Israels schmutziger Krieg – heuchlerisches Entsetzen

Bild: Quelle unbekannt, alle weiteren Bilder von nogw.com und/oder IDF

Die israelische Tageszeitung Haaretz hat diese Woche zweimal auf der Front über die „Geständnisse“ israelischer Soldaten, die im Gaza-Krieg waren, berichtet. Die Soldaten, vom Batallionskommandant bis zum gewöhnlichen Infanteristen, haben diese Aussagen vor einer Untersuchungskommission der israelischen Armee gemacht. Die Armee selbst hat den daraus entstanden Report jetzt veröffentlicht.

Die Gaza-Veteranen berichten – natürlich – Schreckliches: Nicht, was sie erlitten haben, sondern, was sie getan haben.

Die internationale Presse und vor allem israelische Offizielle bis hin zu Kriegsminister Ehud Barak geben sich entsetzt bis schockiert und verlangen „schonungslose Aufklärung“.
Das Entsetzen ist pure Heuchelei. Was Amos Harel in einem Haaretz-Kommentar über die Spitze der Israelischen Armee schreibt, gilt auch für die Westmedien, die jetzt Entsetzen bis Empörung heucheln:
„Wenn die israelische Armee (-Spitze) wirklich noch nie von diesen Ereignissen gehört hat, muss man davon ausgehen, dass sie davon nichts wissen WOLLTE.“

Krieg ist immer schmutzig
Krieg ist nie sauber. Im Krieg machen Soldaten immer Sachen, die nach zivilen und menschlichen Massstäben Verbrechen sind. Wer heute immer noch glaubt, die Bilder, die wir jeweils vom Krieg – und zuletzt auch vom Gazakrieg – sehen, zeigten das wahre Bild des Kriegs, der ist nicht bloss naiv: Der macht sich mitschuldig.

Der Report der israelischen Armee zuhanden des Oberkommandos, der jetzt in den Medien für Aufsehen und Entsetzen sorgt, bestätigt nur, was man aus allen früheren Kriegen weiss:

Der Anführer einer Infanteriegruppe in Gaza in dem Armee-Report wie ein israelischer Scharfschütze eine palästinensische Mutter und ihre zwei Kinder kaltblütig erschoss, nachdem sie von den israelischen Soldaten aufgefordert worden war, ihr Haus zu verlassen. Ueber die Gefühlslage des Schützen sagte er: „Ich glaube nicht, dass er sich schlecht dabei gefühlt hat, denn eigentlich hat er – was ihn betrifft – nur seinen Job gemacht, wie ihm befohlen war.“

Keine Moral, nur panische Angst
Der dominierende Zustand der Menschen im Krieg ist Angst, panische Angst vor dem eigenen Tod. Ein Mensch im Krieg ist bereit, alles zu tun, um sich selbst – und seine engsten Kameraden – zu schützen. Es gibt keine zivile Rationalität mehr und schon gar keine Moral.
Im Krieg ist es zum Beispiel „normal“ und nur logisch, dass Kommandanten ganze Gebäude mit Artillerie und Panzerfeuer platt machen lassen, bevor sie ihre Männer hinein schicken mit dem Befehl, auf alles zu schiessen, was sich bewegt, ohne jede Vorwarnung (dazu auch der Contextlinkbeitrag „1000 Tote in Gaza“).
„Was wollt ihr von mir?“ fragt Yotam, ein Batallionskommandant in einem Gespräch mit der JerusalemPost mit einer von Wut und Angst erfüllten Stimme. . „Ich habe getan, was ich konnte – ich wollte meine Männer retten. Es war nicht meine Absicht, unschuldige Menschen zu töten. Natürlich hatten wir Karten, Lenkraketen und jede Art von Hightech-Ausrüstung. Aber Zivilisten wurden getötet. Zivilisten werden in Kriegen getötet. Bin ich deshalb ein Krimineller? Bin ich Eichmann? Ein Massenmörder wie Milosevic? Wie Idi Amin?“

Ein Gruppen-Führer beschreibt die Stimmung unter seinen Soldaten so: Das Leben von Palästinensern ist viel, viel weniger wichtig als das Leben unserer Soldaten. Soweit es sie betrifft, können sie es (das Töten von Zivilisten) mit dieser Begründung rechtfertigen.“

Feinde sind keine Menschen
Hier kommt ein anderer, wichtiger Aspekt dazu, der in jedem Krieg „normal“ ist: Die Dehumanisierung des Feindes.
In den Schilderungen der Soldaten in dem Report zuhanden der israelischen Armeekommandos, aus dem Haaretz zitiert, zeige, eine „dehumanisierende Sicht des Feindes“ sei unter israelischen Soldaten „so schlimm wie noch nie zuvor.“

Danny Zamir, der Verantwortliche für den Armee-Report über die Befragung der Gaza-Veteranen, erzählte Haaretz, die Soldaten hätten berichtet, die Offiziere seien nie eingeschritten, wenn Soldaten absichtlich Eigentum zerstört, Zivilisten schikaniert oder zum Beispiel „Tod den Arabern“ an Hauswände gemalt oder Famileinbilder von der Wand genommen und drauf gespuckt hätten. Auf die Frage gesitteter Kollegen, warum sie der Zivilbevölkerung dies antun, hätten die Soldaten zur Antwort gegeben: „Weil sie Araber sind.“

Das Töten erleichtern
Die Dehumanisierung des Gegners findet in jedem Krieg nicht nur bei den Soldaten ständig statt, sondern wird häufig auch in der Ausbildung bewusst gefördert. Die US-Soldaten nannten die Vietcongs zum Beispiel „Gooks“, Kakerlaken, usw.. Die Feinde sind oft gar keine richtigen Menschen.
Es fällt „normalen“ Menschen schwer, andere Menschen zu töten. Die Dehumanisierung dient dazu, die Tötungshemmung innerhalb der eigenen Art abzubauen, weil man gar nicht mehr ein Wesen der eigenen Art töten muss, sondern einer niederen Art. „Ungeziefer“, etc..

Diese Dehumansierung ist übrigens nur die konsequente Anwendung des Rassismus und auch eines übersteigerten Nationalismus. „Wir sind die Auserwählten“ und zählen eben mehr. „Das Leben von Palästinensern ist viel, viel weniger wichtig als das Leben unserer Soldaten.“

Menschen töten, traumatisiert Menschen
Es gibt einen Typ Mensch, der die Situation seiner plötzlichen Macht und „Freiheit“ im Krieg geniesst, wie dieser befragte israelische Soldat: „Es war grossartig in Gaza – Du siehst jemanden den Weg runter kommen, unbewaffnet, und kannst ihn einfach erschiessen.“

Andere Menschen stellen entsetzt fest, zu was sie in einer ganz speziellen Situation fähig seien. Sehr viele Menschen können mit dieser Situation, mit ihrem Verhalten in dieser Situation des Krieges, nicht umgehen. Sie werden nachhaltig traumatisiert.
Es hilft ihnen nicht zu wissen, dass ihr unmenschliches Verhalten, gar nicht wirklich ungewöhnlich, sondern eher „normal“ ist.
Ihre Situation wird aber noch viel schlimmer, wenn sie sich nach der Rückkehr aus dem Krieg in einer Gesellschaft zurecht finden müssen, die ein ganz anders Bild des Krieges pflegt.

Die Politik braucht Helden, keine Traumatisierten
Die Gesellschaft will die traumatisierten Rückkehrer als Helden ansehen und will gar nicht wissen, was die Soldaten erlebt oder auch selber angerichtet haben.
Die Rückkehrer werden sogar von den Gesetzen des Friedens bedroht, welche ihre „Normalität des Krieges“ als Verbrechen einstuft, als zu bestrafende Entgleisung von Einzelnen, welche den Ehrenkodex der Armee verletzt haben.

Die Verurteilung einer zufälligen kleinen Auswahl von Kriegsverbrechern muss genauso sein, wie die heuchlerische Empörung über die „bisher nicht vorstellbaren Entgleisungen“ in den Medien, damit ein Kriegsgewinnler wie Verteidigungsminister und Ex-General Ehud Barak, der als altgedienter Soldat – mit 100-prozentiger Sicherheit wider besseres Wissen – weiter behaupten kann: Wir haben die moralischste Armee der Welt.“

Noch viel wichtiger ist aber, dass die Mütter und Väter daran glauben, der Krieg sei ehrenwert und gerecht und die Soldaten tapfer, heldenhaft und moralisch sauber, denn sonst würden sie wohl künftig nicht mehr zulassen, dass ihre Kinder in den Kriegen, die den Interessen anderer dienen, verheizt werden, physisch und/oder psychisch.

Literaturempfehlungen:

Joanna Bourke: „An Intimate History of Killing“, Basic Books 1999
Lt.Col. Dave Grossman: „On Killing“, Littl Brown & Co 1996
Jonathan Shay: „Achill in Vietnam“, Hamburger Edition 1998
Hans Christoph Buch: „Blut im Schuh“, Eichborn 2001
Bernard-Henri Lévy: „Réflexions sur la Guerre“, Grasset 2001
Wolfgang Sofsky: „Traktat über die Gewalt“, S.Fischer 1996
Arkadi Babtschenko: „Die Farbe des Krieges“, Rowohlt 2007

und „die Mutter aller Kriegsbücher“:
Michael Herr: „Dispatches“, Vintage Books 1977, auf Deutsch erschienen unter dem Titel „An die Hölle verraten“.


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