politisch, sozial, wirtschaftlich oder militärisch, um die feindlichen Entscheidungsträger davon zu überzeugen, dass ihre strategischen Ziele entweder schlicht nicht erreichbar oder dass dafür ein zu hoher Preis zu bezahlen ist.“

Die Taliban schneller als Amerikaner
Es hat zum Beispiel 16 Tagen gedauert, bis die USA-Army den internationalen Medien ihre offizielle Version der US-Bombardierung in Bala Baluk, in der westafghanischen Provinz Farah vom 4. Mai 2009 liefern konnten, welche damals zum Tod von rund 60 Taliban-Kämpfern aber auch von zahlreichen Zivilisten geführt hatte. In den Medien (auch im Westen) war die Rede von 120 zivilen Opfern, die offizielle Untersuchung der US-Army spricht jetzt von „nur“ 20 – 30 getöteten Zivilisten.

Die Taliban brauchten nach einer US-Militäraktion irgendwo in Pakistan nur 26 Minuten – um ihre Version der Ereignisses zu verbreiten, welche dann sofort auf den Newstickers zum Beispiel der BBC erscheinen. Dies berichtet Michael Doran, ehemaliger Assistent im US-Verteidigungsministerium in einem Vortrag über „öffentliche Diplomatie“ bei der Heritage Foundation. „Wir haben diese Zeit gestoppt.“

Die Taliban schrecken gemäss der CFR-Studie auch nicht vor medienträchtigen Inszenierungen mit zivilen Opfern zurück. Wenn die Taliban-Führung zum Beispiel eine Botschaft verbreiten wolle, die afghanische Regierung sei nicht fähig, die eigenen Bevölkerung zu beschützen, würden die Taliban-Kommandanten zum Beispiel einen Hinterhalt planen und dafür sorgen, dass dieser fotografiert oder gefilmt werde, um das Material dann online via Mobiltelefone oder internationale Medienagenturen zu verbreiten. „Das Ziel der ganzen Militäraktion der Taliban ist es, ein Video zu machen,“ sagt Stephen Biddle von CFR.

Taliban-Propaganda gegen innen
„Radio Mullah“, der Spitzname von Maulana Fazlulla (Bild links) ist Programm. Der oberste Chef der Taliban im Swat-Tal nutzt seit Jahren das Radio als zentrales Mittel der Propaganda. Nicht zuletzt als Mittel zur Einschüchterung der Bevölkerung (NYT).

Die täglichen Sendungen der Taliban waren bis zur jüngsten Offensive der pakistanischen Armee im Swat-Tal Pflicht für die Bevölkerung, denn es kann gefährlich sein, Anordnungen, die die Talibanführung über Radio verbreitet, nicht zu kennen.

Die Taliban benutzen häufig mobile Radiosender, welche sie zum Beispiel auf einem Pick-Up montieren, um ihre Programme und Botschaften zu verbreiten: Anweisungen, was „unislamisch“ und deshalb verboten ist, zum Beispiel der Verkauf von DVDs, Kabelfernsehen schauen, singen oder tanzen oder sich den Bart abrasieren oder die Mädchen zur Schule schicken. Es kann aber auch sein, dass über Radio bekannt gegeben wird, welche Leute die Taliban kürzlich getötet haben, weil sie ihre Dekrete nicht befolgt haben – oder wer als nächstes getötet werden soll.
Diese Botschaften sind für die Radiohörer sehr glaubwürdig, denn die Taliban deponieren ihre geköpften Opfer zur besonderen Abschreckung und zur Einschüchterung aller Übrigen häufig auf offener Strasse (siehe Bild rechts).

In Afghanistan, in Gebieten, in denen es nicht genug Radiogeräte oder Sender gibt, lassen die Taliban auch sogenannte Nacht-Briefe („Night-Letters) verteilen, welche dieselbe Funktion haben, wie die Radioprogramme: Einschüchterung und Kontrolle der Bevölkerung.

Relativierung der Taliban-Propaganda gegen aussen
So alarmierend die Berichte über die Propaganda der Taliban sind, sie müssen auch als Gegenpropaganda der Alliierten eingeordnet werden. Denn ganz so geschickt, wie dies in der aktuellen Informationskampagne der US-Army dargestellt wird, ist die Taliban-Propaganda nicht – zumindest, was den Bereich gegen aussen, gegenüber den Menschen im Westen, betrifft.
Der Weblog Sicherheitspolitik, ein der deutschen Bundeswehr nahestehende Website, relativiert:
„Den afghanischen Aufständischen wird allgemein unterstellt, zunehmend professionell Propaganda zu betreiben. Tatsächlich finden sie häufig westliche Journalisten, die ihre Darstellungen wenig kritisch übernehmen, und bestimmte Elemente der Propaganda der Taliban (Aufstandsbewegung als Massenbewegung, Aussichtslosigkeit von Interventionen in Afghanistan etc.) sind aufgrund der Weitergabe durch westliche Medien zunehmend Teil der Wahrnehmung innerhalb westlicher Gesellschaften.“
Tatsächlich aber seien die Taliban „bei weitem nicht so professionelle Propagandisten, wie allgemein behauptet wird.“ Das Weblog Sicherheitspolitik hat die Aussagen des Talibansprechers Zabihmullah Mujahid in einem CNN-Interview analysiert: „Er versteht westliche Zielgruppen nur wenig, was die Effektivität seiner Botschaften deutlich mindert.“
Embedded video from CNN Video
Kommentar AM: Das fehlende Verständnis für die „westlichen Zielgruppen“ der Taliban-Führung zeigt einmal mehr, welches der wirkliche Fokus der Taliban ist: Er ist eben NICHT international, sondern höchstens regional ausgerichtet. Die Taliban führen keinen „Globalen Jihad“. Schon fast verzweifelt versuchen die Kommunikationsspezialisten der alliierten Streitkräfte, dieses Bedrohungsszenario „Globaler Jihad“ aufrecht zu erhalten. Denn, wenn die US-Bevölkerung erst einmal begriffen hat, dass es sich beim Krieg in Afghanistan „nur“ um ein regionales Problem handelt, bei dem zwar die geostrategischen Interessen der USA betroffen sind, dass deswegen aber keine unmittelbare, physische Bedrohung des „US-Homelands“ besteht, werden sie wohl kaum mehr lange bereit sein, eine ständig wachsende Zahl ihrer „Boys“ in Afghanistan sterben zu sehen.

Die alliierten Kommunikationsspezialisten stehen vor einer sehr schwierigen Herausforderung: Eine Kommunikationsstrategie ist dann am glaubwürdigsten, wenn sie auf einem realen Boden steht, möglichst „wahr“ ist. Es aber ihr Job, das Beste aus der fast unmöglichen Situation zu machen. So packen sie es an:

Gegenmassnahmen der US-Armee
Oberstleutnant Shawn Stroud (Bild links), der bis Mai 2009 Direktor der strategischen Kommunikation für Afghanistan war, hat sich nach Fort Leatherworth zurückgezogen. Auf diesem Armeestützpunkt im Bundesstaat Kansas hat schon General David Petraeus seine Counterinsurgency-Strategie entwickelt, welche heute die Grundlage der neuen Strategie der USA für den Irak und AF-Pak ist.
Stroud hat den Auftrag, bis im Herbst das „Information operations manual, FM 3-13“ aus dem Jahr 2003 zu überarbeiten (Intro: „Information is an element of combat power.“), respektive eine neues Manual vorzulegen, welches den aktuellen Bedürfnissen des Propagandakriegs in Afghanistan entspricht.
Stroud will gemäss CRF insbesondere die Zuständigkeit für die Vorort-Information ändern: Während bisher „hohe Offiziere weitab vom Schlachtfeld“ über die Medieninformationen entschieden haben, ist es das Ziel des neuen Manuals, diese Verantwortung in die Zuständigkeit der Kommandanten vor Ort zu geben. „US-Kommandanten im Feld brauchen die Mittel, um kontraproduktive Botschaften schnell zu bekämpfen. Zum Beispiel direkt mit den News-Medien zu sprechen oder Operationen zu filmen und ihre eigenen Videos ins Netz zu stellen, bevor dies die Taliban tun.“

Auch an der Front der Information gegen innen, gegenüber der afghanischen Bevölkerung, wollen die Kommunikationsverantwortlichen viel ändern. Dabei sollen sowohl technische wie „weiche“ Massnahmen greifen. Admiral Gregory J. Smith, Kommunikationsdirektor des für Afghanistan zuständigen Central Command, spricht gegenüber CFR einerseits von der „Finanzierung von Radiosendetürmen und Nachrichtensendern, welche lokalen Programmanbietern erlauben soll, mit der lokalen Bevölkerung in Kontakt zu kommen.“

Gleichzeitig will die US-Armee gezielt Radiosender (Transmitter) der Taliban zerstören und auch ihre zahlreichen Webpages aus dem Internet entfernen.
Auf diese Ankündigung der US-Army haben die Taliban bereits reagiert. Auf ihrer englischsprachigen Webpage „Theunjustmedia.com“ schreiben sie, das sei keine neue Massnahme. Die US-Armee hätten in den letzten Jahren häufig ihre Kommunikationsmittel zerstört. „Die Amerikaner sollten sich wirklich schämen, dass sie trotz ihrer riesigen materiellen Ãœberlegenheit Angst vor ein paar lokalen Internet-Sites und FM Radiostationen haben, welche nicht über einen 20-Kilometer-Radius hinaussenden können.“

US-Experten empfehlen dringend, in Afghanistan auch inhaltlich neue Botschaften zu senden. Stephen Biddle von CFR nimmt eine Forderung von Präsidnet Obamas Sonderdiplomaten für Af-Pak, Richard Holbrooke auf, wenn er schreibt, die Koalitions-Kräfte sollten besser verstehen lernen, was die Taliban, warum sagen, um sie auch inhaltlich herausfordern zu können:
„In der Kunar-Provinz haben wir erfolgreich integrierte militärisch-politisch-wirtschaftlich Operationen entwickelt, um die lokale afghanische Bevölkerung mit der Regierung zu verbinden und eine Geschichte zu erzählen, welche die Taliban ins Offside stellt, die unschuldige Afghanen töten.“ Eine Geschichte, die die Amerikaner als diejenigen darstellt, die die Bevölkerung verteidigt und schützt.

Admiral Smith betont, es gehe im Grunde darum, „die Debatte unter den Afghanen zu fördern, nicht einfach nur Amerikanische Werte zu predigen.“

Honni soit qui mal y pense.

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